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Ausgabejahr 25 | 04 - 2025 Kostenlos zum Mitnehmen

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9 Wackelige Welt. Gut gekleidet in die Apokalypse Foto: Thorsten Brieger www.thorstenbrieger.com Wie wir das Bild gemacht haben, erfahren Sie auf Instagram @espressomagazin Liebe Leserinnen und Leser, kommen Sie sich momentan auch bescheuert vor, Ihre Mehrfachstrohhalme zu spülen, während Trump in den U.S.A. mit einer Unterschrift Plastikstrohhalme wieder salonfähig macht? Fragen Sie sich auch, was man überhaupt noch kaufen oder konsumieren kann, das nicht rechtsradikal verseucht ist? Zweifeln Sie am gesunden Menschenverstand, weil Sie selbst versuchen weniger Fleisch, oder zumindest bio und regional zu essen, der größte Wurst-Influencer der bayerischen Politik aber den übermäßigen Fleischkonsum legitimiert und auch noch einen verurteilten Umweltsünder als Landwirtschaftsminister "am Schalthebel der Macht" haben möchte? Bauernpräsident Felßner stellt Fakten zum Arten- und Klimaschutz infrage. Jetzt sind wir also auch im Zeitalter der alternativen Fakten angekommen. Wollen wir da einfach weghören? Hallo CSU? Und selbst wenn wir zum Selbstschutz auf (Fake-)News pfeifen und in unserem Mikrokosmos bleiben wollen, so begegnet uns im Supermarkt die Müller-Milch von Theo Müller, der mit Alice Weidel paktiert. Schnell ein Ersatzteil bestellen bei Amazon oder einen neuen Film bei Amazon prime schauen zur Ablenkung? Stimmt, da war doch was. Amazon-Guru Jeff Bezos ist ja auch einer von den üblen Typen, die wir täglich mit unserem Geld pushen, wenn wir einfach so weiter machen wie bisher. Er gab übrigens kürzlich in seiner Position als Eigentümer der Washington Post bekannt, die Meinungsfreiheit in seinem Medium einzuschränken. Trumpkonform versteht sich. Kollege Musk mit imaginärem Hitler-Bärtchen macht keinen Hehl daraus "Empathie als Schwäche der westlichen Gesellschaft" abzutun, kürzt den Ärmsten der Armen die letzte Hilfe und verachtet seine eigene Tochter, weil sie transsexuell ist. Ein Genie sagt man. Ach, bleiben wir doch einfach in Ingolstadt, in unser heilen Welt. Ja, ist das so? Oder stecken wir vielleicht mitten im Kakao? Toleranz ist auch in unserer Gegend nicht jedermanns Sache. Braucht man sich ja nur das Wahlergebnis anschauen. Ich habe mich auf Facebook abgemeldet, weil ich den braunen Dreck nicht mehr ertrage. Mein gesunder Menschenverstand schreit Boykott. Verzicht auf Plattformen, die demokratiefeindlich oder ausbeuterisch sind und die superreichen Nazis noch reicher und mächtiger machen: Amazon, Facebook, X, Paypal, Google, Nestlé und und und. Doch die Superschurken sind fester Teil des Systems und das ist leider krank. Ein Mosaiksteinchen für eine bessere Welt ist sicherlich die Einsicht, bei sich selbst anzufangen. Die Unterstützung regionaler Betriebe sollte im Sinne von uns allen sein. Bildung ist wichtig. Den Anspruch, die Wahrheit zu finden. Tolerant sein, aber nicht tolerant gegenüber rechtsradikalen Äußerungen. Mutig sein. Wir hoffen, wir können Ihnen mit dieser Ausgabe ein paar wertvolle Impulse geben. Sorry, not only good vibes. Ihre Stefanie Herker, Chefredakteurin SABINE KACZYNSKI FIORELLA FERRARA MEDIENBERATERIN MOBIL: 0176/64028713 fiorella.ferrara@espresso-mediengruppe.de EVELIN RAFFALT MEDIENBERATERIN 0841/ 9812401 - 40 / MOBIL: 0172/8533599 raffalt@espresso-mediengruppe.in SEBASTIAN BIRKL SONJA MELZER marketing teamespresso editorial Outfit und Tasche von Retzlaff Moden, Ingolstädter Straße 27 & 29, Pfaffenhofen Tel. 08441 84887 Mail: retzlaff.moden@online.de Instagram @retzlaff_moden

espresso 10 RASSISMUS IST, WENN WEISSE ZEBRAS MIT SCHWARZEN STREIFEN SCHWARZE ZEBRAS MIT WEISSEN STREIFEN HASSEN. Ausgabejahr 25 | 04 - 2025 Kostenlos zum Mitnehmen ERINNERUNGEN Oma Martina wurde 1937 geboren. Während sie zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges noch ein Kind war, kämpfte ihr späterer Mann Michael als junger Soldat schon im Krieg. Foto: Stefanie Herker NIE WIEDER IST JETZT MITMENSCHEN Wir haben auf Social Media dazu aufgerufen, uns Kunst zum Thema Demokratie, Toleranz, Krieg und Frieden zu schicken. Christiane Binder ist freischaffende Künstlerin aus dem Raum Passau und stellt aktuell ihre Werke im Rathaus in Vohburg aus. Sie zeigt Portraits unter dem Titel „Mitmenschen - mit Menschen“. Die Werke sind mit Text versehen, Gedanken für ein Miteinander, der Motivation und Inspiration. Ihre Botschaft: "Das Leben funktioniert nur miteinander. Nie gegeneinander!" Die Ausstellung ist noch bis zum 16. Mai 2025 im Rathaus in Vohburg zu sehen. KUNST AUS DER REGION. GEDANKEN & TEXTE ZUM NACHDENKEN. Foto: David Baltzer Im Rahmen einer Kampagne von Freelens und der Werbeplattform Ströer war die 87-Jährige vor der Bundestagswahl auf Plakaten in vielen deutschen Städten (u.a. Hamburg, Dortmund, Berlin) im Regenbogenmantel zu sehen. In unserer Region haben so viele Menschen gegen eine bunte Gesellschaft gestimmt, dass wir von espresso nicht einfach wegschauen wollen und so weiter machen, als wäre alles normal. "Nie wieder ist jetzt". Selten war ein Satz so treffend und dringlich zugleich. Foto: Thorsten Brieger „Niemand wird geboren, um einen anderen Menschen zu hassen. Menschen müssen zu hassen lernen und wenn sie zu hassen lernen können, dann kann ihnen auch gelehrt werden zu lieben, denn Liebe empfindet das menschliche Herz viel natürlicher als ihr Gegenteil.“ Nelson Mandela

11 Anzeige espresso EIN KOMMENTAR VON STEFANIE HERKER Als Kind habe ich oft gesagt: "Ich schaue aus wie ein kleiner Affe!" Wir sind den Tieren ähnlicher als wir denken und ich stelle mir manchmal vor, wie es wäre, wenn ein größeres, uns überlegenes Wesen auf der Erde wäre, was es mit uns machte? Vielleicht würde es uns in Ställen halten, in Ketten legen oder ins Labor stecken und uns quälen - mit dem unschuldigen Gedanken, wir wären so primitiv und würden nichts fühlen. Vielleicht sind wir davon gar nicht so weit entfernt und die Künstliche Intelligenz, die wir selbst generierten, wird uns noch zur Rechenschaft ziehen. Es ist wirklich eine Schande, dass wir unsere Erde, unsere Tiere und sogar unseresgleichen wie Dreck behandeln. Egal ob Mensch oder Tier, wir sind alle Lebewesen mit Gefühlen. Jeder ist gleich viel wert. Ich erinnere mich noch, als ich ein Stellenangebot für eine Putzfrau ausgeschrieben hatte. Es meldete sich eine Dame aus Vohburg. Sie sagte am Telefon "Ich muss erwähnen, dass ich schwarz bin. Das mag nicht jeder." Ihre Aussage und die damit verbundene Erfahrung empfand ich als sehr verstörend. Was sind die Gründe für Rassismus? Angst vor dem Unbekannten, vor Andersartigkeit? Neid, Gier? Ist es ein Überlegenheitsgefühl, der Gedanke man wäre etwas "besseres", weil man (zufällig) die Vorzüge eines "Erstweltlandes" genießen darf, weil man hier geboren wurde? Ich hatte als Alleinreisende nie Angst vor Einheimischen. Ich könnte ohnehin nur sagen, ich hätte Angst vor Männern gehabt, aber doch nicht vor Einheimischen. Das sind sie in ihrem Land. Wir Frauen scheren doch auch nicht alle Männer über einen Kamm. Wieso also haben wir diese Schubläden, in die wir Menschen stecken? Alle Afghanen sind Amokläufer? Warum sind wir nicht einfach alle Menschen? Ich lasse ja meine Schubläden Zuhause gerne offen. Mein Mann schimpft mich dann, wenn Chaos herrscht. Vielleicht ist die Idee von offenen Schubläden aber gar nicht so verkehrt. Besser als sie gleich zu schließen. Wir leben in einer Welt, in der uns signalisiert wird, wir müssten mehr haben, als andere, um zu gelten. Der Kapitalismus befeuert die menschliche Gier. Die Annahme, dass unsere Wirtschaft ständig wachsen müsste, ist aber krank. Das System ist krank. Dass ein Einzelner mehr hätte, wenn keine Flüchtlinge im Land wären, ist richtig - er hätte mehr Probleme! Was wären beispielsweise die Altenheime und Krankenhäuser ohne internationale Pflegekräfte? Und ich bin mir sicher: Die Flüchtlingswelle der letzten Jahre ist ein Staubkorn in Relation zu bevorstehenden Massenvölkerwanderungen aufgrund von Klimakatastrophen, unbewohnbaren Orten, Ressourcenknappheit und den damit verbundenen Kriegen aufgrund unserer Gier. Wir jammern auf hohem Niveau. Und wir jammern über die falschen Dinge! Die Wahlen in den U.S.A. müssten doch nun jedem die Augen öffnen. Wenn Rechtsradikale am Ruder sind, profitieren nicht die Armen und auch nicht das Volk. Die reichen Tech-Milliardäre der U.S.A. und die Oligarchen aus Russland bereiten alles für den eigenen Siegeszug vor. Meinungsfreiheit adé. Und warum unterstützt Musk die AfD in Deutschland? Weil eine standhafte Demokratie schwieriger unter Kontrolle zu bringen ist, als eine gespaltene Gesellschaft. Wir können jeden Tag neu entscheiden, welchen Weg wir gehen wollen. Die Probleme dieses Landes und der Welt sind nunmal nicht leicht zu lösen. Und keine Partei wird ein Allheilmittel für alle Probleme aus dem Hut zaubern. Auch keine alternative Partei. Einzelne Mitglieder der Partei sind menschenverachtend und extrem gefährlich. Denken wir an die Worte, mit denen uns die letzten Holocaust-Überlebenden immer noch warnen: "Es fing damals genau so an." oh, menschheit!

espresso 26 SCHREI NACH FRIEDEN "Olja ist eine wundervolle Frau, dreifache Mama und meine liebste Schwägerin, die hier auf dem Bild zu sehen ist. Der Krieg in der Ukraine und in Russland berührt unsere Familie zutiefst. Wir haben Verwandte sowohl in Russland als auch in der Ukraine. Es ist unendlich schmerzhaft mitanzusehen, wie der Krieg Familien zerreißt und den Kindern die Zukunft nimmt." Alisa Martin, Fotografin "Das Bild ist der simple Ausdruck von absoluter und krankmachender Ohnmacht gegenüber der im immerwährenden Loop laufenden Dummheit und Gier der Menschheit, die am Ende durch das Nichts-dazu-lernen immer nur zu Krieg führt. Sick and tired of it." René Arbeithuber, Künstler Der Sturm der Verwüstung zieht durch die Welt. Dieser Sturm hat sich zusammengebraut aus menschlichem Irrsinn. Privatjets wirbeln braunen Dreck durch die Luft. Manche wittern eine Chance. Mitten in diesem Tornado wird uns ein Strohhalm gereicht. Fassungslosigkeit. Dicke Wohlstandsbäuche klammern sich an den rechten Tellerrand. Sie Wellenreiten auf Böcken. Sündenböcken. Dem Vieh was abgeben vom süßen Brei? Nein. Der Brei der Gerechtigkeit wäre unendlich. Theoretisch. Aber der Geist lässt es nicht zu. Wir haben versagt. Nicht im Kampf gegen das Vieh. Wir sind alle nur Tiere. Wir kamen von überall her. Haben alles abgegrast. Scharren tiefer und tiefer. Haben uns fest verankert. Am Kap des Kapitalismus. Das Wasser steigt. Die Erde brennt. Das Übel von Allem: die menschliche Gier. Und so funktioniert das perfide Spiel. Für manche. Gegeneinander. Einfacher ist es so. Die Gier wird uns alle vom Spielfeld fegen. Die Sanduhr rinnt. Es ist ein Spiel gegen uns selbst. Wir müssen die Spielregeln ändern! Stefanie Herker www.renearbeithuber.com FUCK www.renearbeithuber.com Der Grund allen Übels ist die menschliche Gier. Kunst von René Arbeithuber

13 espresso WAS MIR HOFFNUNG GIBT IN DIESER UNGEWISSEN ZEIT Fotos: Stefanie Herker "Was mir täglich Hoffnung gibt, sind die Menschen, die vor Ort im Einsatz sind. Ehrenämter bringen uns alle noch enger zusammen und zeigen uns immer wieder, dass wir aufeinander zählen können. Als freiwilliger Feuerwehrmann in Eching erlebe ich hautnah, wie wichtig Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung sind. Dieses Engagement gibt mir die Zuversicht, dass wir gemeinsam jede Herausforderung meistern können." MdB Leon Eckert, die Grünen "Meine Arbeit. Theater bietet mir die Möglichkeit, eine gewisse Selbstwirksamkeit zu erfahren und mich mit Menschen auszutauschen. Das Wichtigste ist es, Räume zu haben, Räume zu bieten, Räume zu generieren, in denen man sich treffen und miteinander sprechen kann. Ich glaube nicht, dass man ein gesellschaftliches Klima wie das jetzige alleine drehen kann, man braucht dringend Verbündete." Mirja Biel, Oberspielleiterin am Stadttheater Ingolstadt Foto: Sebastian Birkl "Ich habe aufgehört mir Hoffnung zu machen. Ich nehme mein Leben selbst in die Hand." Naser Jumaa, Fotograf Wie geht´s dir? - Irgendwas zwischen FUCK and hope Wir haben Menschen aus der Region gefragt WAS KÖNNEN WIR TUN? "Was können wir tun, um die Welt zu verbessern?", wurde ein alter Weisheitslehrer gefragt. Seine Antwort lautete: "In meiner Jugend war ich ein Idealist und stellte mir vor, was ich alles tun könnte, um die Welt zu verbessern. Daher war damals mein einziges Gebet: Herr, gib mir die Kraft, die Welt zu verbessern. Als ich älter wurde und langsam in meine mittleren Jahre kam, sah ich ein, dass ich bis dahin nicht einmal einen einzigen Menschen verbessern konnte. Daher änderte ich mein Gebet, das fortan lautete: Herr, gib mir Gnade, all jene zu verbessern, die mir nahe stehen, nur meine Familie und ein paar meiner Freunde, dann bin ich schon zufrieden. Inzwischen bin ich alt geworden und der größte Teil meines Lebens ist vorbei, ohne dass ich irgendwen oder irgendetwas in dieser Welt verbessert hätte. Da veränderte ich mein Gebet von Neuem. Von nun an bete ich nur noch: Herr, gib mir Gnade, mich selbst zu verbessern. Nun sehe ich ein, wie schwer das ist. Hätte ich aber von Anfang an nur dieses Ziel verfolgt, wäre mein Leben vielleicht sinnvoller gewesen." Eine ZEN-Geschichte aus dem Buch "Glück ist, was du daraus machst" (gefunden im kleinen "Bürgerhäuschen" am Viktualienplatz, Ingolstadt) hope hope hope

espresso 14 WER'S GLAUBT Eine der effektivsten Waffen unserer Zeit heißt Desinformation. Wer kein Opfer werden will, muss wissen, wie sie funktioniert. Eine wehrhafte Demokratie braucht außerdem wache Bürger:innen, die sich mit dem Grundgesetz auseinandersetzen. Die espresso-Tipps dazu: als Podcast, Artikel, Buch oder Ausstellung. PODCAST LÜGE VS. DEMOKRATIE Putins Infokrieg im deutschen Wahlkampf Die Feinde der Demokratie wollen Chaos stiften. Wie sie das tun, wird im SPIEGEL-Podcast Firewall sehr anschaulich geschildert. Neben Putin behandelt die Podcastfolge auch seinen Partner in Crime: Donald Trump. Ein guter Einstieg in die perfide Welt der Desinformationskampagnen. Zu finden: Überall, wo es Podcasts gibt und auf YouTube. ARTIKEL DIE STRATEGIE DER RECHTEN IST SCHEISSE Steve Bannon, Trumps Berater während der ersten Amtsperiode, sagte damals, die wahre Opposition seien nicht etwa die Demokraten, sondern die Medien. Seine Lösung: Flood the zone with shit. Die Öffentlichkeit soll also mit Schwachsinn und Lügen überflutet werden. 2024 behauptete Trump etwa, dass haitianische Einwanderer Hunde und Katzen essen würden. 30.000 falsche oder irreführende Aussagen soll er in seiner ersten Amtszeit laut Washington Post getätigt haben. Medien, Gerichte und andere Institutionen sollen durch die Strategie mit unnützer Arbeit überflutet und überlastet werden. Das Online-Magazin medium.at hat die wichtigsten Punkte der Strategie zusammengefasst. Zu finden über den QR-Code. BUCH ROSA & HANNAH Das Blatt wenden In der linken Spalte finden Sie Grundlagen staatlich gelenkter Desinformation. Doch ist all das neu? Natürlich nicht. Hannah Arendt formulierte es bereits 1951 so: Der ideale Untertan totalitärer Herrschaft ist nicht der überzeugte Nazi oder engagierte Kommunist, sondern Menschen, für die der Unterschied zwischen Fakten und Fiktion, wahr und falsch, nicht länger existiert. Zu finden ist das Zitat und viele weitere kluge Gedanken im Buch "Rosa und Hannah" aus dem Wagenbach-Verlag. PODCAST DIE MUTTER DES GRUNDGESETZES Als eine von nur vier Frauen arbeitete Elisabeth Selbert 1948 im Parlamentarischen Rat an der Formulierung des Grundgesetzes mit. Die Kassler Anwältin kämpfte für den simplen, aber entscheidenden Satz: "Männer und Frauen sind gleichberechtigt." Herstory stellt bedeutende Frauen vor, die in Geschichtsbüchern entweder gar nicht vorkommen oder immer noch viel zu unbekannt sind. Sie haben selbst noch kein Grundgesetz zuhause? Warum eigentlich nicht? Es ist das beste Buch des Landes. Über die Bundeszentrale für politische Bildung können Sie sich ein kostenloses Exemplar bestellen. Nicht einmal der Versand kostet: bpb.de AUSSTELLUNG & PODCAST FRAUEN IM WIDERSTAND Wie viele Frauen, die sich gegen das Nationalsozialistische Regime gestellt haben, kennen Sie? Die Gleichstellungsstelle der Stadt Ingolstadt und das Zentrum für Stadtgeschichte zeigen in Kooperation mit „Omas gegen Rechts“ die Ausstellung: Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die Ausstellung stellt zehn Frauen vor, die jüdischen Bürgerinnen und Bürgern halfen, gefälschte Papiere besorgten oder Aktionen des Widerstands organisierten. Zwei davon haben einen Bezug zu Ingolstadt. Über eine der Frauen, Paula Schlier (s. Foto), gibt es den hörenswerten Podcast "Paula sucht Paula" (Deutscher Radiopreis 2024). Die Ausstellung kann bis zum 30. April täglich zu den Öffnungszeiten des Neuen Rathauses kostenfrei, barrierefrei und ohne Anmeldung besucht werden. Foto: Forschungsinstitut Brenner-Archiv, Nachlass Paula Schlier, Signatur 117-13-05-016 PODCAST DEMOKRATIE EIN UMKÄMPFTER BEGRIFF Die "Herrschaft des Volkes" - Demokratie. Handelt es sich dabei um eine Regierungsform neben anderen, oder um ein Ideal, dessen genaue Ausgestaltung stets umstritten ist? Welche Demokratiemodelle stehen einander gegenüber? Welche Auffassungen prallen aufeinander, wenn es darum geht, was wirklich "demokratisch" ist? Diese Fragen behandelt der Podcast "Demokratie - Ein umkämpfter Begriff" in der ARD Audio- thek. Illustration: Adobe Stock / MuhamadLuthfi Illustration: Adobe Stock / VRD

espresso 15 DIE AXT AM STAMM Ein Kommentar von espresso-Redakteur Sebastian Wenn Sie mich fragen, ob das Glas halb voll oder halb leer ist, antworte ich Ihnen, dass es halb leer ist – und das Wasser darin wahrscheinlich abgestanden. Wenn ich genau hinschaue, schimmert es sogar ein wenig bräunlich. „Unsere Demokratie ist stark“, sagte mir der ehemalige OB Christian Scharpf im letzten Jahr. Ich bin da pessimistischer. Unsere Demokratie ist unter Beschuss und die Bevölkerung schwächelt, wenn es um deren Verteidigung geht. Und es gibt zu viele, die sich aktiv am Untergang beteiligen. Vor 10 Jahren begann es. Der Gipfel der Flüchtlingskrise. Die Kommentarspalten in den Sozialen Medien radikalisierten sich. Wenn Frauen sich in den Facebook-Kommentarspalten gegen Hetze aussprachen, wünschten rechte Spinner ihnen im Gegenzug eine Vergewaltigung durch Asylbewerber. Ihre feixenden „Haha“-Emojis auf Facebook, wenn Flüchtlinge beim Baden im Weiher ertranken: widerlich. Nicht irgendwo, sondern hier in Ingolstadt. Damals war ich noch schockiert. Ich war laut, unnachgiebig, sicher auch des Öfteren unverschämt – und der großen Überzeugung: Man darf rechten Hetzern die Kommentarspalten nicht alleine überlassen. Der Überzeugung bin ich bis heute. Aber ich bin auch abgestumpft, gehe längst nicht mehr in jede Konfrontation. In dieser Abstumpfung liegt ein Ziel. Je weniger Widerrede zu lesen ist, je öfter menschenverachtende Kommentare unwidersprochen stehenbleiben, desto normaler wird Hass und Hetze. Auch davon bin ich überzeugt. Schon vor 10 Jahren war man mit der Widerrede in der Minderheit. Heute liest man kaum noch einen rationalen Kommentar auf Facebook. Alles wird politisiert. Selbst bei einem Beitrag der tz München über Silberfische kommentiert jemand „Rotgrüne Ideologie bei weitem ekliger“. Wenn ich auf Facebook die Jubelarien lese, sobald Putins Schergen Demonstrationen auf russischen Straßen niederschlagen und man sich das auch für deutsche Straßen wünscht, weiß ich wirklich nicht, ob diesen Leuten Demokratie auch nur im Ansatz etwas bedeutet. Beim ersten Ingolstädter Christopher Street Day kommentierte ein Unternehmer aus der Region: „Ich find des gut, dass man viele Fotos von den Leuten hat. Weiß man gleich, wen man als Bewerber oder Mitarbeiter abzulehnen oder zu kündigen hat.“ Das war vor sechs Jahren. Das System aus Hass & Hetze ist schon fast zum Geschäftsmodell geworden. Selbsternannte „Content Creator“ lassen den wütenden Facebook-Mob regelmäßig über ihr Stöckchen springen. Ob Drag-Lesung, Christopher Street Day oder die Bezahlkarte für Asylbewerber: Man weiß genau, an welcher Schraube man in regelmäßigen Abständen zu drehen hat, welche Fotos man präsentieren muss, um hunderte Likes und Kommentare zu generieren. Hass und Hetze, das bringt Reichweite. Und Reichweite ist anschließend ein gutes Verkaufsargument für Werbekunden. Ob den Kunden einmal auffallen wird, worauf diese Reichweite eigentlich fußt? In Ingolstadt jedenfalls funktioniert dieses System für manche ganz gut. Noch. Seit 2015 ist viel passiert. Desinformationskampagnen, die damals noch mit „Jeder Flüchtling bekommt ein iPhone geschenkt“ begannen, haben sich längst professionalisiert, potenziert und in der Bevölkerung festgesetzt. Wir sind schutzlos gegen die Kurzvideos auf Tiktok, Instagram & Co., die nur ein Ziel haben: Die Demokratie und ihre Institutionen zu untergraben. Misstrauen wird gesäht gegen etablierte Medien, das Justiz- und Sozialsystem und so gut wie jede Errungenschaft, die unser schönes Land ausmacht. Dazwischen jede Menge Unsinn: von Chemtrails über die bewohnte Hohlerde bis zum Great Reset. Der große Profiteur in Deutschland: die AfD. Ich denke nicht, dass wir eine politische Antwort auf die AfD finden – sonst hätten wir sie längst. Das Wahlergebnis der AfD hat sich von 2021 auf 2025 verdoppelt. Asyl- und Migrationsgesetze wurden in dieser Zeit stetig verschärft. Hat das überhaupt jemand mitbekommen? Gräbt das der AfD das Wasser ab? Nein. Die AfD wird immer radikalere Gesetze fordern. Und ihre Wähler tun es ihr gleich. Wo ist das Ende? Vielleicht sollte man sich eingestehen, dass AfD-Wähler die Partei nicht trotz ihrer rechtsextremen Umtriebe wählen? Vielleicht haben sie damit ja gar kein so großes Problem? Stattdessen nutzen wir nur allzu gerne das Feigenblatt des Protestwählers. Das lässt alle ruhig schlafen. Die Axt am Stamm der Demokratie schlägt stetig. Der Schriftsteller Maxim Biller hielt im Februar in einem SZ-Essay ein Plädoyer für ein AfD-Verbot. „Er (gemeint ist hier Björn Höcke, Anm.) droht uns, verdammt. Er meint es ernst. Und darum sollten wir ihn – juristisch, nicht politisch – k. o. schlagen, bevor wir selbst bewusst- und machtlos im parlamentarischen Ring dieser Republik liegen.“ Ein AfD-Verbotsverfahren scheint aktuell vom Tisch. Ich bin nicht zu 100 Prozent davon überzeugt – in erster Linie, weil ich denke, dass ein Misserfolg ein weiterer Brandbeschleuniger wäre. Aber die (vielen) Argumente für ein Parteiverbot sind so schlecht nicht. Dazu eine Anekdote: Im Oktober gab es einen Vortrag eines Fachjournalisten im Ingolstädter Gewerkschaftshaus. Es geht um das AfD-Verbot. Mit im Publikum: ein Ehepaar. Der Mann vermeintlich konspirativ in schwarz gekleidet, schwarze Hose, schwarze Jacke, schwarze Mütze. Vor Beginn des Vortrags hält er verdächtig auffällig sein Smartphone und wird daraufhin von einer Dame angesprochen, ob er heimlich filme. Er verneint. 30 Minuten später verlässt das Paar den Raum. Der Vortrag wird 90 Minuten dauern. Das nächste Mal sehe ich das Paar beim ersten OB-Wahlgang. Sie erscheinen beide mit der Ingolstädter AfD im Sitzungssaal des Rathauses. Aber wissen Sie, was mir dennoch Hoffnung macht? Kleine Alltagsmomente wie dieser: ein Mädchen, etwa 10 Jahre, steht alleine an der Kasse eines Supermarktes. Als der Kassierer Ware um Ware über das Band zieht, merkt das Kind, dass das Geld nicht reichen wird und fragt, ob er die beiden Packungen Süßigkeiten wieder zurücknehmen kann - der Rest ist Teil des Familieneinkaufs, das ist offensichtlich. Am Schluss wird das Geld dennoch nicht reichen. Der Kassierer zögert nicht lange, zieht seine Brieftasche heraus und gibt die restlichen 3 Euro in die Kasse. Einfach so.

REISE OHNE RÜCKKEHR NASER JUMAA FLÜCHTETE IN EINEM SCHLAUCHBOOT NACH EUROPA. ER HAT SICH IN PFAFFENHOFEN EIN NEUES LEBEN AUFGEBAUT. Fotos: Stefanie Herker

17 espresso EINE GESCHICHTE ÜBER MUT, FREIHEIT UND LIEBE VON STEFANIE HERKER Welche Dinge nehmen Sie mit, wenn Sie sich auf eine Reise begeben? Wenn wir in den Urlaub fahren, machen wir den Koffer voll. Für alle Fälle. Was, wenn es regnet? Was, wenn wir uns beim Abendessen zehnmal bekleckern? Was, wenn ein Vulkan ausbricht? Welche Dinge würden Sie mitnehmen, wenn Sie gar nicht wüssten, wohin die Reise führt? Und was, wenn es keine Rückkehr gäbe? Welche Dinge würden Sie mitnehmen, wenn Sie von Ihrem Zuhause fliehen müssten und nur einen Rucksack tragen könnten? Es würde uns das Herz brechen. So viele Erinnerungen einfach zurückzulassen. Geflohene Menschen nehmen alles in Kauf. Bis hin zum eigenen Tod. In der Hoffnung auf ein sichereres Leben. Wir sollten niemanden verurteilen, wenn wir seine Geschichte nicht kennen. Menschen lieben doch Geschichten. Sie erzählen sich welche seit jeher. Aber wir leben in einer hektischen Zeit, kommen selten ins tiefere Gespräch mit Mitmenschen. So würden wir das weniger Vertraute, Fremde, Andersartige besser verstehen. Wir bewegen uns in einer oberflächlichen Welt, in der jeder nur seine Schokoladenseite präsentieren möchte. Dabei hat jeder seinen Rucksack zu tragen. Wahrscheinlich wären die Menschen netter zueinander, wenn dieser Rucksack durchsichtig wäre und jeder sehen könnte, was sich darin befindet. Dann gäbe es weniger Neid. Und ohne Neid weniger Hass und weniger Gier. Ohne Hass mehr Liebe. Ohne Gier weniger Kriege. Klingt fast einfach. Aber durchsichtige Rucksäcke und Menschen, die ganz genau hinschauen, sind äußerst selten. Ich habe den Instagram Account von Naser Jumaa schon eine Weile verfolgt. Er ist Fotograf, wohnt in Pfaffenhofen. Da ich auch fotografiere, sind wir zwar miteinander vernetzt, haben uns aber nie kennengelernt. Alles, was ich bis vor Kurzem von ihm wusste, war, dass er wohl während der Flüchtlingswelle vor einigen Jahren nach Pfaffenhofen kam. Ich habe ihn also angeschrieben und gefragt, ob er seine Geschichte, welche das auch sein mag, in unserem Magazin erzählen möchte. Dass er diese Geschichte erst zum zweiten Mal erzählt, manche Dinge davon zuvor noch nie über seine Lippen kamen, erfahre ich erst später. Naser treffe ich in seinem Zuhause in Pfaffenhofen. Seine mit einem einzigen Blick zu erfassende, aber sehr liebevoll eingerichtete Wohnung wirkt fast wie ein botanischer Garten. Über seinem Bett hängt ein rotes Rennrad. An den Nagel gehängt hat er dieses allerdings nicht wirklich. Bei schönem Wetter fährt er gerne damit durch die Hallertau. Gleich neben dem Bett befindet sich sein Working-Space mit Laptop und Fotokamera - sein Lieblingsdings. Dahinter eine Couch, ein weißer Couchtisch auf einem bunten Rauten-Teppich, daneben die Kaffeemaschine, frisches Obst und Gemüse im Körbchen, eine Küchenzeile. Er kocht gerne selbst. Mit einem in die Wohnung integrierten Fotostudio hat sich Naser einen Traum erfüllt. Hier fotografiert er nebenberuflich am Wochenende. Hauptberuflich ist er Zahnmedizinischer Fachangestellter in einer Kieferorthopädischen Praxis. Bei einem Cappuccino sitzen wir schließlich auf seinem kleinen, aber sonnigen Balkon auf der Südseite Richtung Straße. "DIE MENSCHEN SIND NIE EIN PROBLEM. ES IST DIE REGIERUNG." "ICH GLAUBE, MENSCHEN WÄHLEN RECHTSRADIKALE, WEIL SIE ETWAS ANDERES AUSPROBIEREN WOLLEN."

Fotos: Stefanie Herker "WENN MEINE FREUNDIN FRAGEN WÜRDE, OB SIE EIN KOPFTUCH TRAGEN SOLL, WÜRDE ICH SAGEN: LASS ES!"

19 espresso Naser spricht fast perfekt Deutsch. Man könnte meinen, er wäre hier geboren. Dabei ist er erst seit zehn Jahren hier. Mit 19 floh er von Syrien nach Deutschland, Endstation Pfaffenhofen. Es war wohl die Reise seines Lebens. 2200 Euro hatte er für diesen Weg gespart. "Ich kam mit 50 Cent in Pfaffenhofen an", erzählt er. Doch fangen wir von vorne an. Naser Jumaa ist in Palmyra, Syrien geboren. Zusammen mit seinen Eltern und seinen sechs jüngeren Geschwistern (fünf Brüder, eine Schwester) lebte er in Palmyra bis zu seinem 18. Geburtstag. Naser hat das Abitur in Syrien gemacht. Mit 18 hätte er zur Armee gemusst. Es herrscht Armeepflicht in Syrien, seit 2011 ist Krieg. "Ich hatte das Glück, dass mein Vater mich unterstützen konnte, so dass ich Pharmazie studieren durfte und nicht als Soldat eingezogen wurde. Ein Studium oder eine Schule sind der einzige Weg, um der Armee zu entfliehen. Meinem Vater war es sehr wichtig, dass ich einen guten Beruf lerne. In Syrien sind Berufe wie Arzt, Apotheker oder Ingenieur hoch angesehen." Naser war gerade im zweiten Semester an einer privaten Universität in Damaskus, als der IS in seiner Heimatstadt Palmyra Terror verbreitete. "Für mich war klar, ich muss hier so schnell wie möglich weg. Ich wollte ehrlichgesagt immer schon raus aus Syrien. Ich wollte meine Zukunft in einem sicheren Land verbringen." In Damaskus lebte er zusammen mit seiner Oma, zwei Tanten und deren Kindern in einer 2-Etagen-Wohnung. "Als ich mich dann doch recht kurzfristig dafür entschied, das Land zu verlassen, zog meine Oma zurück zu meinen Eltern. Sie wollten in Syrien bleiben." Naser und sein Cousin hinterließen alles, was sie hatten. Sie packten einen Rucksack und begaben sich auf eine ungewisse Reise. Auf meine Frage, was er in seinem Rucksack hatte, sagt er: "Meinen Pass, ein paar Dokumente, ansonsten lauter Dinge, die ich jetzt nicht mehr habe!" Sein Weg führt ihn zunächst in den Libanon. Vom Libanon fliegt er in die Türkei. Der gefährlichste Teil der Reise war die Überfahrt von der Türkei nach Griechenland. "Wir waren 36 Personen in einem sechs Meter langem Schlauchboot mit kleinem Motor. Wir befanden uns neun Stunden lang im Meer." Auf dieser Route ertranken schon zahlreiche Menschen. In der Hoffnung auf ein neues Leben ohne Krieg und Terror nahmen die jungen Männer das in Kauf. "Ich bin mir bewusst, dass ich einer von denen war, die Glück hatten!" Naser und sein Cousin hatten die Überfahrt geschafft. "Es war kräftezehrend", erinnert sich Naser. Sein Ziel war es nun, nach Deutschland oder Dänemark zu kommen. Von Griechenland aus setzten die jungen Männer ihre Reise auf dem Landweg fort. "Ich war am Ende meiner Kraft, als ich in Deutschland ankam. Wir wurden nach München gebracht. Von dort aus verteilte man uns in umliegende Orte. Ich und mein Cousin kamen zunächst in der ehemaligen Trabrennbahn in Pfaffenhofen unter. Es war eine große Halle, voll mit Betten, abgetrennt mit Trennwänden. Wir hatten keine Privatsphäre, aber ein Dach über dem Kopf "VIELE MENSCHEN HIER SIND STARK ZU PSYCHISCHEN PROBLEMEN GENEIGT. ICH HABE KRIEG ERLEBT, ABER PSYCHISCHE PROBLEME HATTE ICH NIE." Yamina / Foto @nasersphotography

Fotos: Stefanie Herker Nasers Lieblingsplatz in Pfaffenhofen ist seine Wohnung. Einen Eindruck von Nasers Photography gibt es auf seinem Instagramaccount @nasersphotography "FREIHEIT BEDEUTET FÜR MICH, VON A NACH B GEHEN ZU KÖNNEN, OHNE MIR SORGEN ZU MACHEN, DASS MIR ETWAS PASSIEREN KÖNNTE."

21 espresso und dreimal am Tag gab es eine Mahlzeit. Wir bekamen zusätzlich 150 Euro im Monat." Doch darauf wollte sich Naser nicht ausruhen und steckt sich ambitioniertere Ziele: So schnell wie möglich Deutsch lernen, um hier studieren zu können. Nach etwa einem halben Jahr an der Trabrennbahn werden er und sein Cousin zusammen mit weiteren Geflohenen in ein vom Landratsamt gemietetes Haus in Hettenshausen verlegt. Dort zahlt er keine Miete, erhält 300 Euro vom Staat für seinen Lebensunterhalt. Er nimmt an einem Förderprogramm teil, um seine Sprachkenntnisse zu verbessern. Am Ende des Sprach-Stipendiums an der LMU in München erreicht er das C1 Sprachniveau, das ihm "fast muttersprachliche Kenntnisse" attestiert. 2017 erhält er seine dreijährige Aufenthaltsgenehmigung. Im April 2018 tritt Naser seinen ersten Job in Pfaffenhofen an - in der Eisdiele Eiskult, direkt vor der Haustüre seiner ersten "eigenen" Wohnung. Sein Cousin wohnt jetzt in Förnbach. Ein halbes Jahr später beginnt Naser seineAusbildung als Zahnmedizinischer Fachangestellter, ebenfalls in Pfaffenhofen. "Ich habe akzeptiert, weniger Geld zu haben, dafür eine Lehre." 2019 gibt ihm seine unbefristete Aufenthaltserlaubnis zusätzliche Motivation. Er schließt 2021 die Lehre ab und erhält direkt im Anschluss eine Vollzeitstelle in der Zahnartzpraxis. 2022 erhält er die Deutsche Staatsbürgerschaft. Aktuell ist Naser in einer Kieferorthopädischen Praxis angestellt und wohnt alleine in einer 46-Quadratmeter-Wohnung zur Miete. Diese bezahlt er von seinem Lohn. "Mein Ziel war ursprünglich das Zahnmedizin-Studium, aber wahrscheinlich war das mehr der Wunsch, meinen Vater stolz zu machen, als mich selbst", gesteht er sich ein. "Eigentlich bin ich mit der Situation, so wie sie gerade ist, ganz glücklich. Die Fotografie ist mir im Moment das Wichtigste. Ich bewerbe mich trotzdem jedes Semester auf einen Studienplatz für Zahnmedizin", lacht er, "allein für die Bestätigung, dass ich es machen könnte", ergänzt er. Aufgrund des Numerus Clausus wurde er bisher noch nicht zugelassen. Bei allem, was er tut, steht ihm seine Freundin Yamina zur Seite. Yamina ist Deutsche und macht eine Jazz-Ausbildung in München. In Nasers Freundeskreis sind überwiegend Deutsche. "Ich wollte alles hinter mir lassen, in Deutschland eine neue Tür aufmachen. Ich spreche auch viel lieber Deutsch als meine Muttersprache. Wenn ich die arabische Sprache höre, bin ich tatsächlich manchmal verwirrt." Rassismus habe er kaum erlebt. "Einmal wurde ich von einem Radfahrer im Vorbeifahren beleidigt. Aber ich bin schon der Typ, der etwas sagt. Die Person habe ich kurz darauf als Kunden im Eiskult wieder getroffen und wir kamen ins Gespräch. Ich habe dann ein paar Worte bayerisch von ihm gelernt. Meine Erfahrung sagt, es sind nicht die Menschen, die Schuld trifft, sondern die Art, wie die Regierung mit ihnen umgeht. Im Zuge meiner Staatsbürgerschaft habe ich mich viel mit Politik beschäftigt." Besonders anstrengend empfindet er die deutsche Bürokratie. Was Freiheit für ihn heißt? - "Ich will einfach nur von A nach B gehen können, ohne mir Sorgen zu machen, dass etwas passiert." Und das kann er in dieser Kleinstadt. "Pfaffenhofen ist meine Heimat geworden." Übrigens war Naser der erste aus seiner Familie, der nach Deutschland kam. Mittlerweile lebt eine seiner Tanten in Stralsund, ein Teil der Familie in Kopenhagen, eine andere Tante in London. www.mode-maltry.de Öffnungszeiten: Mo - Fr 9.30 bis 18.00 Uhr Sa 9.30 bis 16.00 Uhr MODISCHER ANZUG FÜR VIELE ANLÄSSE VON VENTI

espresso 26 Steffen Kopetzky, geboren 1971, ist Autor von Romanen, Erzählungen, Hörspielen und Theaterstücken. Von 2002 bis 2008 war Kopetzky künstlerischer Leiter der Theater-Biennale Bonn. Sein Roman «Mon- schau» (2021) stand monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste, ebenso wie «Risiko» (2015, Longlist Deutscher Buchpreis). «Propaganda» (2019) war für den Bayerischen Buchpreis nominiert, zuletzt erschien der Roman «Damenopfer» (2023), der gerade in mehrere Sprachen übersetzt wird. Soeben wurde er mit dem Stahl-Literaturpreis 2024 ausgezeichnet. Er lebt mit seiner Familie in seiner Heimatstadt Pfaffenhofen an der Ilm. Fotos: Stefanie Herker

23 espresso »ATOM« Herr Kopetzky, wie schon bei „Monschau“ inmitten der Pandemie oder bei „Damenopfer“, mit seinem deutsch-russischen Thema, das seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine wieder hochaktuell ist – treffen Sie mit Ihren historisch-politischen Romanen immer wieder in das ängstliche Herz unserer Gegenwart. In „Atom“ schildern Sie die Entstehung der ballistischen Raketen und den Wettlauf um die Atombombe. Seit wann haben Sie daran gearbeitet? Der „Atom“-Stoff beschäftigt mich seit 2018, seitdem gab es laufend vorbereitende Recherchen. Die Publikation war immer für Frühling 2025 geplant, wenn sich das Ende des Zweiten Weltkriegs und der Ersteinsatz der Atombombe über Hiroshima zum achtzigsten Male jähren. Wie geht ein erfolgreicher Schriftsteller bei seinen Recherche-Arbeiten vor? Welche Menschen haben Sie getroffen, die Ihr Werk beeinflusst haben? Regel Nummer eins: studiere die Geschichte so, als ob du ihren Ausgang nicht kennen würdest. Besorge dir Zeitungen und Magazine und lies die Kleinanzeigen und die Meldungen im Vermischten – da findet man häufig die interessantesten Dinge. Sei offen dafür, dass sich die Sache nach der Recherche vielleicht anders darstellt, als du erhofft hast. Ändere niemals ein Detail der Geschichte, weil es dir nicht in deine Planungen passt, sondern ändere deinen Plan. Und, um auf den zweiten Teil Ihrer Frage einzugehen, suche dir Spezialisten, stelle ihnen deine Absichten vor und höre auf ihre Ratschläge. Bei „Atom“ zum Beispiel war das einer der führenden deutschen Raketenspezialisten, der sich besonders mit der Geschichte der V2 auskannte und mir unendlich wertvolle Hilfe geleistet hat. Ich schätze mich glücklich, immer wieder solche Enthusiasten gefunden zu haben, denen es Freude macht, mir zu helfen. Worum genau geht es in „Atom“? Es geht um den jungen britischen Physiker Simon Batley, der in den zwanziger Jahren in Berlin studiert, dort schon dem englischen Geheimdienst zuarbeitet und mit Beginn des Zweiten Weltkriegs in das Innere der Geheimwaffen-Spionage versetzt wird. Der Roman schildert, wie Simon die Liebe seines Lebens findet, verliert und lange sucht, dafür auch in Feindesland, nach Deutschland geht. Nicht zuletzt wegen ihr nimmt auch seine Karriere als Spion Fahrt auf. Schließlich lernt Simon aber auch, dass die moralischen Kategorien von Unschuld und Schuld für die große Politik keine Rolle spielen. Historisch erzählt der Roman noch mehr: Es geht um die trotz des Films „Oppenheimer“ und des gut dokumentierten „Manhattan Project“ weitgehend unbekannte Hintergrundgeschichte der Entstehung und des Ersteinsatzes der Atombombe. Warum haben Sie mit der Hauptfigur von Simon Batley eine britische Perspektive gewählt? Ich habe lange überlegt, wie ich die zwei Themen Raketen und Atomforschung zusammenbringen könnte. Das waren damals Toptechnologien, da wollten alle vorn dabei sein. Wie heute bei der Künstlichen Intelligenz. Bei einer deutschen Figur, einem deutschen Helden, wäre das Problem, dass er niemals einen solchen internationalen Überblick hätte haben können, wie ihn die britische Wissenschaftsspionage tatsächlich hatte, noch dazu in beide Richtungen des Atlantiks. Die Briten betrieben in Bletchley Park eine umfassende Abhörmaschinerie. Diese Informationsüberlegenheit hat vermutlich den Krieg mitentschieden. Also musste es ein Engländer sein. Aber immerhin hat Simon ja diesen deutschen Background. Er lebte zehn Jahre in Berlin und promovierte in Dresden, dadurch wird er einer jener sympathischen, proeuropäischen englischen Spione, wie man sie etwa im Werk von John Le Carré so häufig findet. Den letzten Ausschlag gab dann, als ich von den britischen Operationen Foxley und Little Foxley hörte. Das waren Vorhaben zur gezielten Tötung von Hitler und einem guten Dutzend hochrangiger Funktionsträger des Dritten Reichs, darunter auch Hans Kammler, der im Roman eine zentrale Figur ist. Little Foxley dokumentierte beinahe täglich das Bewegungsprofil von Kammler. Die Briten hatten ihn genau im Blick. MIT DEM SCHRIFTSTELLER STEFFEN KOPETZKY IM BUNKER UND IM GESPRÄCH ÜBER SEINEN NEUEN ROMAN Dem Roman voran gestellt ist ein Zitat von Wernher von Braun: „Die Wissenschaft hat keine moralische Dimension, sie ist wie ein Messer. Wenn man es einem Chirurgen und einem Mörder gibt, gebraucht es jeder auf seine Weise.“

KALTER KRIEG IN PFAFFENHOFEN Der unterirdische Fernmeldebunker wurde zu Zeiten des Kalten Krieges unter strengster Geheimhaltung erbaut und betrieben. Mittlerweile ist die 1400 Quadratmeter große Anlage für die Öffentlichkeit im Rahmen von Bunker-Touren zugänglich.

25 espresso Steckt in „Atom“ mehr Wissenschafts- oder mehr Agenten- thriller? Im Grunde durchdringen sich beide Aspekte. Mein Ziel für die Leser war es, einen Roman zu schreiben, den man in einem Stück durchlesen will, weil er so spannend und gleichzeitig lehrreich ist. Die Form sollte dem entsprechen: komplexer Inhalt, glasklarer Aufbau. In Verehrung von Thomas Pynchon, der für mich so etwas wie der Evangelist Johannes und Homer in einer Person ist, sollte seine Dramaturgie einer Raketenparabel gleichen: Langsamer Aufstieg, größte Höhe am V-Punkt, um dann, sich immerzu beschleunigend, rasant zum Ende zu kommen. Inwiefern bedrückt es Sie, dass Raketen und Atomwaffen in die Nachrichten und damit ins allgemeine Bewusstsein zurückgekehrt sind? Die Bedrohung durch diese Technologie war leider niemals weg, ganz im Gegenteil. Atomraketen sind heute der ganze Stolz des bitterarmen Nordkoreas, der Iran strebt nach der Bombe. Die Inder und die Chinesen testen laufend neue Raketen, die Russen führen gerade „Haselstrauch“ vor, die „Oreschnik“. Gerade durch den russischen Krieg zur Vernichtung des Ukrainischen Staats werden wir beinahe täglich wieder daran erinnert – die Kreml-Propaganda weist uns unablässig darauf hin, dass Russland über Atomwaffen verfügt und laut über ihre Verwendung nachdenkt. So kommt dem Moment in der Geschichte, in dem diese Technologie zum ersten (und bislang letzten) Mal eingesetzt wurde, eine besondere Bedeutung bei – nicht nur das Atom wurde gespalten, auch die Geschichte wurde in ein Vorher und Nachher geteilt. Hiroshima und Nagasaki bilden das zentrale strategische Ereignis des Zweiten Weltkriegs, zwar an seinem Ende, aber es bedeutete den Sprung auf die nächste Ebene. Das Drachenei, das ausgebrütet wurde, ist nichts Geringeres als die Fähigkeit zur Selbstzerstörung der Menschheit. Der diesjährige Friedensnobelpreis an die japanische Anti-Atomwaffen-Organisation Nihon Hidankyo ist also ebenso folgerichtig, weil auch er zeigt, dass wir immer noch unter dem Bann des Atoms stehen. Was wird wohl erst die KI damit anstellen? Auf die Spaltung des Atoms folgte die Spaltung der Welt. Der Kalte Krieg begann schon, während der Zweite Weltkrieg noch ausgefochten wurde. Spätestens mit dem Scheitern der Ardennenoffensive war die Anti-Hitler-Koalition innerlich zerbrochen, denn hier wurde klar, dass Deutschland den Krieg letztlich verloren hatte. Also konnten sich da schon seine Gegner neu aufstellen, der Westen musste nicht mehr aus Not mit Stalins Russland paktieren. Umso wichtiger wurde nun das zukunftsträchtige technologische Potential des Dritten Reichs, das die USA wie die UdSSR unbedingt haben wollten. Die Verbrechen der Nazis waren das eine – ihre Technologie das andere. Für diese Technik und ihren kontrollierten Transfer steht wie kein anderer Hans Kammler. Könnten Sie das noch etwas verdeutlichen? Gehen wir von Wernher von Braun aus. Er ist sozusagen die „positive“, lichte Gegengestalt zu Hans Kammler. Von Braun ist weltbekannt. Der Mann, der für Amerika die Mondrakete baute. Das ist bekannt. Aber kaum jemand weiß, dass es da auch diesen SS-Obergruppenführer Hans Kammler gegeben hatte, der es ermöglicht hatte, dass es trotz der absoluten Lufthoheit der Alliierten weiterging mit der Entwicklung und der Erprobung der Raketen. Kammler hatte als Bauchef der SS begonnen, etwa als Architekt von Auschwitz, ein hocheffizienter, skrupelloser Bauherr des Todes. In den letzten beiden Kriegsjahren erledigte er für Hitler und Himmler immer mehr Aufgaben. Er schaffte die Sklavenarbeiter aus Konzentrationslagern heran, um die unterirdischen Fabriken zu errichten, er kontrollierte die Lastwagen, Lokomotiven, die Ressourcen, übernahm irgendwann aber auch ganze Technologiezweige wie die Düsenjäger oder den Raketenbau. Es war Kammler, von dem die Amerikaner die Raketenspezialisten um von Braun im Paket bekamen, und er hatte noch viele andere „Baustellen“. Aber Kammler ist praktisch unbekannt geblieben. Angesichts der Tatsache, dass er wohl der handlungsmächtigste Nazi-Funktionär der letzten Tage des Dritten Reichs und der Herr über seine Geheimwaffen war, doch recht verwunderlich. Hans Kammler ist neben Rudolf Heß, Winston Churchill, Arvie Jones, Eric Welsh, Otto Frisch, Kim Philby, Ian Fleming und vielen anderen eine der historischen Figuren, die im Roman auftreten. Aber die Erzählung bleibt doch sehr stark bei Simon Batley. Warum? Die literarische Herausforderung war, diesen komplexen Stoff spannend zu erzählen, in dem ganz unterschiedliche Themen zusammenkommen: die Entwicklung der militärischen Geheimtechnik während des Zweiten Weltkriegs, die Entstehung der modernen Spionage, das Ineinander von Agentenberichten und reinen Zufällen, die dann schließlich etwa zum „Manhattan Projekt“, der Entwicklung der Atombombe, geführt haben; und nicht zuletzt wollte ich den Zweiten Weltkrieg selbst und seine entsetzlichen Zerstörungen erzählen, und all das, was er den Menschen angetan hat. Dafür ist Simon Batley der ideale Held, der die Handlung voranbringt, auch auf einer emotionalen Ebene. Ich habe mich selten so stark mit einer Figur identifiziert, wie mit ihm. Simon ist der Verbinder. So wird er auch am Anfang vorgestellt. „Verbinder“ ist eine zentrale Position im Rugby, der „Fly-Half“. Die anderen Teile tragen gleichfalls Titel aus dem Rugby – und sie erzählen am Rande auch die Geschichte dieses „Barbarensports, der von Gentlemen gespielt wird“, wie Oscar Wilde ihn genannt hat. ATOM 416 Seiten 26,00 € Hardcover erschienen im März 2025 Rowohlt Berlin Steffen Kopetzkys spannungsvoller Roman erzählt von der Jagd nach der Atomtechnik, der Spur eines Phantoms – und einem Mann, der zwischen Schuld, Liebe und Hoffnung steht.

espresso Anzeige 26 Welche Bedeutung hat das Rugby? Ich suchte nach einer typischen, eher kleinen englischen Indus- triestadt in den Midlands, aus der mein Held kommen sollte. Rugby City, zwischen London und Coventry gelegen, war dafür sehr geeignet. Ich wusste zunächst nicht, dass der Sport aus dieser Stadt stammt. Das erste, was ich dann spannend fand, war, dass Rugby aus einem Regelbruch hervorging, danach aber selbst sehr viele Regeln entwickelt hat. Das ist ein widersprüchliches Verhältnis. Damit ist Rugby auch sinnbildlich für Imperien wie dem englischen: Das Reich beginnt mit einem Bruch, einer Aggression – und verteidigt das dann als Setzung von Recht und Normalität. Abgesehen davon gibt es beinahe in jedem meiner Romane eine Beschäftigung mit Spielen: Strategiespiele in „Risiko“, Poker in „Propaganda“, zuletzt in „Damenopfer“ Schach. Aber ich hatte noch nie ein Feldspiel. Das fand ich sehr passend – denn Geheimdienstarbeit beruht auf Mannschaftsleistung, auch wenn immer der einsame Agent thematisiert wird. Schließlich auch, wie in dem Spielzug der „Gasse“ das Ringen um die Kon- trolle des Balls bis zur letzten Sekunde: das Finale des Romans. Inwieweit knüpft „Atom“ an Ihre bisherigen historisch- politischen Romane an? „Atom“ bildet Mittelstück und Herz der fünf Romane, die ich in den letzten zehn Jahren veröffentlichen konnte. Auslöser für meine Beschäftigung mit Geopolitik war aber 9/11. Wie beinahe jeder, der 2001 schon etwas älter war, werde ich nie vergessen, wo ich mich damals aufhielt. Ich etwa checkte gerade in ein Hotelzimmer in Baden-Baden ein, und da es damals noch keine Smartphones gab, machte ich den Fernseher an. Die brennenden Türme in New York auf allen Kanälen gaben mir das beunruhigende Gefühl, dass gerade etwas zu Ende gegangen war oder etwas angefangen hatte – so wie das Wortspiel Churchills: „Erleben wir den Anfang des Endes oder war das nur das Ende des Anfangs?“ Wie wir heute wissen, markierte 9/11 beides, den Zerfall der alten Zwischenkriegsordnung und den Beginn des Ringens um eine multipolare Welt, wie wir das heute erleben. Ich begann damals aber erst einmal, mich mit den Hintergründen des politischen Islam zu beschäftigen, wollte ihn auch in seiner Geschichte verstehen und war dann erstaunt, als ich feststellte, dass das Auswärtige Amt des Deutschen Kaiserreichs im Herbst 1914 einen Masterplan zur islamischen Weltrevolution ersonnen und sich daran gemacht hatte, diesen umzusetzen. Zentrales Land darin: Afghanistan. Während also Anfang der 2000er Jahre der große weltweite Krieg gegen den Terror, der Irakkrieg und die Besetzung Afghanistans begannen, arbeitete ich an „Risiko“. Der Stoff ließ mich nicht mehr los, und mit den Schwingen eines Greifs trug er mich in den Hürtgenwald, das wurde „Propaganda“. Und so kam ich von einem Roman zum anderen, fünf Bücher, die insgesamt einen Zeitraum von 1914 bis 1971 erzählen, zwischen Erstem Weltkrieg und Vietnamkrieg. „Atom“ ist nun etwas wie der ins Zentrum einzusetzende Brennstab. Ich hoffe, dass meine historisch-politischen Romane dabei helfen, die Konstanten und Kräfte der Geopolitik besser zu verstehen. Herr Kopetzky, haben Sie noch Hof fnung in die Menschheit? Angesichts der politischen Entwicklungen in der Welt: Mit welchen Gefühlen wachen Sie morgens auf? Ich glaube fest daran, dass Deutschland in einem vereinten, mächtigen Europa einen festen und sicheren Platz in der Welt haben wird. Mit dieser Hoffnung wache ich auf und mit der gehe ich ins Bett.

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