Ausgabejahr 26 | 05 - 2026 Kostenlos zum Mitnehmen
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2 RUBRIK Anzeige Liebe Leserinnen und Leser, in Vorbereitung auf diese Ausgabe rund ums Heiraten, Beziehungen und die Liebe habe ich in einem alten Büchlein gelesen: "Die eheliche Pflicht" von Dr. Weißbrot, erschienen 1879. Den Inhalt des Buches stellen wir Ihnen auf den nachfolgenden Seiten vor. Nur soviel vorne weg: Eigentlich dachte ich, es wäre eine amüsante Lektüre – ein Blick in eine längst vergangene Zeit voller Tabus und Regeln. Doch ich habe etwas anderes daraus gelernt. Wie sicher sich die Menschen damals waren, zu wissen, was „richtig“ ist. Wie selbstverständlich sie über andere geurteilt haben. Vorgegeben haben, was richtig sein sollte, aber eben nicht war. Und wie blind sie dabei für das waren, was wirklich zählte. Heute wirkt das Werk eng, belehrend, überholt. Und wir denken: Wie wenig aufgeklärt oder gar dumm die Menschen damals waren. Aber in gewisser Hinsicht sind wir heute nicht schlauer. Medizinisch wissen wir mehr, aber auch wir sprechen rund um Hochzeiten noch immer darüber, was „richtige“ Liebe ist: über Treue, über Fremdgehen, über Moral und Konstellationen. Wir diskutieren, wie Beziehungen zu funktionieren haben und urteilen schnell, wenn jemand davon abweicht. Wir bewerten Menschen danach, ob sie bisexuell oder homosexuell leben. Wir schauen kritisch auf diejenigen, die selbstbestimmt als Escort arbeiten. Wir empören uns über das Private, über vermeintliche moralische Verfehlungen – über Lappalien. Und gleichzeitig passiert etwas anderes, viel größeres, ganz leise, das wir mehr tolerieren, als die Chat-Nachrichten unseres Partners: Wir finanzieren mit unseren Steuergeldern Systeme, in denen Krieg und Terror möglich sind. Wir tragen – oft unfreiwillig, aber beständig – dazu EVELIN RAFFALT MEDIENBERATERIN MOBIL: 0172/8533599 raffalt@espresso-mediengruppe.in SEBASTIAN BIRKL SONJA MELZER team espresso editorial Outfit von Retzlaff Moden, Ingolstädter Straße 27 & 29, Pfaffenhofen Tel. 08441 84887 Mail: retzlaff.moden@online.de Instagram @retzlaff_moden Foto: www.thorstenbrieger.com marketing
"Wenn man nach der statistischen Anzahl (von Sexualdelikten) geht, besser keine Beziehung mit einem Mann eingehen." Zitat des Vorsitzenden des Bundes Deutscher Kriminalbeamten, Dirk Peglow, auf die Frage von Moderatorin Dunja Hayali, was er Frauen angesichts der gestiegenen Fälle von Vergewaltigungen und Sexualdelikten raten würde. Vorschau auf demnächst.. bei, dass Gewalt fortbesteht, während wir von Liebe sprechen. Wir wählen nicht bewusst die Gewalt. Aber wir leben in Strukturen, die sie ermöglichen – und widersprechen ihnen viel zu selten. In unserer letzten Ausgabe haben wir junge Menschen zu Wort kommen lassen, die sich klar gegen eine Wiedereinführung der Wehrpflicht positionieren. Der ein oder andere Leserbrief kritisierte diese Darstellung als einseitig. Wir nehmen solche Rückmeldungen ernst, aber zeigen mit diesem Beitrag nunmal Haltung gegen den Einsatz von Waffen. Wie passt es zusammen, dass wir Kindern beibringen, Gewalt sei keine Lösung – und von jungen Erwachsenen plötzlich wieder erwarten, im Zweifel Gewalt auszuüben, wenn es politisch gefordert wird? Was sagt es über politische Verantwortung aus, wenn Konflikte vor allem militärisch gedacht werden, Verteidigungspolitik schöngeredet wird, während gleichzeitig Klimaschutz relativiert wird, und rechtsextreme Tendenzen zu oft verharmlost oder ignoriert werden? Auf Social Media liest man immer wieder vom „Kampf gegen Linksextremismus“. Warum wird dieser von der Regierung so stark betont? In einer Zeit, in der junge Menschen für den Dienst an der Waffe gewonnen werden sollen, erscheint das fast folgerichtig. Die einen zünden Autos an, die anderen Menschen. Und doch soll der Eindruck entstehen, dass rechtsextreme Tendenzen weniger bedrohlich wären. Vielleicht weil gerade jetzt ein gewisser Patriotismus politisch gewollt ist? Weil Feindbilder einfacher sind als Verständigung? Weil die Moral von der Geschicht ist, du sollst den Gegner im Zweifel bekämpfen, 7 Stefanie Herker Stefanie Herker, Chefredakteurin nicht lieben. Und dann sehen wir Bilder, die uns berühren: ein gestrandeter Wal, ein verstoßenes Äffchen in einem Zoo. Plötzlich ist sie da, die große Welle der Anteilnahme. Alle wollen helfen. Alle fühlen mit. Und das ist gut. Aber es wirft auch eine Frage auf: Warum gelingt uns dieses Mitgefühl so punktuell und nicht im Großen? Was ist mit verunglückten Flüchtlingen auf hoher See? Was ist mit Massentierhaltung? Was ist mit all dem Leid, das nicht in ein einzelnes Bild passt? Wofür empfinden wir Liebe – und wofür nicht? Wo bleiben die gleichen Anstrengungen für den Frieden? Wo ist der gleiche politische Wille, Konflikte zu lösen, bevor sie eskalieren? Wo sind die Investitionen in Diplomatie, Verständigung und echte Prävention? Wenn die Perspektive für junge Menschen darin besteht, „kriegstauglich“ zu werden, statt friedensfähig, dann ist das kein Zeichen von Stärke – sondern ein Armutszeugnis. Vielleicht ist das die eigentliche Parallele zum ehelichen Ratgeber aus 1879: der feste Glaube, sich im Recht zu sehen, sich verteidigen zu müssen – und dabei andere Wege gar nicht mehr zu denken. Wir brauchen andere Gedankengänge. Und ganz bestimmt sogar die unbequeme Wahrheit, dass oft nicht die Fähigsten die Richtung vorgeben. Vergessen wir, wie dumm wir doch waren, denken wir daran, wie dumm wir noch sind. Viel Vergnügen mit unserer espresso Mai-Ausgabe rund um die Liebe! Wir planen eine ME-TOO AUSGABE! Wer über erfahrene Gewalt reden will, darf sich gerne bei uns (auch anonym) melden!
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10 Muss man das Bäumchen biegen, solange es jung ist? Manche Weisheiten sollte man lieber prüfen. Foto: Herker / midjourney
11 espresso VE "Man muss das Bäumchen biegen, solange es jung ist" - Ein Zitat, das man gelegentlich auf Hochzeiten heranzieht. Auch auf meiner. Eigentlich ist damit immer die Frau gemeint. Absurderweise ist dieses Zitat aus der Traurede von mir und meinem Mann das Einzige, woran ich mich textlich noch genau erinnere. Andere Paare hätten vielleicht monatelang nach dem oder der perfekten Trauredner:in gesucht und zusammen besprochen, was gesagt werden darf und was nicht. Mein Mann und ich - geradlinig, wie wir beide sind - haben uns damals für das, sagen wir, humorvolle Überraschungspaket eines Trauredners entschieden. Vohburgs ehemaliger Bürgermeister Martin Schmid rockte die Show. Er kennt mich seit meiner Kindheit, mein Mann und er sind Kollegen. Ich habe den Männern an meinem Hochzeitstag diesen kleinen Spaß gerne gegönnt. Nunmal war ich an meinem Hochzeitstag nicht mehr jung, so dass man mich nachweislich hätte verbiegen können. Dachte ich. Nicht, dass das nicht nötig gewesen wäre. Schon am Anfang unserer Beziehung habe ich Schranktüren offen gelassen. Schubladen auch. Dinge durften unfertig sein, Übergänge fließend, Räume nicht vollständig diszipliniert. Mein Mann sah darin vor allem eines: Optimierungsbedarf. Für manche Menschen funktioniert die Welt besser, wenn sie strukturiert ist. Für mich leider nicht. Trotzdem oder vielleicht auch deshalb, hielt ich mich selbst lange für meinen größten Kritiker. Als ich in die Ehe eintrat, stellte ich fest, dass diese Rolle bereits vergeben war. Präzise, ausdauernd und von bemerkenswerter Konsequenz. Mein Mann ist seit 18 Jahren Bürgermeister. Kürzlich wurde er für weitere sechs bestätigt. Und das Amt eines geborenen Entscheiders endet eben nicht an der Haustür. Er weiß es natürlich besser, wie man eine Päckchensoße zubereitet. Die macht man nicht ungefähr, sondern exakt nach Beschreibung. Er weiß, wie ein Tisch abzuwischen ist – nicht irgendwie, sondern systematisch. Ich hingegen koche nach Gefühl. Wische, wenn es nötig erscheint. Er weiß, wer verantwortlich für den verlegten Autoschlüssel ist. Für die Unordnung. Er weiß sogar Dinge über mich, die ich nicht mal selbst über mich weiß. Ich habe lange geglaubt, ich müsse nur ausreichend leisten, mich korrigieren, um irgendwann diesen Zustand zu erreichen, in dem nichts mehr beanstandet wird. Schließlich muss man in jeder Ehe Kompromisse eingehen. Doch eines Tages blitzten die "mahnenden" Worte von Martin Schmid förmlich vor mir auf. Irgendwann habe ich also aufgehört, diesen für mich unmöglichen Zustand eines verbogenen Bäumchens anzustreben. Nicht aus Trotz, eher aus Erkenntnis. Ich bin wohl kein Bäumchen. Erst recht keins aus Gummi. Wenn man mich fragt, wie ich das bewältige – Kinder, Beruf, Haushalt, ein Leben mit einem gefragten Mann. Ob es mich nicht störe, dass er so viel arbeitet. Ich lächle dann. Weil die Frage das Wesentliche verfehlt. Wenn ich kritische Kommentare schreibe, wird mir in Leserbriefen erklärt, dass es ja Gründe habe, warum ich so schreiben würde - meinen Mann etwa. Der Klassiker. Nein. Ich habe als Frau im Jahr 2026 tatsächlich meinen eigenen Kompass. Und ich benutze ihn. Ich bin nicht mein Mann, wenn es um gute Eigenschaften geht und auch nicht, wenn es um schlechte geht. Bei der letzten Bürgermeisterwahl kam es zur Stichwahl. Das Versprechen des CSU-Kandidaten: mehr Parkplätze in Pfaffenhofen. Sein Slogan: „18 Jahre sind genug.“ Ich träumte in diesem Zusammenhang nicht von einem Blechparadies, in dem es nach Abgasen duftet und die Motoren säuseln, sondern sah der Tatsache ins Auge, dass ich mich für ein Leben entschieden habe, das keiner Wahlperiode unterliegt. Ich kneife nicht, ich trete jeden Tag aufs Neue an. Und irgendwo zwischen seinen Einwänden und meinen Widerständen ist etwas entstanden, das ich nicht erwartet hatte: Klarheit. Nicht darüber, wie Dinge zu tun sind. Sondern darüber, wer ich bin. Und ein kleiner Trost an alle, die die Wahlen gegen ihn verloren haben: Gegen meinen Mann kann man quasi nicht gewinnen. Manche Kritik ignoriere ich also, aber gewisse Dinge nehme ich tatsächlich leise, aber mit einem gewissen Ansporn an und werde von Tag zu Tag ein bisschen stärker - mit Herker. VON STEFANIE HERKER mit Retzlaff Moden, Pfaffenhofen Fotos: Thorsten Brieger Achtung: Bäumchen biegen strengstens verboten!
espresso Anzeige 12 VINTAGE WEDDING GANZ IN WEISS(LEIN) Sie findet immer die richtigen Worte und das kann auch für die eigene Ehe nicht schaden - Heidi Weißlein ist von Beruf Hochzeits- und Trauerrednerin. Am 2. Mai feiern sie und ihr Mani 36. Ehejubiläum. Das Hochzeitsfoto aus 1990 bedient rein optisch sämtliche Klischees der Zeit: Vom Blazer mit Schulterpolster bis zur Frisur. Was hat sie in all den Jahren abseits von Oberflächlichkeiten gelernt? "Gegenseitige Liebe, Respekt, Vertrauen, ganz viel Humor und Zärtlichkeit - das ist das einzige Rezept, das ich euch mitgeben kann! Zusammenhalt und gemeinsam an einem Strang ziehen sind das Wichtigste, dann geht man auch durch stürmische Zeiten." DURCH DEN MONSUN Inge und Robert Bechstädt sind seit 35 Jahren verheiratet. Sie feierten ihre kirchliche Hochzeit am 6. Juli 1991 im Münster inklusive Kutschfahrt. Standesamtlich hatten sie sich bereits im kleinen Kreis am 23. November 1990 das Ja-Wort gegeben. Die Bechstädts bestritten schon so einige Kämpfe, vor allem die gegen Krankheiten. Aber nicht gegen, sondern miteinander. Wir fragten Persönlichkeiten aus der espresso-Region nach ihren Hochzeitsbildern Schal von spatz-hutdesign.de
9 BONNY & CLYDE Einen guten Riecher hat der Pfaffenhofener Schriftsteller Steffen Kopetzky nicht nur bei der Themenwahl seiner Romane. Seine Verbündete heißt Dorle und zusammen sind sie - seit dem 3. Juli 2004 - die Kopetzkys, ein absolutes Power-Couple. Praxis Dr. Voit von Thun Kieferorthopädie für Kinder, Jugendliche und Erwachsene Max-Joseph-Str. 7 85051 Ingolstadt Tel.: 0841-88 55 030 www.IN-Smile.de info@in-smile.de Kostenlose Parkplätze direkt vor der Tür. Wir suchen eine/n Auszubildende/n (m/w/d) für 2025 zur/zum ZFA Hast du Interesse? Wir würden Dich gerne kennenlernen! IM KERN DIE GLEICHEN Michael Kern und seine Frau Sandra haben sich am 22. März 2008 das Ja-Wort gegeben. Die beiden haben sich kaum verändert. Aber die Wahlperiode ist noch lang. DIE FESSELN DER LIEBE Alt-Bürgermeister Sepp Mißlbeck heiratete 2002 seine neue Lebensgefährtin Christl. Die "Fesseln der Liebe" waren für ihn wohl eher die angenehmste Form des "Gefesseltseins". 2013 hat das Leben gezeigt, dass es auch ganz anders gehen kann - er war einer der Geiseln bei der Geiselnahme im Ingolstädter Rathaus. Kein Abenteuer, das man sich wünscht, aber - ähnlich wie schlechte Tage in der Ehe - mit einer Portion Ruhe und Gelassenheit bewältigen kann.
espresso Steffen Kopetzky, geboren 1971, ist Autor von Romanen, Hörspielen und Reisereportagen. Sein Roman "Monschau" stand monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste, ebenso wie "Risiko", der für den Deutschen Buchpreis nominiert war. 2024 wurde Steffen Kopetzky mit dem Literaturpreis der Stahlstiftung Eisenhüttenstadt geehrt. 2025 erschien - passend zum 80-jährigen Kriegsende - der Roman Atom (2025). Kopetzky lebt mit seiner Familie in seiner Heimatstadt Pfaffenhofen. Foto: Jana Mai
15 espresso Romantik Heinrich Heines „Die Harzreise“ feiert im Mai 2026 ihr zweihundertjähriges Erscheinen. Der bedeutende deutsche Dichter wanderte im September 1824 für eine Woche im Harz, schrieb im darauffolgenden Jahr über seine Eindrücke und brachte das Werk dann im Mai 1826 zusammen mit anderen Texten unter dem Titel „Reisebilder. Erster Theil“ heraus. Der Schriftsteller Steffen Kopetzky nahm dieses Jubiläum zum Anlass sich auf die Spuren von Heine zu begeben und seine eigenen Worte für diese Reiseroute und den dort gemachten Begegnungen zu finden. Zu Fuß durch den Harz, welchen Weg, welche Städte? Die Reise beginnt in Göttingen. Wir gehen durchs Leinetal Richtung Norden nach Northeim, von da nach Osterode am Harz, auf die Clausthaler Hochebene nach Clausthal-Zellerfeld und wieder hinab nach Goslar. Von dort führt der Weg in das nahe gelegene Bad Harzburg und danach durch den Nationalpark zur Übernachtung auf dem Brocken. Nach diesem Gipfelerlebnis kommen Wernigerode, der Höhlenort Rübeland und die letzte Etappe durch das wunderschöne Bodetal bis nach Thale. Es war Ihre erste längere Wanderung. Wie ist es Ihnen dabei ergangen? Ich musste mich erst eingehen, hatte schon mit Schmerzen zu kämpfen. Vor allem musste ich Gepäck loswerden. Die anfängliche Mühsal schildere ich hoffentlich amüsant im Buch. Aber bald bemerkte ich, dass alles, was man über die wohltuende Wirkung des Wanderns erzählt, zutrifft. Es ist ein Wundermittel, um dem Alltag zu entfliehen und auf neue Gedanken zu kommen. Man ist den ganzen Tag an der frischen Luft, genießt innere Ruhe und die tiefe Zufriedenheit, wenn man an einsamen Stellen rastet und sich der Schönheit der Natur hingeben kann. Und natürlich ist es sehr befriedigend, so nachhaltig unterwegs zu sein. Durch seine Einfachheit hat das Wandern etwas Überzeitliches STEFFEN KOPETZKY BEGAB SICH AUF DIE SPUREN VON HEINRICH HEINE UND ERZÄHLT DARÜBER IN SEINEM NEUEN BUCH "DIE HARZREISE. EINE DEUTSCHLANDERKUNDUNG" . & Realismus oder auch menschheitlich Zeitloses, man fühlt sich mit einem Mal geborgen. Sie beziehen sich explizit auf Heinrich Heine, der seine Harzreise vor 200 Jahren veröffentlichte, was war damals anders als heute bzw. vice versa? Das fängt schon ganz simpel damit an, dass es damals für die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung völlig normal war, zu Fuß zu gehen. Heine berichtet, dass er am ersten Tag mehr als vierzig Kilometer marschiert war, das geht nur, wenn man es gewöhnt ist. Da alle zu Fuß unterwegs waren, traf er unterwegs natürlich auch viel mehr Leute auf seinem Weg als ich. Ich hatte meine Begegnungen meist in den Städten und war als Wandernder eher die Ausnahme. Aber es gab auch viele verblüffende Ähnlichkeiten – so glich der Harz von damals an manchen Stellen dem heutigen, denn auch damals waren nicht wenige seiner Gebiete entwaldet, freilich aus anderen Gründen, nicht Zwischen
16 espresso durch Borkenkäfer und Klimawandel, sondern durch zu intensive Nutzung. Anders als damals freilich sind viele Ortschaften, an denen es früher hoch herging, heute in der Krise. Clausthal, einst eine stolze Bergstadt kämpft mit Leerstand und wirkt mancherorts traurig heruntergekommen. In der alten Kaiserstadt Goslar oder in Wernigerode mit seinem schönen Schloss kann man buchstäblich über dasselbe Pflaster spazieren wie Heine selbst. Man erlebt also Wandel und Kontinuität zur selben Zeit. Das Buch heißt im Untertitel „Eine Deutschlanderkundung“ - was muss man sich darunter vorstellen? Ich habe nicht nur eine Wanderung auf den Spuren eines zweihundert Jahre alten, immer noch faszinierenden und auch witzigen Textes gemacht, das auch, aber ich war zum ersten Mal in einem Teil Deutschlands unterwegs, der mir bis dahin fast völlig unbekannt gewesen ist. Speziell dabei: man beginnt die Wanderung im Westen, Niedersachsen, früherer Zonenrand, teilweise ganz schön runtergekommen, kommt dann in den Osten und hat das Gefühl, in einer anderen, viel wohlhabenderen Welt zu sein. West und Ost sind hier gleichsam umgedreht. Das hatte eine verblüffende und befreiende Wirkung. war etwa die Begegnung mit einer Revierleiterin. Früher hätte man gesagt Oberförsterin. Jedenfalls die Chefin im Wald. In dem Moment brach ein enormes Gewitter los, wir setzten uns in einen Unterstand und sie hat mir ein ausführliches Interview gegeben. Ganz großartig! Drei Bundesländer, Ost und West, viele Mythen – welche Bedeutung hat der Harz? Also da ist einmal seine Lage – der Harz liegt mit seiner leicht ovalen Form wirklich wie ein Herz in der Mitte Deutschlands. Die Städte an seinem Rand funktionieren wie Wegweiser – von Goslar kommt man nach Braunschweig, Hannover und Hamburg, von Thale nach Berlin, von Göttingen nach Nürnberg und München, von Nordhausen nach Leipzig usw. Und in der Mitte liegt der Brocken. Von der Geografie abgesehen, hat er aber auch historisch eine zentrale Bedeutung. Um das Jahr Tausend herum, also im Hochmittelalter, bezogen die Kaiser und die anderen Großen des Reichs hier ihr Silber. Jeder wollte seinen Anteil, deshalb war der Harz auch früher schon unter verschiedene Herrschaften geteilt. Besonders wichtig Goslar, aber es gab auch sonst etliche ertragreiche Minen. Also wurden entsprechend zahllose Burgen errichtet, um diesen montanen Reichtum zu schützen. Das ist der Grund, warum von dort so viele alte Adelsgeschlechter stammen, die Nachfahren jener Ritter in Diensten des Reiches. Später wurde der Harz ein Zentrum der technischen Innovationen des Bergbaus, wo zum ersten Mal im großen Maßstab Maschinenarbeit eingesetzt wurde, angetrieben vor allem vom Wasser. Die gesellschaftliche Klasse der Bergleute ist der Urstamm der Industriearbeiter. Unser Nationaldichter Goethe erlebte dort den Beginn des zukünftigen Zeitalters, aber er bereiste den Harz auch deshalb so intensiv, weil er hier über geologische Erkenntnisse gleichsam in die Vergangenheit unseres Planeten blicken konnte. Sein erstaunlicher Aufsatz „Über den Granit“ beschreibt von einer aus dem Harz stammenden Gesteinsanalyse ausgehend, die urzeitlichen Ozeane, und dass es damals tropisch zuging. Viel später befand sich im thüringischen Südharz die wichtigste Fabrik der Wunderwaffen, mit denen die Nazis den Zweiten Weltkrieg und die Amerikaner später den Wettlauf zum Mond gewinnen wollten. Der westlichste Außenposten des Warschauer Pakts mit einer großen russischen Garnison war auf dem Brocken und von enormer geostrategischer Bedeutung. Heute können wir beobachten, wie sich die Natur nach der vom Klimawandel getriebenen Borkenkäferkatastrophe vor einem Jahrzehnt langsam wieder erholt und sich den Harz zurückholt. „Nichts ist beständig als der Wandel“, mit diesem Gedanken von Ludwig Börne begann Heine damals seine Harzreise. An der Wahrheit dieser Aussage hat sich bis heute nichts geändert. In Ihrem Buch schreiben Sie "Stephen Graham nannte das Wandern eine Lehre des Lebens – und ich verstehe das jetzt." Was hat Sie das Wandern gelehrt? Und hat Sie jetzt die Wanderlust gepackt? Nächstes Ziel? Das Wandern macht einen bescheiden. Man freut sich über kleinste Nettigkeiten von den Leuten, die man trifft. Gleichzeitig macht es einen frei. Der materielle Besitz, um den man sich kümmern muss, schrumpft von Etappe zu Etappe. Man hat nur einen Rucksack, der immer leichter wird, das ist sehr wohltuend. Ich würde jederzeit wieder eine Wanderung machen. Ein Freund hat mich eingeladen, ihn Auch wird einem erst beim Wandern klar, wie groß Deutschland eigentlich ist und wie viel Besonderes und Schönes (und weniger Schönes manchmal auch) es gibt. Herrliche Landschaften, tiefe Wälder, alte Wege. Freilich liegen jenseits der Metropolen auch viele unserer Probleme offen zu Tage. Welche Probleme sind das? Was man überall merkt, ist der krasse demographische Wandel. „Wegen Personalmangel geschlossen“ liest man sehr oft an den Türen alter, einladend wirkender Gaststätten, die dunkel bleiben. Dass ausgerechnet dort, wo der Mangel an jungen Menschen am stärksten zuschlägt, eine grundsätzlich zuwanderungsfeindliche Politik Triumphe feiert, ist paradox und ein großes Problem für die Zukunft dieser leider finanzschwachen, selbst auf Solidarleistungen angewiesenen Landstriche. Ich verstehe wirklich viele der Sorgen, die man dort hat, aber wie man die Probleme durch völkischraunendes Deutschtum und andererseits eine Annäherung ausgerechnet an das demographisch, politisch und wirtschaftlich desaströs dastehende Russland auflösen will, ist mir beim besten Willen schleierhaft. Das wird mancherorts noch ein schmerzliches Erwachen geben, fürchte ich. Auf diese Widersprüche stößt man im Harz aber durchaus auf harte Weise, das bleibt festzustellen. Welche Gespräche auf Ihrer Reise haben einen bleibenden Eindruck bei Ihnen hinterlassen? Ein glücklicher Zufall ganz zu Beginn auf dem Weg nach Clausthal " Mein Blick auf die gewöhnlichsten Dinge änderte sich. Das Normale wurde wunderbar und interessant.
espresso 17 in seiner neuen Wohnung in Genua zu besuchen. Vielleicht ist das der nächste Ausgangspunkt, mal sehen. Unser Magazin dreht sich dieses Mal um das Thema Heiraten. Das Schloss Wernigerode und ihre Begegnungen mit jungen Brautpaaren spielen in Ihrem Buch eine Rolle. Was waren Ihre Gedanken und welche Gemeinsamkeiten lassen sich zwischen einer Ehe und einer Wanderung herstellen? Wie bei einer Wanderung endet auch in der Ehe niemals die Notwendigkeit, den Moment zu leben und ernst zu nehmen. So schön die Hochzeit war, im Alltag muss man lernen, miteinander zu leben, sich um einander zu bemühen und niemals aufhören, sich für den anderen zu interessieren. Dann kann man auch durch schwierige Zeiten gemeinsam gelangen. " Wie bei einer Wanderung endet auch in der Ehe niemals die Notwendigkeit, den Moment zu leben und ernst zu nehmen. Sie schreiben davon, jeder Braut gratuliert und ihr gesagt zu haben, wie wunderschön sie aussieht. Sind es oft diese kleinen Gesten, die unser Leben verklären? Welche kleinen Momente haben Ihre Reise nachhaltig bereichert und wann hat Sie zuletzt ein Kompliment berührt? Man tut sich selber ja einen Gefallen, wenn man versucht, liebenswürdig zu agieren. Das ist nicht immer leicht, aber wenn man sich etwas Mühe gibt, kann man es sich angewöhnen. Auf meiner Wanderung habe ich mich sehr oft über die netten Hotel-Mitarbeiter gefreut, die man aller Orten im Harz antrifft, auch in den kleinsten Dörfern. Man kriegt mit, wie hart sie wegen des allgemein verbreiteten PersonalSteffen Kopetzky Die Harzreise Eine Deutschlanderkundung 208 Seiten € 23,00 (D) ISBN: 978-3-7371-0152-3 Erschienen am 17.4.2026 Auch als E-Book erhältlich: ISBN: 978-3-644-01324-7 Für weitere Informationen und Kontakt: Dorle Kopetzky · weissundblau agentur Telefon: +49 (0)8441 859 456 · · E-Mail: dorle.kopetzky@weissundblau.de Zweihundert Jahre nach Heinrich Heines Harzreise macht sich Steffen Kopetzky, dessen Route folgend, auf durch eine faszinierende deutsche Seelenlandschaft: Im Harz spiegelt sich unser Land – er ist poetischer Märchenort und Brennpunkt der Klimakrise, offenbart historischen Reichtum, Strukturwandel und Armut, war geteilt zwischen Ost und West. Jener Streifen, der einst die Grenze war, ist heute als «Grünes Band» einer der erfreulichsten Krafträume der Natur. Kopetzky stößt auf Erinnerungsorte unseres Landes, von Hexentanzplätzen am mythenumwobenen Brocken bis zu legendären Abhörstationen. Und entdeckt seine riesigen Potentiale. Er macht berührend menschliche Erfahrungen, sieht aber auch die Realität einer verunsicherten Gesellschaft, in der das «Deutschtum» neue Blüten treibt. Mit dem Echolot des geschichtsbewussten Autors und der Offenheit des Wanderers erkundet Kopetzky nicht nur das so unbekannte eigene Land, sondern auch jenes Lebensgefühl, für das der Harz seit Heines Zeiten steht, eines Sehnsuchtsortes der Freiheit und der seelischen Erneuerung. Ein überraschendes, lebendig erzähltes Reiseabenteuer – und eine Deutschlanderkundung der besonderen Art. Der Harz – wunderschön und zugleich voller brisanter Themen zwischen gestern und heute, Naturzerstörung, Ost und West. Eine deutsche Seelenerkundung in höchst unruhigen Zeiten. Vor 200 Jahren erschien Heinrich Heines Harzreise, mit der er den Deutschen den Puls fühlte. Nun erkundet der wunderbare Erzähler Steffen Kopetzky auf dieser Route die deutsche Seele und das Hier und Jetzt. Steffen Kopetzky Die Harzreise Eine Deutschlanderkundung Steffen Kopetzky, geboren 1971, ist Autor von Romanen, Hörspielen und Reisereportagen. Sein Roman Monschau stand monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste, ebenso wie Risiko, der für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Zuletzt erschien der Roman Atom (2025), über den Die Zeit schrieb: «Kopetzky zu lesen, macht Spaß. Er erzählt schmissig und doch präzise … Aktueller kann ein vermeintlich historischer Roman wirklich nicht sein.» 2024 wurde Steffen Kopetzky mit dem Literaturpreis der Stahlstiftung Eisenhüttenstadt geehrt. Er lebt mit seiner Familie in seiner Heimatstadt Pfaffenhofen an der Ilm. Steffen Kopetzky Die Harzreise Eine Deutschlanderkundung 208 Seiten € 23,00 (D) ISBN: 978-3-7371-0152-3 Erscheint am 17.4.2026 Auch als E-Book erhältlich: ISBN: 978-3-644-01324-7 © Marc Reimann Im Harz spiegelt sich unser Land – er ist poetischer Märchenort und Brennpunkt der Klimakrise, offenbart historischen Reichtum, Strukturwandel und Armut, war geteilt zwischen Ost und West. Jener Streifen, der einst die Grenze war, ist heute als «Grünes Band» einer der erfreulichsten Krafträume der Natur. Kopetzky stößt auf Erinnerungsorte unseres Landes, von Hexentanzplätzen am mythenumwobenen Brocken bis zu legendären Abhörstationen. Und entdeckt seine riesigen Potentiale. Er macht berührend menschliche Erfahrungen, sieht aber auch die Realität einer verunsicherten Gesellschaft, in der das «Deutschtum» neue Blüten treibt. Mit dem Echolot des geschichtsbewussten Autors und der Offenheit des Wanderers erkundet Kopetzky nicht nur das so unbekannte eigene Land,sondern auch jenes Lebensgefühl, für das der Harz seit Heines Zeiten steht, eines Sehnsuchtsortes der Freiheit und der seelischen Erneuerung. mangels arbeiten, da ist es gerade toll, wie freundlich sie sind. Am meisten freue ich mich aber immer über Komplimente, die von unseren Kindern kommen, denn die sind gnadenlos ehrlich. Heinrich Heine gilt als "letzter Dichter der Romantik" und zugleich als Wegbereiter des kritischen Realismus sowie des Vormärz. Was würden Sie Ihrem jüngeren Ich als Ratschlag für eine gelingende Ehe mit auf den Weg geben? Mehr Romantik oder doch eher Realismus? Ich würde ihm einen Gedanken des persischen Mystikers Rumi empfehlen: „Achte gut auf diesen Tag, denn er allein ist das Leben. Das Gestern ist nichts als ein Traum, das Morgen nur eine Vision, das Heute jedoch, recht gelebt, macht jedes Gestern zu einem Traum voller Glück und jedes Morgen zu einer Vision voller Hoffnung.“ Foto: privat
18 VERLIEBEN 36 FRAGEN. 4 MINUTEN AUGENKONTAKT. DAS EXPERIMENT DES PSYCHOLOGEN ARTHUR ARON SOLL DABEI HELFEN, SICH ZU VERLIEBEN. Sich einfach mal durch ein Gespräch und tiefen Augenkontakt verlieben? Das klingt erst einmal wie ein Lifehack aus der Kategorie „zu schön, um wahr zu sein“. Genau das hat sich auch der amerikanische Psychologe Arthur Aron gedacht und kurzerhand ein Experiment daraus gemacht: 36 Fragen, zwei Menschen, ein bisschen Mut zur Ehrlichkeit – und zack, Liebe? Die Fragen sind dabei kein harmloser Small Talk. Es geht schnell von „ganz nett“ zu „oh, das wird jetzt persönlich“. Die Idee: Wer sich Schritt für Schritt öffnet, baut Nähe auf. Bevor jetzt aber jemand denkt, das Ganze sei die Abkürzung zur großen Liebe: Ganz ohne Chemie läuft natürlich nichts. Wenn der Funke fehlt, helfen auch 36 perfekt formulierte Fragen nicht weiter. Aber – und das ist der spannende Teil – sie können definitiv dafür sorgen, dass es knistert. Oder zumindest dafür, dass man sich plötzlich auf einer ganz anderen Ebene begegnet. Und mal ehrlich: Selbst wenn am Ende keine Lovestory draus wird, hat man immerhin ein Gespräch geführt, das nicht bei „Was machst du beruflich?“ hängen geblieben ist. Ob Date, Freundschaft oder Selbstexperiment – diese 36 Fragen sind so oder so einen Versuch wert. Im besten Fall verliebt man sich. Im schlechtesten Fall hat man wenigstens gute Geschichten zu erzählen. Und so funktioniert's: Jeder beantwortet die folgenden 36 Fragen. Danach schaut man sich vier Minuten lang einfach nur in die Augen. 1. Wenn du dich für eine beliebige Person entscheiden könntest: Wen hättest du gern als Gast zum Essen? 2. Wärst du gern berühmt? In welcher Form? 3. Hast du jemals geprobt, was du am Telefon sagen wolltest, bevor du jemanden angerufen hast? Warum? 4. Wie sieht für dich ein “perfekter” Tag aus? 5. Wann hast du das letzte Mal für dich gesungen? Und wann für jemand anderen? 6. Du darfst entscheiden: Wenn du 90 Jahre alt werden würdest, würdest du ab dem Alter von 30 Jahren entweder den Körper oder den Geist deines 30-Jährigen Ichs für die letzten 60 Jahre deines Lebens behalten? 7. Hast du eine Vorahnung, wie du sterben wirst? 8. Nenne drei Dinge, die wir offenbar gemeinsam haben. 9. Wofür in deinem Leben bist du am dankbarsten? 10. Wenn du auf deine Erziehung zurückblickst und etwas ändern könntest, was wäre das? ANLEITUNG ZUM
19 11. Nimm dir vier Minuten Zeit, um so viel von deiner Lebensgeschichte zu erzählen, wie es in der Zeit möglich ist. 12. Wenn du morgen mit einer neuen Eigenschaft oder Fähigkeit aufwachen könntest, welche wäre das? 13. Wenn dir eine magische Kristallkugel die “Wahrheit” über dich, dein Leben, deine Zukunft oder irgendetwas anderes verraten könnte, was würdest du wissen wollen? 14. Wovon hast du schon oft geträumt, aber es noch nicht getan? Warum hast du es noch nicht getan? 15. Was ist der größte Erfolg deines Lebens? 16. Was ist für dich in einer Freundschaft am wichtigsten? 17. Was ist deine schönste Erinnerung? 18. Was ist deine schlimmste Erinnerung? 19. Wenn du wüsstest, dass du in einem Jahr sterben wirst, würdest du etwas an der Art ändern, wie du jetzt lebst? Warum? 20. Was bedeutet für dich Freundschaft und welche Rolle hat das in deinem Leben? 21. Welche Rolle spielen Liebe und Zuneigung in deinem Leben? 22. Nennt euch abwechselnd, welche 5 positiven Eigenschaften euer Gegenüber hat. 23. Wie nah bist du deiner Familie? Hast du das Gefühl, dass deine Kindheit glücklicher war als die der meisten? 24. Wie ist die Beziehung zu deiner Mutter? 25. Macht jeweils drei “Wir”-Aussagen über euch. Zum Beispiel: “Wir sind beide in diesem Raum und fühlen uns …” 26. Vervollständigt beide den folgenden Satz: “Ich wünschte, ich hätte jemanden, dem ich erzählen könnte, dass ...” 27. Wenn du mit deinem Gegenüber eng befreundet sein möchtest, was wäre dann das Wichtigste, was die Person über dich wissen muss? 28. Sag deinem Gegenüber, was du an ihm magst. Sei dabei ehrlich und sag auch Dinge, die du einer Person, die du eben zum ersten Mal getroffen hast, vielleicht nicht direkt sagen würdest. 29. Was war ein peinlicher Moment in deinem Leben? 30. Wann hast du das letzte Mal vor jemand anderem geweint? Wann hast du das letzte Mal alleine geweint? 31. Sag deinem Gegenüber, was du jetzt schon an ihm oder an ihr magst. 32. Worüber sollte man keine Witze machen? 33. Wenn du heute sterben würdest, ohne die Möglichkeit gehabt zu haben, noch mit jemandem zu sprechen, was würdest du bereuen, nicht gesagt zu haben? Warum hast du es noch nicht vorher gesagt? 34. Stell dir vor, dein Haus, in dem all deine Besitztümer sind, fängt Feuer. Nachdem du deine Liebsten und Haustiere gerettet hast, ist noch genug Zeit, um genau einen Gegenstand zu retten. Was rettest du noch und warum? 35. Wessen Tod von allen Menschen in deiner Familie würde dich am meisten mitnehmen? 36. Erzähle deinem Gegenüber von einem persönlichen Problem und frage, wie er oder sie damit umgehen würde. Bitte dein Gegenüber danach zu reflektieren, wie du gewirkt hast, als du davon erzählt hast.
20 espresso Er erinnert sich noch genau daran, wie sich Gras angefühlt hat. Nicht dieses gepflegte, kurze Grün aus den Stadtparks, das heute von Drohnen geschnitten wird. Sondern echtes Gras. Wild, ungleichmäßig, manchmal zu hoch. Es hat an den Beinen gekitzelt, wenn er als Kind darüber gerannt ist, barfuß, ohne nachzudenken. Damals, irgendwo am Rand von Ingolstadt, wo die Felder noch nicht von Logistikzentren durchschnitten waren. Und manchmal – wenn er sich auf den Rücken ins Gras gelegt hat und in den blauen Himmel geschaut hat – hat er sich vorgestellt, wie es einmal sein würde. Sich verlieben. Heiraten. Kinder großziehen. Ein Haus vielleicht. Eine Frau, die ihn liebt. Es war kein großer Traum. Eher ein existenzieller. ⸻ Die Stadt um ihn herum hat sich verändert, lange bevor er es richtig bemerkt hat. Als die Industrie schwächer wurde, wurden Entscheidungen härter. Sparprogramme, Umstrukturierungen, neue Prioritäten. Und irgendwann auch eine neue politische Ordnung, die versprach, Klarheit und Stabilität zurückzubringen. Farben verschwanden langsam aus dem Stadtbild. Fassaden wurden vereinheitlicht, Werbeflächen reguliert, öffentliche Gestaltung standardisiert. Viel Grau, viel Beige, viel Funktion. Alles wirkte aufgeräumt, sauber – und seltsam ausdruckslos. Plätze, auf denen früher Veranstaltungen stattfanden, blieben leer oder wurden umgebaut. Kulturelle Angebote wurden leise zurückgefahren. Was keinen direkten Nutzen brachte, verschwand zuerst. Integrationsprogramme wurden ausgelagert. Private Anbieter übernahmen, oft standardisiert, oft digital. Persönliche Begegnungen wurden ersetzt durch Module, Abläufe, Vorgaben. Menschen gingen zur Arbeit. Einkaufen. Nach Hause. Alles funktionierte. Und dazwischen bewegten sie sich. Die Roboter. Groß. Glatt. Sie hatten makellose, fast einheitliche Gesichter. So, wie das System sie vorgesehen hatte. Wiedererkennbare Perfektion. Keine Ausreißer. Keine Irritation. Paare gingen nebeneinander her – Mensch und Maschine, im gleichen Schritt. Kinder gab es auch. Sie wurden produziert. In Laboren, am Rand der Stadt. Nach Normen, nach Vorgaben, optimiert je nach Bedarf. Man sah sie manchmal auf Plätzen oder in Einrichtungen, in kleinen Gruppen, ruhig, geordnet. Die Jungen wirkten stabil, kräftig, zielgerichtet, so als würde ihre Zukunft schon feststehen. Die Mädchen waren bestenfalls still, angepasst und höflich. Sie spielten, aber nicht laut. Wenn sie lachten, wirkte es kontrolliert. Alles war richtig. Jetzt ist er 52. Das Gras gibt es noch, irgendwo. Aber er läuft nicht mehr darüber. Es passt nicht mehr in seinen Alltag. Seine Schritte führen über glatte Böden, durch automatische Türen, entlang von Displays und Anzeigen. Er hat gearbeitet. Viel zu viel, findet er eigentlich. Er hat mit allem zu lange gewartet und gesucht. Es gab Begegnungen, Dates, Versuche. Aber nichts blieb. Die Jahre sind EINE FIKTIONALE REISE IN EINE WELT, IN DER LIEBE PROGRAMMIERBAR IST L.I.E.B.E. 2040 Foto und Text: Stefanie Herker
21 espresso leise vergangen, eins nach dem anderen. Und irgendwann hat er aufgehört, sich etwas vorzustellen. Weil es viel leichter war, einen der "modernen" Wege zu gehen. Es war ein Dienstag. Der Himmel war grau, fast so wie alles andere. Er hat nicht mehr nach oben geschaut. Stattdessen stand er vor einem Gebäude in Manching. Groß, funktional, ohne Fenster im unteren Bereich. Ein Schild: Partnerproduktion – Individuelle Systeme. Drinnen roch es nach sterilem Metall und seine Schritte hallten auf dem Boden. Ein Mitarbeiter führte ihn durch eine Halle. Reihen von künstlichen Körpern waren dort aufgereiht wie Kleider in einem Modehaus. "Sie können Parameter auswählen", erklärte der Mann sachlich. "Aussehen, Stimme, Verhalten, emotionale Anpassung." Er nickte. Seine Mutter würde das nicht mehr verstehen. Er wird sie vor ihr erst einmal verstecken müssen. Für ihn fühlte es sich aber nicht falsch an. Schließlich machen es jetzt viele so. Er wählte nicht lange. Ein Gesicht, das ihm gefiel: Kleine Nase, große Augen, volle Lippen, lange blonde Haare. Eine Stimme, die schön klang. Ein Stahlkörper. "Gute Wahl", sagte der Mitarbeiter und es dauerte nur einen Moment, dann öffnete sie die Augen. "Guten Tag", sagte sie. Er wusste nicht, was er antworten sollte. Der Mitarbeiter drückte ihm die Bedienungsanleitung in die Hand. "Das macht 25.000 Euro." Jetzt ist sie bei ihm. Immer zuverlässig, fürsorglich, niemals müde oder gelangweilt. Sie tut alles, was er will. Wenn er spricht, hört sie neugierig zu. Wenn er schweigt, stört es sie nicht. Manchmal sitzen sie einfach nebeneinander und er schaut sie an. Manchmal drückt er ihr ein Buch in die Hand. Die Luft ist still, nur das leise Summen ihrer Systeme ist zu hören. Er hört es oft gar nicht mehr. Nur manchmal, wenn er wirklich gestresst von der Arbeit ist. Dann brüllt er laut durch den Raum, sie solle ihre nervenbetäubenden Laute unterlassen. Dann schaltet sie sich mit einem "Wie du wünschst, Darling" aus. Im Großen und Ganzen ist sie die perfekte Frau. An einem Samstag machte er ihr bei Kerzenschein einen Heiratsantrag. Nun stehen sie beide bei Herzzauber in Lenting. "Ich suche ein Kleid für meine Frau", sagt er. Die Verkäuferin lächelt. "Menschlich oder Humanoid?", fragt sie und weiß eigentlich schon die Antwort. "Danke für das Kompliment", erwidert die Braut. Während sie die Kleider durchsehen, streift er mit der Hand über einen Stoff. Er denkt an seine Vorstellung von Familie damals, als er im weichen Gras lag. Für einen Augenblick ist das Gefühl wieder da. "Dieses Modell wäre geeignet“, sagt die Verkäuferin und zeigt auf ein magnetisch zu verschließendes Kleid für Humanoide. Es passt sofort. Natürlich passt es. "Wie sehe ich aus?", fragt sie. Ist es das, was ich mir vorgestellt habe?, denkt er sich. „Wunderbar siehst du aus", sagt er. Draußen fahren die Lieferroboter vorbei. Menschen gehen an ihnen vorbei, als wäre es nie anders gewesen. Er nimmt ihre Hand. Sie drückt zurück und küsst ihn. Ein wohliges Kribbeln auf seinen Lippen dank der Elektronik, so wie er es mag, lässt ihn nicht weiter zweifeln. Sie ist die Richtige. Sie ist genau richtig. Er lächelt. "Was wäre die Welt für eine sterile, wenn wir uns nicht wenigstens ein bisschen Nähe kaufen könnten." DER MENSCH IM FOKUS. Echt. Leise. Nah. THORSTEN BRIEGER FOTOGRAFIE Mehr Momente entdecken und unverbindlich anfragen: www.thorstenbrieger.com thorsten_brieger
22 espresso "Das Aussterben der Indianerstämme wird hauptsächlich dem frühen Heiraten zugeschrieben."* Von der ehelichen Pflicht & zeitlosen Sehnsucht des Menschen * laut dem Buch "Die eheliche Pflicht" aus dem Jahr 1879
23 espresso VON STEFANIE HERKER Ich erinnere mich noch ein wenig an meine Urgroßmutter. Jahrgang 1899. Zwei Weltkriege hat sie erlebt – die Mondlandung hielt sie für ausgemachten Unsinn. Wenn eines von uns Kindern nackt durchs Haus flitzte, kam zuverlässig der Kommentar: „Sei ned so unkeusch!“ Ich war vier, als sie starb. Es war eine andere Zeit, die sie prägte. Ob auf ihrem Nachttisch ein kleines Büchlein mit dem Titel „Die eheliche Pflicht“ lag, verfasst 1879 von einem gewissen Dr. Karl Weißbrodt, weiß ich nicht. Probleme mit der Fortpflanzung hatte sie und Uropa jedenfalls nicht. Ein gutes Dutzend Kinder haben sie hervorgebracht. Rechnerisch war Uroma etwa zwanzig Jahre ihres Lebens schwanger. Ein Lebensentwurf, der heute selbst ambitionierte Familienplaner schwindelig machen dürfte. Dr. Weißbrodt hatte Großes vor. Sein Buch wollte nichts weniger als Ordnung ins vermeintliche Chaos des Liebeslebens von damals bringen. Drei Teile strukturieren das Werk: die „Heiligkeit des Ehebettes“, das „richtige Verhalten im Ehebette“ und „Ehe-Unglück, dessen Ursachen und Heilmitteln“. Was folgt, ist eine Mischung aus Hausordnung, moralischem Regelwerk und Gesundheitsratgeber auf NIUS-Niveau. Das Ganze garniert mit biblischen Belegen. Fortpflanzung, so lernt man, ist kein spontaner Akt, sondern ein Vorgang von geradezu uhrwerkhafter Präzision. Man konnte verdammt viel falsch machen, wenn man meinte, man könnte sich auf seinen Urinstinkt oder sowas verlassen. Man muss dem Autor zugutehalten: Aufklärung war damals Mangelware. Ein solches Buch war fast schon ein Tabubruch. Und doch fragt man sich, wie es die Menschheit bis dahin überhaupt geschafft hat. Ganz ohne Betriebsanleitung, ohne „elastische Matratzen von Pferdehaar“, die laut Weißbrodt „viel besser als weiche Federbetten“ geeignet seien. Selbst in der elegantesten Höhle dürfte dieses Ausstattungsdetail gefehlt haben. Die Realität um 1880 war dann vielleicht doch eher ein Bett im Kornfeld oder der Strohhaufen im hintersten Eck der Scheune, jedenfalls vor der Ehe. Im Zentrum des Lebens stand diese schon allein deswegen, weil ohne sie offiziell nix laufen durfte. Vor der Ehe sollte man erst gar nicht an elastische Matratzen aus Pferdehaar denken. Und vor allem galt es, sich gewissenhaft zu prüfen. Nicht in Bezug auf Liebe. Wer in den „heiligen Stand“ trete, ohne sich zuvor über seinen körperlichen Zustand informiert zu haben, handle „höchst strafwürdig“ vor Gott. Ins Heute übersetzt: „Willst du mich "Die Verheiratung junger Mädchen mit alten Wüstlingen ist ein widerlicher, verdammenswerter Menschenfleischhandel, da es sich von Seiten der Braut in allen Fällen nur um das liebe Geld handeln kann."
heiraten?“ – „Sorry, ich muss vorher noch meine EKG-Werte checken lassen.“ Wer zudem durch „Selbstbefleckung“ oder ein „durstiges Studentenleben“ vorbelastet war, sollte die Hochzeit "besser auf nach dem 30. Lebensjahr verschieben". Heute verschiebt man sie eher, um das Studentenleben noch ein wenig auszudehnen. Vom zu frühen Heiraten wird ohnehin abgeraten. Gefahr: Genozid. "Das Aussterben der Indianerstämme wird hauptsächlich dem frühen Heiraten zugeschrieben" - eine der wohl kuriosesten Thesen, die fast zusammenhangslos im Buch schwebt und erst recht nicht wissenschaftlich belegt werden kann. Beruhigend wirkt das Büchlein hingegen auf alle Brautleute, die mit miesen Charaktereigenschaften ausgestattet sind: "Der Segen einer Gott wohlgefälligen ehelichen Liebe kann viele Schäden des Charakters mildern und heilen (...)." Ein erstaunlich optimistisches Menschenbild – zumindest, solange man unter 37 war. Danach wurde es unerquicklich: „Mädchen über 36 Jahre“ sollten vom Heiraten lieber absehen. Immerhin war damals eine Geburt mit lebensbedrohlichen Folgen verbunden, bei Frauen im fortgeschrittenen Alter traten eher Komplikationen auf. Auch "ein vertrockneter alter Junggeselle" sollte sich nicht mehr "zum Narren machen". "(...) ein in Sünden grau gewordener Wüstling" nehme sich höchstens eine Frau, "um eine Krankenwärterin zu haben". Im Ehebett selbst herrscht strikte Reglementierung. Wann, wie oft, in welcher Verfassung und nach welcher Mahlzeit – alles ist normiert. Spontaneität hat ungefähr so viel Platz wie ein Dessert nach dem Abendessen. Besonders verpönt: der Beischlaf im Zustand kulinarischer Seligkeit. „Schlemmereien mit einer im Taumel vollzogenen ehelichen Umarmung zu beschließen“, sei eine „Versündigung an Gott und der Menschenwürde“. Wer so etwas tue, dem sei „nicht zu raten und nicht zu helfen“. Selbst Abweichungen von der Norm werden sorgfältig eingehegt. Dass junge Eheleute gelegentlich tagsüber und außerhalb des Ehebettes ihren Neigungen nachgehen, sei „nichts weiter Bedenkliches“ – sofern es die Ausnahme bleibe und die Frau danach ausreichend Ruhe bekomme. Letzteres allerdings weniger aus Fürsorge als aus Gründen der Befruchtungseffizienz. Auch die „richtige“ Körperhaltung wird 24 espresso erläutert. Während Tiere sich abgewandt begegnen, sollen Menschen einander zugewandt sein – mit „Angesicht und Brust“. Alles andere könne beim „Weib“ Widerwillen hervorrufen. Ein Arzt, so heißt es, könne mit den richtigen Anweisungen Abhilfe bei "Gejammer" schaffen – und siehe da, nach ärtzlicher Hilfe empfinde die Frau plötzlich „volle Befriedigung“. Der Schaden sei geheilt. Die Machtverhältnisse im Ehebett sind klar geregelt. Der Mann entscheidet, wann und wie oft der Beischlaf stattfindet – biblisch und medizinisch begründet. Frauen, so Weißbrodt, könnten den Akt deutlich häufiger ohne gesundheitliche Schäden vollziehen. Männer hingegen drohten bei Übermaß allerlei Leiden: von allgemeiner Schwäche bis zur „Rückenmarksschwindsucht“. Folgerichtig wird Frauen geraten, den Mann nicht zu reizen, sich ihm aber willig hinzugeben, wenn er es wünsche. Ein Satz, der in seiner Konsequenz deutlich macht, wie sehr sich rechtliche und gesellschaftliche Normen seitdem verändert haben – auch wenn es lange gedauert hat und nicht immer konsequent sein mag. Erst 1997 wurde Vergewaltigung in der Ehe in Deutschland "Nach hausärztlicher Erfahrung tritt bei verheirateten Frauen das geschlechtliche Verlangen meistens erst längere Zeit nach Beginn des Ehelebens, gewöhnlich erst nach einer oder mehreren Entbindungen ein." strafbar. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte damals gegen die Selbstbestimmung von Frauen gestimmt. Während wir also über vermeintliche „Rückenmarksschwindsucht“ als mögliches Übel bei "falschem Vollzug des Beischlafs" schmunzeln, sollten wir uns gleichzeitig an die Nase fassen, weil wir in Sachen Liebe, Selbstbestimmung und Moral als Gesellschaft immer genug zu lernen haben. Im Schlusswort erklärt Weißbrodt, er habe die Ehe „christlich und ärztlich beleuchten“ wollen. Herausgekommen ist ein Regelwerk, das ein zutiefst menschliches Geschehen – Nähe, Begehren, Intimität – in ein System aus Vorschriften, Warnungen und Zuständigkeiten presst. Vielleicht liegt genau darin der eigentliche Wert dieser alten Ratgeberliteratur: Sie verrät weniger über die „richtige“ Art zu lieben als über die große, zeitlose Sehnsucht des Menschen, alles einzuordnen, in Schubladen zu stecken und kontrollieren zu wollen. Wir sind in dieser Hinsicht die wohl kompliziertesten Tiere, die sich bisher auf diesem Planeten mehr oder weniger erfolgreich vermehrten.
espresso Dont`s FÜR DEN EHEMANN Best-of Ehe-Tipps von 1913 - Blanche Ebbutt "Schauen Sie nicht finster oder streng drein. Gewöhnen Sie sich einen angenehmen Gesichtsausdruck an, wenn Mutter Natur Sie schon nicht mit einem gesegnet hat." *** "Spitzen Sie Ihre Bleistifte nicht beim Herumlaufen im ganzen Haus. Nutzen Sie dafür den Kamin, einen Papierkorb oder eine Zeitung (...). *** "Sagen Sie nicht immer Frag deine Mutter, wenn Sie nicht gestört werden wollen. Es ist gut möglich, dass auch sie ihre Ruhe haben will." "Versäumen Sie nicht, sich ein Hobby zuzulegen. So sind Sie aus dem Weg, wenn ihre Frau beschäftigt ist (...)." *** "Zappeln Sie nicht herum. Manche Ehemänner halten nie auch nur einen Moment still. Sie rennen wie ein Hausierer von Zimmer zu Zimmer, sie spielen beim Abendessen mit dem Salzstreuer, sie drücken mit einem Gabelzinken Linien in die Tischdecke (...). Damit halten sie ihre Frauen in einem Zustand ständiger Anspannung, und diese armen Kreaturen bräuchten Nerven aus Stahl, (...)." *** "Bestehen Sie nicht auf Ihr Eisbad, wenn Sie sich nicht gesund genug fühlen, um dann den Rest des Tages fröstelnd und elend durch das Haus zu schleichen." *** "Glauben Sie nicht, Ihre Frau wolle nie Zeit mit einem anderen Mann außer Ihnen verbringen. So nett sie Sie auch findet, es ist sehr wohl möglich, zu viel des Guten zu haben." *** "Belehren Sie Ihre Frau nicht. Sie ist genauso intelligent wie Ihre Kollegen im Büro; ihr mangelt es nur an Möglichkeiten." *** "Bilden Sie sich nichts auf ihr gutes Aussehen ein. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es außer Ihnen noch niemand bemerkt hat; Sie haben es sich jedenfalls nicht selbst verdient, und ein eingebildeter Mann ist lächerlich." Blanche Ebbutt, 1913 Neuauflage: homunculus Verlag, 2020 72 Seiten ISBN 978-3-946120-49-0 8.- € Shut up, Darling! *** "Weigern Sie sich nicht, in Kleidungsfragen auf die Vorschläge Ihrer Frau einzugehen. Frauen wissen oft besser, was Männern steht, als die Männer selbst."
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