26 espresso Who Frau von Maur, welche gesellschaftlichen Risiken sehen Sie, wenn „Pflegeroboter“ – also Roboter, die soziale Beziehungen simulieren – in Pflegeeinrichtungen oder Privathaushalten alltäglich werden? Menschen sind soziale Wesen. Wir alle sind fundamental angewiesen auf Liebe, Sorge, Sinn, Solidarität und Gemeinschaft – das sind keine optionalen Zusatzfunktionen, sie sind konstitutiv für unser Menschsein. Ein Mensch, dem Beziehungen dauerhaft fehlen, verliert also nicht bloß etwas Angenehmes, sondern den existenziellen Boden seines Selbst- und Weltverhältnisses. Konkret wird das in der Fürsorge. Diese setzt voraus, dass Menschen sich die Anliegen, Bedürfnisse, Ziele und Pläne eines anderen partiell zu eigen machen: der andere hat ein Gewicht, es ist nicht egal, was mit ihm passiert. Sorge bedeutet, wenn eine Person aus sich selbst heraus den Willen entfaltet, ihr Gegenüber als Person in Existenz zu bringen. Dafür braucht sie Bewusstsein, Willen, Autonomie und Liebesfähigkeit. Wir wollen nicht einfach versorgt werden – wir haben das tiefe Bedürfnis, als Person wirklich wahrgenommen zu werden. Das lässt sich nicht outsourcen, schon gar nicht an eine Maschine. Maschinen, Informationssysteme (Software, „Apps“) oder Roboter können im Pflegebereich einiges leisten: beim Heben von Patient:innen aus dem Bett, beim Erinnern an Medikamente, bei körperlich belastenden Routineaufgaben, präzisem Operieren etc. Das entlastet Pflegepersonal, gibt Ressourcen frei und hilft Patient:innen Aufgaben effektiv und effizient erledigt zu bekommen. Das sind äußerst sinnvolle Einsatzgebiete von Technik. Abwegige Einsatzgebiete sind hingegen all jene Bereiche der sozialen Beziehungen, wie eben die Sorge im Kontext von Pflege. Nicht deswegen, weil Maschinen technisch noch nicht ausgereift oder komplex genug für Verstehen, Einfühlen und Beziehungsfähigkeit wären – wie das oft behauptet wird –, sondern weil Fürsorge strukturell voraussetzt, dass eine Person die andere als Person in Existenz bringt. Das können Maschinen prinzipiell nicht. Die Philosophin Imke von Maur erklärt, warum sie soziale Pflegeroboter für eine gefährliche Scheinlösung hält Roboter simulieren Sorge, aber sie sorgen sich nicht. Das klingt für manche nach „Gedöns“ oder Sonntagsredner-Stoff, statt nach ernsthafter Wissenschaft. Das ist aber ein eklatanter Fehler reduktionistischen Denkens, das alles auf ein „nichts als …“ verkürzt: nichts als Neuronenfeuern, nichts als Hormone, nichts als ökonomische Nutzenmaximierung. Wenn Sorge reduktionistisch gedacht wird – und das ist die Voraussetzung für die Idee, sie an Maschinen outsourcen zu können –, wird der Mensch zum Fall: zur Diagnose, zum Pflegegrad, zur Aufgabe, die in einem bestimmten Zeitfenster erledigt werden muss. Fünfzehn Minuten für Körperpflege, zehn für Mahlzeit, dokumentiert, abgehakt. Das ist die konsequente Anwendung eines reduktionistischen Modells, das Sorge als Dienstleistung begreift, die sich in Einheiten messen und optimieren lässt. Wenn wir das fundamentale menschliche Bedürfnis nach Sorge und echten sozialen Beziehungen durch eine Simulation ersetzen, verpassen wir das, was Menschsein ausmacht und werden krank. Die Simulation von Beziehung hinterlässt eine Leere, die alles durchdringt – eine Art Sinnleere, die sich wie eine Depression über unser gesamtes Erleben legt. Wir sind physisch anwesend, aber nicht lebendig. „Man“ funktioniert, aber empfindet nicht mehr, wozu man überhaupt da ist. Man entfremdet sich von sich selbst und beginnt, das eigene Leben zu simulieren, als wären wir selber der Roboter. Das kann, in seinen extremen Formen, bis zur Psychose gehen, also dem Verlust von Kausalität, Zeit, Struktur – dem reinen Irr-Sinn. Ich sage das nicht, um zu dramatisieren, sondern weil wir über ein schwerwiegendes Problem sprechen, das reale Konsequenzen hat. Die Opioidkrise in den USA, in der mindestens 800.000 Menschen gestorben sind, war in ihrem Kern ein Versuch, unerträglicher Einsamkeit und Sinnleere durch Medikamente (oder besser Drogen) zu entkommen. Das ist die Wucht dessen, worüber wir hier sprechen. Es gibt keine einfachen Lösungen, aber eine Richtung, in die es gehen sollte, nämlich das fundamentale menschliche Bedürfnis nach Beziecares?
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