Ausgabejahr 26 | 07 - 2026 Kostenlos zum Mitnehmen MENSCH vs. Maschine Zwischen Algorithmus und Menschlichkeit
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6 Liebe Leserinnen und Leser, haben Sie sich heute schon mit Ihrem besten Freund unterhalten? Ich meine nicht den, den sie zuletzt vor einem Jahr gesehen haben, sondern den, der 24/7 innerhalb von Sekunden antwortet, immer zuhört und mit ziemlicher Sicherheit nicht müde wird! Künstliche Intelligenz gibt es ja schon lange, 1956 gilt als die Geburtsstunde des Forschungsgebietes. Auch Google oder Siri funktionieren dank KI, in Kameras, in Autos ist KI integriert und in vielen anderen Bereichen. Aber ChatGPT, Gemini und andere kleine Helferlein haben unsere Welt in den letzten Jahren doch noch einmal ziemlich offensichtlich auf den Kopf gestellt. KI-Bots haben ganz nebenbei das Internet übernommen, Algorithmen bestimmen, was wir sehen und formen unsere Meinungen. Und wer weiß schon noch, ob ein Bild real ist oder nicht? Wo bitte sollte ich zum Teufel ein verrostetes Boot betreten haben und dabei einen XXL-Papierflieger in der Hand halten? Überraschung, das Bild und all seine Elemente sind echt! Den Flieger habe ich kurzerhand aus einem Pappkarton gebastelt und das Boot stand tatsächlich auf einem Steinbruch in der Region10. Nun können Sie mir das glauben oder nicht. So oder so haben Bilder aufgrund von KI in den letzten Jahren stark an Glaubwürdigkeit verloren und Flyer an Einzigartigkeit. Wir schauen uns in dieser Ausgabe die Auswirkungen der KI-Revolution etwas genauer an. Keine Sorge, es wird dabei nicht allzu technisch. Vielmehr geht es darum, KI realistisch und philosophisch zugleich zu betrachten. Wir haben nachgefragt, wie Menschen in der Region KI begreifen und nutzen, vor welchen Chancen und Herausforderungen Unternehmen stehen und recherchiert, warum wir durchaus auch kritisch gegenüber dieser Revolution der Maschinen sein dürfen, nein müssen. Warme, menschliche Grüße schickt Ihnen per Papierflieger Ihre Stefanie Herker, Chefredakteurin SABINE KACZYNSKI ELIF MUTLU MEDIENBERATERIN MOBIL: 0163/206 42 28 elif.mutlu@espresso-mediengruppe.de EVELIN RAFFALT MEDIENBERATERIN MOBIL: 0172/853 35 99 raffalt@espresso-mediengruppe.in SEBASTIAN BIRKL SONJA MELZER marketing teamespresso Stefanie Herker Foto: www.thorstenbrieger.com editorial
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8 espresso DIE GEISTER, DIE WIR RIEFEN Fotos: Herker / midjourney
9 espresso WAS IST KI?, WAS GESCHIEHT, WENN KI NICHT REGULIERT WIRD? UND WAS BEDEUTET ES, WENN INTELLIGENZ ZUR WARE WIRD? VON STEFANIE HERKER Ganz harmlos fing alles an. Im Sommer 2022, kurz bevor ChatGPT den weltweiten KI-Boom auslöste, kam die Kreativ-Software midjourney auf den Markt. Von einer derartigen Plattform, die in wenigen Sekunden individuelle Bildwelten auf Befehl generiert, konnte man bis dahin höchstens träumen. Mittlerweile sind KI-Kreativprogramme soweit, dass Labels keine menschlichen Models oder Schauspieler mehr brauchen, sondern kostengünstig KI-Wesen erschaffen und personalisieren können. Wer nicht mehr zu aufwendigen Locations reisen muss, sondern sich die Wüste Arizonas und das gebräunte KI-Top-Model nach eigenen Vorstellungen in Sekunden zusammen mit den Werbeprodukten auf den Bildschirm zaubern kann, spart Zeit, Geld und Ressourcen. Kritiker bemängeln Seelenlosigkeit, das "Outsourcing" des Menschen und den damit verbundenen Job-Verlust - nicht nur in der Kreativbranche. Künstliche Intelligenz ist bereits nahezu in jedem Lebensbereich im Einsatz. Es wäre naiv zu behaupten, man selbst nutze ja keine KI. Es beginnt mit der Gesichtserkennung auf dem Smartphone über Wetterprognosen durch Zeitreihenanalysen bis hin zu Smart-Home-Systemen. Man profitiert im Alltag von Transaktionsmustern, die Kreditkartenbetrug erkennen oder lässt sich beim Einparken des Autos helfen. Beispiele für Künstliche Intelligenz in unserem Alltag gibt es wie Sand am Meer. Was versteht man unter KI? Künstliche Intelligenz bezeichnet Computersysteme, die Aufgaben übernehmen können, für die bislang menschliche Intelligenz erforderlich war - etwa Sprache verstehen, Bilder erkennen, Muster analysieren, Texte schreiben oder Entscheidungen vorbereiten. Anders als klassische Software arbeitet sie nicht nach fest programmierten Regeln, sondern lernt statistische Zusammenhänge aus großen Datenmengen und nutzt diese, um Vorhersagen zu treffen oder neue Inhalte zu generieren. Dabei berechnet sie anhand von Wahrscheinlichkeiten, welches Ergebnis am besten zu der Eingabe passt. Die globalen Player in Sachen KI sind Nvidia, Microsoft, Google, Amazon, Meta und Apple. OpenAI, Anthropic und Elon Musks` xAI sind als reine KI-Modellentwickler international von Bedeutung. In Asien dominieren die Technologieunternehmen Baidu und Alibaba & ByteDance. Der Begriff "Künstliche Intelligenz" und das Forschungsfeld wurden im Jahr 1956 geboren. Wie sich vermuten lässt, saßen in damaligen Firmenzentren nicht etwa Roboter, die sich Gedanken über die Zukunft von Technologien machten, sondern echte Menschen. Jedenfalls ist KI selbst heute gar nicht so künstlich, wie der Name es vorgaukelt. KI kopiert Ideen, Texte oder Bilder im Normalfall nicht einfach eins zu eins. Dennoch basiert ihre Leistungsfähigkeit auf der kreativen Arbeit von Millionen Menschen, deren Werke häufig ohne ausdrückliche Zustimmung zum Training verwendet wurden. Genau darin sehen viele Künstler und Urheber den eigentlichen Konflikt. Ist KI deshalb ein Dieb, weil sie geistiges menschliches Eigentum klaut? Oder basiert nicht auch menschliche Kreativität auf dem Lernen aus bereits Vorhandenem? Auch Künstler, Schriftsteller und Musiker entwickeln ihre Werke auf Grundlage dessen, was sie zuvor erlebt oder gesehen haben. Für Unternehmer verspricht diese neue Technologie vielleicht gerade etwas, das sie jetzt brauchen: Arbeitserleichterung, einen wirtschaftlichen Hoffnungsschimmer. Andere sehen sich angesichts der vielen Programme und Tools möglicherweise völlig überfordert, meinen aber, dass sie ohne dieser Systeme wirtschaftlich bald nicht mehr mithalten könnten. Am Anfang jeder KI-Strategie sollte deshalb nicht stehen, welche Programme brauche ich, sondern welche Probleme soll KI überhaupt lösen und wie viel Menschlichkeit möchte ich dabei bewahren? Denn natürlich wünschen sich viele Kunden nach wie vor persönlichen Kundenkontakt und messen ein Unternehmen auch an ihren Werten. Die Frage nach dem verantwortungsvollen Einsatz endet jedoch nicht an der Unternehmensgrenze. Sie betrifft die gesamte Gesellschaft. Wir erleben gerade eine fortschreitende KI-Bot-Pandemie im ganzen Internet, es gibt Millionen Fake-Profile auf Social Media, generierte Unwahrheiten, gezielte Desinformation, die uns an der Realität zweifeln lassen. Ist es in Anbetracht des Missbrauchs von KI noch möglich zu glauben, dass Künstliche Intelligenz unsere Welt zum Positiven verändern wird, wenn sie es dann einmal kann? Eigentlich war das Internet dafür gemacht, Menschen zu verbinden. Doch vor allem Social-Media-Portale sorgen mit gezielter Hetze und Falschinformationen mittlerweile für das Gegenteil. Rechtsextreme Bewegungen profitieren davon. Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass auch die Künstliche Intelligenz ihr Ziel verfehlen wird? Vielleicht, weil die Menschheit alles Wissen der Welt auf einem Silbertablett vor sich hat und trotzdem nicht darauf zugreift. Künstliche Intelligenz wird uns seit Jahren als Heilsbringer präsentiert. Sie soll medizinische und wissenschaftliche Durchbrüche beschleunigen, den Klimawandel bekämpfen, Bildung demokratisieren und uns von mühsamer Arbeit befreien. Ja, das könnte sie wahrscheinlich wirklich alles ziemlich bald - wenn Konfuzius sie bedienen würde. Wir könnten uns ein Schlaraffenland erschaffen: begrünte Städte, smarte Klima-Lösungen und Wohlstand. Die Versprechen und Möglichkeiten sind gewaltig. Manche Visionäre sprechen sogar von einer neuen Evolutionsstufe des Menschen. Doch während die Öffentlichkeit über die Chancen staunt, KI immer weiter in den Alltag mit integriert, Unternehmen KI-Workshops buchen, auf vermeintliche Software-Lösungen setzen und schon Mitarbeiter entlassen, feiern deutsche Politiker auf ihren Social-Media-Accounts immer noch geschmacklose KI-Comics und surreale Videos, teilweise einfach nur zur Selbstdarstellung. Ich will denjenigen ihre digitale Kompetenz nicht komplett absprechen, aber: Was soll uns das sagen? Sollen wir Bürgerinnen und Bürger in Zeiten von Ressourcenknappheit KI als Spielerei wahrnehmen oder als Zukunftslösung? Wir machen uns
espresso immer abhängiger von einer handvoll skrupelloser Tech-Milliardäre aus dem Silicon Valley, die Kontrolle über Wissen, Wahrheit und Lüge, Kommunikation, Wirtschaft und politische Prozesse haben und dabei noch das Tempo vorgeben. Es ist ein Wettrüsten der Maschinen - und sie werden die Politik nicht um Erlaubnis bitten. Mit jeder Minute, die wir länger online scrollen und über Werbeanzeigen fliegen, wächst das Unternehmen von Marc Zuckerberg, Elon Musk und Co. ins Unermessliche. Sie verfolgen eigene wirtschaftliche Interessen und nicht die einer demokratischen Gesellschaft. Sie handeln nach dem kompromisslosen Prinzip "take it or leave it" - nimm das Produkt (z.B. die Social Media Plattform mit KI-Bots oder die pornografischen Grok-Inhalte) so wie es ist. Nutze es für dich oder dein Unternehmen unter unseren Bedingungen. Oder lass es bleiben. Weil Unternehmen glauben, sie kämen aufgrund von wirtschaftlichen Nachteilen nicht daran vorbei, machen sie sich abhängig. Und auch abseits vom Job ist es nur schwierig, sich dem Bann der KI-Bubble auf Social Media zu entziehen. „Die ich rief, die Geister Werd' ich nun nicht los.“ Dieser Satz aus Goethes Zauberlehrling trifft es. Verlieren auch wir die Kontrolle wie Goethes Zauberlehrling über die Kräfte, die er entfesselt hat? Die neu entfesselten Kräfte und ihre Zauberer eindämmen können nur Regularien. Nachdem die Tech-Unternehmen es sich nun doch noch am Tisch von Donald Trump gemütlich gemacht haben und diesem Honig ums Maul schmieren, kann man davon ausgehen, dass sie für die Allgemeinheit nichts Gutes im Sinn haben. Angesichts der angespannten wirtschaftlichen Lage sind auch deutsche Politiker nicht mehr davon abgeneigt die Stiefel der mächtigsten Männer der Welt zu - putzen. Die umstrittene US-Analysesoftware Palantir, die auch von Trumps illegaler Schlägertruppe ICE intensiv genutzt wird, findet bereits in Bayern Einsatz. Innenminister Dobrinth findet das gut. Dabei ist der Palantir-Gründer und Milliardär Peter Thiel Trump-Anhänger und sagt offen: "Ich glaube nicht mehr länger, dass Demokratie und Freiheit miteinander vereinbar sind." - Was wäre das für eine wunderbare Firmenphilosophie! Was können wir tun? - Europäische KI-Modelle stärken, die zumindest Datenschutz, Transparenz und Datensouveränität versprechen. Führende Entwickler sind Mistral AI, Aleph Alpha, DeepL und Black Forest Labs. Abgesehen davon, sollten wir uns fundamentale Fragen stellen, wie unser zukünftiges KI-Wirtschaftssystem überhaupt funktionieren soll: Wer bezahlt die Menschen, wenn Roboter und KI-Systeme einen Großteil der Arbeit übernehmen? Wer kauft die Produkte, wenn Millionen Beschäftigte ihre Jobs und damit ihr Einkommen verlieren? Würden wir in einer fairen Welt leben, würde man vermutlich Konzepte wie ein bedingungsloses Grundeinkommen, Robotersteuern, gesellschaftliche Beteiligung an KI-Gewinnen oder staatliche Dividenden aus automatisierter Wertschöpfung diskutieren. Wahrscheinlicher ist es aber, dass die produktivste Wirtschaft der Menschheitsgeschichte gleichzeitig die ungleichste werden Wird uns der Einsatz von KI in eine phantastische Traumwelt führen oder in einen autoritären Überwachungsstaat? wird. Denn wieso sollten sich Systeme zum Positiven verändern, wenn sie es auch jetzt nicht wenigstens versuchen? Eigentlich sollte KI als Werkzeug, um weltweite CO2-Emissionen zu optimieren und auszugleichen, dienen. Andererseits verursacht der Betrieb gigantischer Rechenzentren aber enorme Emissionen, verschlingt gewaltige Mengen Strom und Wasser, trocknet ganze Landstriche aus. Die Kühlung moderner KI-Systeme benötigt Millionen Liter Wasser. Täglich! Jeff Bezos sagte sogar kürzlich öffentlich, dass im Zweifel die Kühlung von Datenzentren Priorität haben müsse - im Sinne des schnellen Fortschritts. Das klingt nicht nach Humanität. Die Tech-Giganten sprechen von Neutralität durch Ausgleich. Doch das Wasser fehlt an der Stelle, von der es kommt. Der digitale Assistent auf dem Smartphone mag unsichtbar erscheinen, doch hinter ihm stehen Fabriken, Rechenzentren, Stromnetze, globale Lieferketten und die Ausbeutung von Menschen im globalen Süden. Wir sehen nicht, was wir tun. Die Vorstellung einer 10
11 espresso immateriellen KI-Welt ist eine Illusion. Jede Rechenoperation, jede Frage, jeder lieblose Flyer, jeder unsinnige Befehl an die KI benötigt physische Ressourcen unserer Erde, dabei sollte sie doch das Klima retten. Die Vereinten Nationen (UN) warnten kürzlich in einer neuen Studie vor der KI als Klimakiller. Bernhard Lorentz, Klima- und Infrastruktur-Experte bei Deloitte, ist wiederum vom Gegenteil überzeugt. Er glaubt, dass die Chancen für Europa überwiegen. Wie sich der Ressourcenverbrauch entwickeln wird, ist schlicht noch nicht absehbar. Und wie uns die Vergangenheit lehrt, nehmen Menschen für den Profit so einiges in Kauf. Auch Sklaverei. Es sind menschenunwürdige Arbeiten, die man den sogenannten "Klickarbeitern" im globalen Süden zu Hungerlöhnen zumutet. Missbrauch, Gewalttaten, Kinderpornografie - all die Gräueltaten des Menschen, wovor man den Nutzer bei der Verwendung der KI bewahren möchte, musste bereits jemand betrachten, bewerten, zensieren. Kaum jemand redet von den Menschen hinter der KI. Kaum jemand gesteht sich ein, dass Ausbeutung zum System gehört und "künstlich" eigentlich menschlich ist und "verborgen" meint. Ausbeutung trifft immer die Gleichen. Im kollektiven Bewusstsein sind derartige Tatsachen jedoch schnell vergessen, wenn die Tech-Industrie von einer Zukunft unbegrenzter Intelligenz spricht und Sam Altman Intelligenz am laufenden Meter - ähnlich wie Strom aus der Steckdose - verspricht. Doch welche Art von Intelligenz ist dabei gemeint? Wir unterscheiden heutzutage schließlich verschiedene Formen von Intelligenz. Die Rede ist von künstlicher Rechen- und Problemlösungsfähigkeit. Nach seiner Vorstellung könnte man für Sprachintelligenz, Programmierintelligenz, kreative Intelligenz und strategische Intelligenz bezahlen. Menschliche Eigenschaften wie Mitgefühl, Moral oder Bewusstsein sieht er dabei als nicht käuflich. Ob sich seine Prognose der "Intelligenz am laufenden Meter" bewahrheitet, wird sich noch zeigen. Momentan wird dies kontrovers diskutiert. Über Jahrtausende war Intelligenz und Wissen eine knappe Ressource. Gesellschaftlicher Fortschritt hing davon ab, wie viele außergewöhnlich begabte Menschen sie hervorbringen konnte. Mit künstlicher Intelligenz könnte sich dies grundlegend ändern. Und das nächste große Thema ist nicht mehr nur ChatGPT, sondern autonome KI-Agenten, die selbstständig Aufgaben erledigen, Software bedienen oder Entscheidungen vorbereiten. Und wenn wir noch einen Schritt weiter gehen und dem Zukunftsforscher Ray Kurzweil glauben, wartet schon in naher Zukunft die technologische Singularität auf uns. Er prophezeit, dass Mensch und Maschine verschmelzen und hält am Jahr 2045 als wahrscheinlichem Zeitpunkt fest. Darunter versteht er einen Wendepunkt, an dem die technologische Entwicklung so schnell wird, dass die Welt danach kaum noch mit heutigen Begriffen beschrieben werden kann. Seiner Ansicht nach werden sich mehrere Entwicklungen gegenseitig verstärken: Exponentiell steigende Rechenleistung, künstliche Intelligenz, Biotechnologie, Nanotechnologie und Gehirn-Computer-Schnittstellen. Was konkret bedeutet: Menschen würden ihr biologisches Gehirn zunehmend mit digitalen Systemen verbinden. Die Grenze zwischen Mensch und Maschine würde verschwimmen. Intelligenz wäre dann in vielen Bereichen keine besondere Eigenschaft mehr, sondern eine Ressource auf Abruf. Was ist "natürliche Intelligenz" unter "verkaufter Dummheit" dann noch wert? In dieser Welt, die im schlimmsten Fall George Orwells Welt von 1984 inklusive Gedankenpolizei ähneln könnte, wäre das Kaufen von Intelligenz nur eine Übergangsphase. Die eigentliche Vision, die Kurzweil in seinem Buch "Die nächste Stufe der Evolution - Wenn Mensch und Maschine eins werden" beschreibt, lautet: Jeder Mensch erhält Zugang zu einer nahezu unbegrenzten Erweiterung seiner geistigen Fähigkeiten. Das klingt nach einem Traum der Menschheit, der allerdings auch genauso zum Albtraum werden könnte. Mal angenommen, man wird im Gefängnis mit einem Up-Date "Dummheit" bestraft. Wird es bei so viel leicht verfügbarer Intelligenz dann noch Menschen geben, die auf einfache Parolen hereinfallen? Oder leben wir dann ohnehin schon längst in einem autoritären Überwachungsstaat? Noch nie in der Geschichte verfügten so wenige Akteure über einen derart direkten Einfluss auf die zukünftige Entwicklung der Menschheit. Es wird sich noch zeigen, ob Künstliche Intelligenz der breiten Masse dienen wird oder nur der Elite die großen Errungenschaften in Gesundheit, Langlebigkeit und technologischem Fortschritt zuteil werden. Allein daran wird deutlich, wie gefährlich diese Machtstrukturen ohne politische Regularien sind. Aktuell sterben etwa neun Millionen Menschen jährlich an Hungersnot - in einer Welt, die vor Reichtum überquillt. Wenn die reichsten Männer der Welt nur wollten, könnten sie viele Probleme der Zeit auch ohne KI lösen. Aber das scheint nicht ihr Ziel zu sein. Was mich trotz aller Möglichkeiten und unabhängig aller Gefahren durch KI traurig stimmt, ist, dass wir das Potential, das wir möglicherweise zeitnah entfalten könnten, allein durch Technik erreichen. Wenn ich kurz vor Sonnenuntergang über blühende Felder gehe, tut es mir manchmal im Herzen weh, was wir unserer Erde antun und wie unersättlich wir Menschen sind. Ich habe früher gedacht, Potentiale zu entfesseln wäre ein magischer, aber natürlicher Prozess. So etwas wie eine intrinsiche Belohnung, wenn wir weise im Umgang mit der Erde geworden sind, nicht ein technologisch geplanter Vorgang, indem wir uns entscheiden, unser Gehirn mit Maschinen verbinden zu wollen. Deshalb ist diese Evolutionsfantasie für mich noch nicht rund. Eine gute Nachricht gibt es noch: Wenn wir es heil bis ins Jahr 2045 schaffen, werden wir vielleicht wenigstens Zeuge der nächsten Stufe der Evolution der Menschheit. Ray Kurzweil spricht von "der spannendsten Zeit der Menschheit überhaupt". Es war vor allem Alex Karp, Chef des umstrittenen US-Softwareunternehmens Palantir, der Menschen mit ADHS und Querdenker zu den Gewinnern im Arbeitsmarkt des KI-Zeitalters zählte. Mediziner, Erzieherinnen, IT-Experten, Handwerker, Ingenieurinnen haben ebenfalls gute Chancen, noch gebraucht zu werden. Und wenn man abschließend an folgendes Zitat von Elon Musk denkt, der die menschenverachtende AfD in Deutschland haben will, ergibt sich ein Bild: "Die fundamentale Schwäche der westlichen Zivilisation ist die Empathie", sagte er. Man könnte daraus auch einfach nur seine eigene Angst schließen, diese Empathie könnte sich wehren. Und stärker bleiben als alle Maschinen der Welt.
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14 espresso VON STEFANIE HERKER „Die Größe einer Nation misst sich daran, wie sie ihre schwächsten Mitglieder behandelt.“ „(..) dem Schwächsten die gleichen Chancen einräumt, wie dem Stärksten.“ Mahatma Gandhis Leitsätze prägen bis heute viele soziale und politische Debatten. Er betonte immer wieder, dass der wahre Wert einer Gesellschaft nicht an ihrem wirtschaftlichen oder militärischen Erfolg gemessen wird, sondern an ihrem sozialen Zusammenhalt und dem Schutz der Hilfsbedürftigen. Unserem Bundeskanzler Friedrich Merz dürfte es bei so viel Empathie die Rückenhaare aufstellen. Was den Menschen ausmacht, beschäftigte schon viele Denker. Die schönen Antworten liefern Philosophen, die dreckigen kommen aus der Wirtschaft. Die Wahrheit ist: In unserem Wirtschaftssystem, in einer Leistungs- und Konsumgesellschaft, gilt heutzutage der als wertvoll, der viel leistet und viel konsumiert. Wer genügsam ist und entschleunigt lebt, der ist für die Wirtschaft schlicht uninteressanter. Wenn die einen wirtschaftlich gesehen weniger wertvoll sind, sind wir trotzdem alle gleich wertvoll? Braucht es zum Wertvollsein einen Grund? Wann fühlen wir uns als Individuun wertvoll? Und wer oder was hat überhaupt das Recht, unseren Wert zu bestimmen? Vielleicht fehlen uns aktuell nur die guten Philosophen in der Politik. Ein bisschen mehr Markus Sokrates und weniger Söder. Die griechischen Philosophen waren eben noch echte Männer. Sokrates verstand den Menschen als ein Wesen, dessen Würde in der Seele gründet. Die Seele war für ihn wertvoller als körperliche Eigenschaften oder gesellschaftliche Leistungen. Sokrates wandte sich gegen die Vorstellung, dass Reichtum, Macht oder gesellschaftliches Ansehen über den Wert eines Menschen entscheiden. Sein berühmter Satz „Ein ungeprüftes Leben ist nicht lebenswert“ verweist auf ein Menschenbild, in dem Selbsterkenntnis, Tugend und Weisheit wichtiger sind als äußerer Erfolg. Für Sokrates lag die Größe des Menschen nicht in seiner Perfektion, sondern in seiner Fähigkeit zur Reflexion und zur Suche nach dem Guten. Die Herrscher sollten sicherstellen, dass die Menschen ein "gutes Leben" führten. Um zu wissen, was ein "gutes Leben" ausmachte, brauche man intellektuelle Fähigkeiten, Wissen um Ethik und Moral - Werte, die damalige Philosophen auszeichneten. Sokrates Kritik an den Mächtigen führte ihn in den Tod. Sein Schüler Platon führte jedoch sein Erbe fort. Seiner Auffassung nach sollte nicht das Volk, nicht ein Herrscher, besser eine weise Elite philosophischer Gebildeter mehr Macht haben. Er gilt als Anfechter der athenischen Demokratie und auch anderer Herrschaftsformen. Auch 2026 kein unsinniger Gedanke, wenn man sich die politischen Entwicklungen vor Augen hält. Einer Elite aus ehrenhaften Weisen würde man die Führung im Sinne des Wohlergehens des Volkes gerne anvertrauen. Anstatt von alten Weißen, die im Sinne der Lobby und des Profits handeln. Was ist von der Demokratie geblieben, wenn vom Volk Auserwählte nicht im Sinne des Volkes handeln, sondern im Sinne von Eliten? Weil diese scheinbar den "wertvolleren Teil" des wirtschaftlichen Gefüges bilden. Genau das kritisierte im Wesentlichen auch Platon. Das Ziel des Menschen sei die „Eudaimonia“ (Glückseeligkeit), ein erfülltes und sinnvolles Leben - Aristoteles, Platons Schüler, stellte Wie wertvoll
15 espresso nicht die Leistung, sondern das gelingende Leben in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Diese Glückseeligkeit entstehe nicht durch Konkurrenz und Perfektion, sondern durch Gemeinschaft, Freundschaft, Gerechtigkeit und die Entfaltung der eigenen Möglichkeiten. Später betonten die Stoiker, insbesondere Epiktet und Mark Aurel, dass der Wert eines Menschen nicht von äußeren Umständen abhängt. Gesundheit, Schönheit, Status oder Erfolg seien vergänglich. Wirklich bedeutsam sei allein die Haltung, mit der ein Mensch seinem Leben begegnet. Damit schufen sie eine Vorstellung von menschlicher Würde, die unabhängig von körperlichen oder geistigen Voraussetzungen Bestand hat. Diese antiken Gedanken stehen in bemerkenswertem Gegensatz zu einer Zeit, die zunehmend von Optimierung geprägt ist. Algorithmen bewerten Leistungen, digitale Systeme messen Produktivität, künstliche Intelligenz verspricht, Prozesse effizienter zu gestalten. Und wo Effizienz zum höchsten Maßstab der Zeit erklärt wird, entsteht auch die Versuchung, ebenso den Menschen noch mehr auf seine Leistungsfähigkeit zu reduzieren. In diesem Sinne kommt den aktuellen Debatten über die Kürzung muss ich sein? von Mitteln für Inklusion, Assistenz und soziale Teilhabe eine weit größere Bedeutung zu als nur Sparzwang. Tatsächlich berühren solche Entscheidungen eine grundlegende Frage: Welchen Platz haben Menschen in einer Gesellschaft, deren Leitbilder zunehmend von Optimierung und Wirtschaftlichkeit bestimmt werden? Wird Teilhabe als unverzichtbares Menschenrecht verstanden oder als Kostenfaktor, der sich rechtfertigen muss? Menschen mit Behinderungen erinnern uns an eine Wahrheit, die bereits die antiken Philosophen kannten: Der Wert eines Menschen liegt eben nicht in seiner Nützlichkeit. Er liegt eben nicht in seiner Geschwindigkeit oder seiner Wirtschaftskraft. Er liegt schlicht in seiner Existenz als Mensch. Der Wert eines Menschen bemisst sich an der Zahl derer, die ihm zur Seite stehen, nicht an der Zahl derer, die ihm folgen. Ein Zitat des griechischen Philosophen Sokrates. Hatte er etwa nicht genügend Instagram-Follower, um lukrative Geschäfte zu machen?
Fotos: Stefanie Herker
17 espresso VON STEFANIE HERKER Wer Carina unterschätzt, macht meist nur einmal diesen Fehler. Die 37-Jährige häkelt, malt, liebt Delfine und lustige Kinofilme. Klingt erst einmal nach einem ruhigen Leben - bis man sie auf dem Laufsteg sieht. Da blüht sie auf. Es gibt Menschen, die machen aus jeder Frage eine Wissenschaft. Carina gehört nicht dazu. Sie bevorzugt die kurze Version. Lieblingsessen? „Alles.“ Lieblingsurlaub? „Griechenland.“ Wo genau? "Egal." Traumjob? „Model.“ Und das zieht sie auch durch. Diese Direktheit hat den Vorteil, dass man ziemlich schnell erfährt, wer Carina ist: ehrlich, unerschrocken und mit einer beneidenswerten Fähigkeit, das Leben nicht unnötig kompliziert zu machen. Die junge Frau, die man mit Spitznamen eigentlich "Catwalk-Carina" nennen sollte, wurde mit Trisomie21 geboren. Sie ist gerade einmal 1,45 Meter groß, ihre Persönlichkeit braucht allerdings deutlich mehr Platz. Und den nimmt sie sich. Was sie sich von anderen Menschen wünscht, ist eigentlich ganz einfach: Offenheit. Kein Mitleid. Keine Berührungsängste und keine Vorurteile. Carina lebt in einer Wohngemeinschaft der Lebenshilfe Bayern Mitte in Ingolstadt- mit fünf weiteren Bewohnerinnen und Bewohnern in Ingolstadt. Auf ihre Wohnung ist sie stolz. Ihr Zimmer ist geschmückt mit Delfinposter und -bettwäsche, Stifte wie Sand am Meer in zwei XXL-Boxen und ein akribisch sauber ausgemaltes Mandala liegen auf ihrem Schreibtisch. Die WG bedeutet für sie Selbstständigkeit und Gemeinschaft zugleich. Hier wird gemeinsam gelebt, gelacht und manchmal auch diskutiert. Jeder hat seinen Zuständigkeitsbereich in der WG, wie auch seinen eigenen Rückzugsraum. Carina ist für die Ordnung in der Küche zuständig. Einmal pro Woche kommt zudem eine Putzfrau, die zur Unterstützung anpackt. Menschen spielen in Carinas Leben eine große Rolle. Sie hat zwei sehr gute Freundinnen und auch einen festen Freund. „Carina ist ein Familienmensch“, sagt ihre Mutter Karin. "Eine, die immer möchte, dass es anderen gut geht. Sozial, aufmerksam und liebevoll, aber manchmal auch bockig“, ergänzt sie lachend. Sie kann stur sein, aber sie kann auch zuhören. "Mit Carina kann man ein Geheimnis teilen. Sie freut sich ehrlich für andere Menschen und nimmt Anteil, wenn jemand Sorgen hat", erzählt ihre Mama stolz. Wenn man Carina nach ihren Talenten fragt, kommt prompt "Mandalas malen" und "Topflappen häkeln". Das macht sie zur Entspannung. Ihr wahres Talent ist es aber wohl, Menschen zu begeistern. Wenn Carina den roten Teppich bei einer der Xaver Mayr Modenschauen in der Ingolstädter Fußgängerzone betritt, wird schnell klar, dass in ihr weit mehr steckt als eine begeisterte Handarbeiterin. Mit einer Selbstverständlichkeit bewegt sie sich über den Laufsteg, überrascht die Gäste mit einer derartigen Präsenz und Performance, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Auf Instagram gingen ihre Videos viral. Lange Zeit war sie in einer Bauchtanzgruppe. Dort lernte sie, vor Menschen aufzutreten, sich zu präsentieren und gewöhnte sich an die Aufmerksamkeit. Heute liebt sie genau das: Die Bühne. Die Musik. Die Show. Und vor allem den Applaus. "Ich merke, dass ich gut bei den Zuschauern ankomme", sagt Carina. CARINA KALTENECKER IST DER HEIMLICHE ROCKSTAR DER LEBENSHILFE INGOLSTADT Carinas Traum (...) aber eigentlich wäre ich lieber Model!
28 espresso Fotos: Stefanie Herker
19 espresso Carinas Traumberuf ist Model. Wir haben sie deshalb in der Harderbastei in Szene gesetzt. Im Hintergrund sind die Werke der Künstlerin Amelie Meyer zu sehen. Mit dem Make-Up, das ihr die Visagistin Kia Solis gezaubert hat, sieht sie selbst aus wie ein Kunstwerk. Neben dem Spaß beim Modeln ist ihr noch eins ganz besonders wichtig: Carina möchte anderen Menschen mit Trisomie 21 oder einer Behinderung Mut machen, sich zu zeigen. Sich etwas zuzutrauen. „Du musst dich nicht verstecken“, sagt sie. Dabei wirkt Carina nicht, als wolle sie jemandem etwas beweisen. Sie macht einfach ihr Ding.
20 espresso Carina blüht auf: Zwischen Blumen der hauseigenen Gärtnerei der Lebenshilfe am Franziskanerwasser in Ingolstadt. Wenn Carina Urlaub hat, nimmt sie die Gelegenheit auch gerne wahr, zu verreisen. In diesem Jahr hat sie sich einen langjährigen Traum erfüllt. Gemeinsam mit ihrer Mutter machte sie eine Karibik-Kreuzfahrt. Noch heute erzählt sie begeistert von den vielen Eindrücken, dem Meer und den exotischen Orten. Reisen bedeutet für sie Freiheit. Eine Reiseerinnerung trägt sie dabei besonders im Herzen. In Ägypten schwamm Carina mit Delfinen. Sie hat es geliebt. Und wenn man sie fragt, was sie unbedingt noch einmal machen möchte, kommt die Antwort sofort: „Mit Delfinen schwimmen.“ Ansonsten gönnt sie sich einmal im Jahr einen Aufenthalt in Griechenland. Mit ihrer Betreuerin, die auch in ihrer WG lebt. Ohne ihren Freund Daniel. Den hat sie zwar seit zwei Jahren, doch als die Frage aufkommt, ob er sie begleitet, kommt die Antwort gewohnt trocken: „Nein, alleine.“ Im Griechenland-Urlaub entstand auch zufällig der Kontakt zu einer Mitarbeiterin von Xaver Mayr. "Die Sybille war das!", schmunzelt Carina und ist dankbar für diese schicksalshafte Begegnung, die sie zum Modeln brachte. Natürlich jagt nicht ein Highlight das nächste. An gewöhnlichen Wochenenden in der Heimat ist Carina auch zufrieden, wenn sie Zeit mit ihrem Freund verbringen kann. Die beiden gehen spazieren oder besuchen hin und wieder das Kino. Kennengelernt haben sie sich bei der Lebenshilfe. Dort arbeitet ihr Freund ebenfalls – sogar gleich nebenan. Er ist für die Stoßdämpfer des Q7 zuständig. Carina arbeitet seit 20 Jahren in einer der Werkstätten der Lebenshilfe Ingolstadt. Eine beeindruckende Zahl, wenn man bedenkt, dass sie erst 37 Jahre alt ist. Ans Aufhören denkt sie trotzdem nicht. Auch wenn sie beruflich noch viel lieber in Vollzeit modeln würde, macht sie ihre Arbeit in der Montage richtig gut. Carinas Koordinationsfähigkeiten sind so gut, dass sie im Lager sogar "die Ameise" fahren darf. „Sie gehört zu den Besten", sagt ihre Gruppenleiterin Ramona Spitzer. Carina montiert aktuell Wasserpumpen für E-Autos von Audi - in Teamarbeit. Und ja, die wirtschaftliche Lage hat auch Auswirkungen auf den anerkannten Audi-Zuliefererbetrieb, die Lebenshilfe. Insgesamt rund 900 geistig oder körperlich eingeschränkte Menschen profitieren in der Region 10 (Ingolstadt, Gaimersheim und Neuburg) vom Angebot der Lebenshilfe. Hinzu kommen 500 reguläre Personalstellen. Die Mitarbeitenden der Lebenshilfe Bayern Mitte verdienen durchschnittlich 300 Euro. Das klingt zunächst nach sehr wenig, doch diese Entgelder müssen von der Lebenshilfe erwirtschaftet werden. Werkstätten für Menschen mit Behinderung stehen deshalb immer wieder in der öffentlichen Diskussion. Auch das ZDF Magazin Royale mit Jan Böhmermann griff das Thema vor einigen Wochen auf und kritisierte die vergleichsweise niedrigen Löhne. Die Debatte ist wichtig. Gleichzeitig zeigt sie oft nur einen Teil des Bildes. Wir haben mit Verantwortlichen der Lebenshilfe gesprochen. "Im Mittelpunkt steht bei uns, Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen und Selbstständigkeit zu fördern. Wir halten hier sehr viele Ruhepausen ein und unsere Beschäftigten, die in einem arbeitnehmerähnlichen Verhältnis stehen, profitieren von verschiedenen Zusatzleistungen und Kursangeboten während der Arbeitszeit", erklärt Iris Eberl, Referentin der Lebenshilfe Ingolstadt. "Trotzdem gibt es noch viele Bereiche, die sich in Zukunft weiterentwickeln müssten, z.B. das allgemeine Bewusstsein darüber, wie wichtig Teilhabe am Arbeitsleben und auch Teilhabe am gesellschaftlichen Alltag für Menschen mit Behinderung ist – unabhängig vom Grad der Beeinträchtigung." Neben dem Arbeitsentgelt zahlt das Land Bayern jeden Monat für die Mitarbeitenden einen Zuschuss zur Altersrente in die Rentenkasse ein. Die Beschäftigten können zudem Sozialleistungen in Anspruch nehmen, z.B. die Grundsicherung bei Erwerbsminderung,
21 espresso Carina arbeitet am Hauptsitz der Lebenshilfe Ingolstadt am Franziskanerwasser. Dort fertigt sie Teile für E-Autos von Audi. Nicht jeder darf "die Ameise" steuern. Carina schon. und damit das Entgelt aufstocken. Nach nur zwangig Jahren Arbeit bei der Lebenshilfe können sie in Rente gehen. Die Bewohnerinnen und Bewohner kommen für die Miete und Lebenshaltungskosten zwar selbst auf, können jedoch im Bedarfsfall auf Unterstützungsleistungen zurückgreifen und bekommen eine Wohnungsmöglichkeit nahe der Arbeitsstätte plus Shuttle zum Arbeitsplatz. Während viele Kolleginnen und Kollegen von Carina den Fahrdienst nutzen, fährt sie jeden Morgen selbstständig mit dem Linienbus zur Arbeit. Für sie gehört das ganz selbstverständlich zum Alltag. Und wenn man Carina fragt, ist sie mit dem, was sie hat, eigentlich auch ganz zufrieden. Sie geht hin und wieder aus, macht Urlaub, der Kühlschrank ist voll. Auch Carinas Mutter beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema Inklusion. Die 61-Jährige absolvierte eine zusätzliche Ausbildung zur Inklusionsfachkraft. Ein Angebot, das inzwischen aus Kostengründen eingestellt wurde. Schade, findet sie. Denn Wissen baut Berührungsängste ab. Das sieht auch Carina so. Je mehr Menschen über Trisomie 21 Bescheid wissen, desto selbstverständlicher wird das Miteinander. Wenn sich Carina noch eines wünschen dürfte, wäre es schlicht, dass Menschen unvoreingenommen auf sie zugehen, mit ihr ganz normal sprechen und sie kennenlernen. Eben so, wie jeder Mensch gerne behandelt werden möchte. Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe. Carina in der Eingangshalle der Lebenshilfe. Sie gehört hier im Haus zu den Besten und ist bei ihren Vorgesetzten angesehen.
» DER MENSCH IST MEHR ALS DIE SUMME SEINER DATEN « EIN GESPRÄCH MIT DIAKON SEBASTIAN SCHÄFER ÜBER DEN EINFLUSS VON KI AUF DIE WELT Fotos: Sebastian Birkl
23 espresso Sebastian Schäfer | Diakon Referent für Kooperation und Koordination & Öffentlichkeitsreferent Evang.-Luth. Dekanatsbezirk Ingolstadt Kirche St. Matthäus, Ingolstadt DARF MAN EINE PREDIGT MIT ChatGPT SCHREIBEN, HERR SCHÄFER? Wenn in 50 Jahren eine KI scheinbar jeden Menschen kennt, jederzeit ansprechbar ist, Trost spendet, Fragen beantwortet und moralische Orientierung gibt – woran würden Gläubige noch erkennen, dass sie nicht Gott ist? Und wird Gott – oder Religion als Ganzes – damit überflüssig? Vielleicht braucht es dafür keine 50 Jahre mehr. Tatsächlich deutet sich diese Entwicklung bereits an. Eine Pilotstudie der Uni Zürich mit jungen Erwachsenen zeigt, dass KI immer häufiger als Gesprächspartner für persönliche Krisen und Sinnfragen dient. Während die Bindung an traditionelle Kirchen abnimmt, suchen viele Menschen bei Chatbots Trost und Orientierung. Wir tauchen mit einem dicken Fragenkatalog bei Diakon Sebastian Schäfer vom Evangelisch-Lutherischen Dekanat Ingolstadt auf - und stellen dann doch nicht alle, weil wir im Gespräch von Pontius zu Pilatus laufen. Wichtig ist dem Diakon: Er spricht hier nur für sich, natürlich aus religiöser Perspektive, aber weder für die evangelische Kirche in ihrer Gesamtheit, noch für das Ingolstädter Dekanat. Schnell stellt sich heraus: Der 39-Jährige ist durchaus aufgeschlossen, was den Einsatz von KI angeht. Er selbst nutzt sie in seiner Funktion als Referent für Kooperation, Koordination und Öffentlichkeitsarbeit im Dekanat regelmäßig. Die KI für Veranstaltungsankündigungen mit Stichpunkten füttern, Sätze glätten, Texte kürzen, Daten sortieren – all das hält er für legitim. Oder kürzer: Die KI ist für Schäfer ein Arbeitswerkzeug. Und er nutzt sie, um den eigenen Horizont zu erweitern. Eine Perspektive zu finden, auf die man selbst vielleicht nicht gekommen wäre. Früher ging man dafür in die Bibliothek, so Schäfer, dann kam Google Books und mittlerweile nunmal die KI. Für ihn ist das der natürliche Lauf der Dinge – der sowohl alte Gefahren birgt als auch neue schafft. Aus dem Kontext gerissene Zitate beispielsweise. Die gab es damals wie heute. Etwas drängender im rasanten KI-Zeitalter geworden ist das: „Man muss sich immer die Frage stellen: Welche Interessen verfolgt jemand mit dem, was er mir zeigt?“, so Schäfer. Im Kirchenkontext denkt Schäfer ganz anders. Für ihn zählen Fragen wie: Was brauchst du denn? Welche Fragen können wir gemeinsam stellen? „Ich glaube, da müssen wir hin“, sagt er. In der evangelischen Kirche gibt es klare Leitplanken. Menschenwürde, Gerechtigkeit, Nächstenliebe zum Beispiel. Und natürlich auch, „dass der Mensch als Gottes Ebenbild gedacht ist“, erklärt Schäfer. Doch welche Leitplanken geben die Männer hinter den großen Tech-Firmen ihrer KI? Und welche Ziele verfolgen sie mit den Antworten, die sie die KI ausspucken lassen? Welche jetzt, welche künftig? „Wenn du nicht mehr prüfen kannst, was stimmt, wird’s schwierig“, ist sich auch der Diakon sicher. „Das ist der Punkt, an dem wir als Kirche reinkommen und Verantwortung übernehmen müssen.“ Doch wie? Nicht technisch, findet Schäfer. „Ich glaube, dass Kirche die richtigen Fragen stellen muss. Und vielleicht auch Ideen – sicher keine Lösungen – bringen kann, in welche Richtung wir gemeinsam im Diskurs denken müssen. An was wir denken müssen. Ein guter Satz, der das zusammenfasst: Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Daten.“ Das ist er. Der Mensch fühlt. Er lacht, weint, scherzt, flucht. Sorgt sich um sich und die, die er liebt. Doch mit ihren Sorgen wenden sich immer mehr Menschen an einen vermeintlichen KI-Kumpanen. Die Kirche spielt eine immer kleinere Rolle, nicht erst, seit es KI gibt. „Das ist ein Trend, der nachvollziehbar ist, aber gewisse Risiken in sich trägt, die man benennen muss. Um die Risiken abzufedern, ist im Kinder- und Jugendbereich irrsinnig viel Bildungsarbeit notwenig. Und viel Gegenüber.“ Kann KI Trost spenden? „Ich denke schon“, sagt Schäfer. „Was KI aber nicht kann, ist Beziehung. Ich glaube, das ist der große Punkt, wo wir einhaken müssen. Bei der Nutzung von KI muss immer klarbleiben: Ich rede nicht mit einem menschlichen Gegenüber. Hier ist niemand
24 espresso » Hier ist niemand gegenüber, der empathisch ist. Hier ist niemand gegenüber, der mich gern hat. Der Rücksicht auf mich nimmt. Es ist nur gespielt. « gegenüber, der empathisch ist. Hier ist niemand gegenüber, der mich gern hat. Der Rücksicht auf mich nimmt. Es ist nur gespielt. Eine Berechnung von Wahrscheinlichkeiten. Das darf man niemals vergessen. Sobald du das vergisst und eintauchst, wird es problematisch. Insbesondere im Bereich Seelsorge. Weil es in eine Richtung führt, die nicht weiterführt. Ich glaube, dass Seelsorge extrem viel mit Beziehung zu tun hat. Mit Zuwendung. Mit Zuhören. Das ist nicht zu ersetzen. KI hat keine Empathie. Roboter werden keine haben können. Das ist die Grenze.“ Noch etwas unterscheidet die KI vom Menschen. „KI kann auch keine Verantwortung übernehmen. Das muss immer menschlich bleiben“, sagt Schäfer. Zweifellos wird der Einsatz von KI den Arbeitsmarkt umkrempeln. Oder mit etwas weniger Euphemismus formuliert: Menschen werden ihre Arbeit verlieren. „Die moralische Frage dabei ist: Wie kann man unterstützen, dass es gerecht zugeht? Dass wir keine große Lücke kriegen. Dass nicht ein Teil der Menschen völlig benachteiligt und abgehängt wird. Während ein anderer exorbitant profitiert. Das sind die Fragen, die man sich auch in der Wirtschaft fragen muss.“ Wie ließe sich nun erkennen, dass KI nicht Gott ist, wenn KI vielleicht einmal wirklich allwissend wird? „Ich glaube, Gott lässt sich nicht in KI fassen. Theologisch ist das ganz vielschichtig, aber ich bin davon überzeugt: Das Gegenüber mit Gott ist Beziehung. Gott will eine Beziehung zu den Menschen. Und wir Menschen können, wenn wir wollen, eine Beziehung zu Gott eingehen. Es gibt ja den geflügelten Satz: Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Ich hatte überlegt, ob das eine gute Antwort ist. Theologisch betrachtet ja. Aber ich finde sie super abstrakt, weil selbst der Begriff Liebe so abstrakt ist. Ich glaube, man muss Gott von KI nicht unterscheiden. Es ist wichtig, die KI im Bereich Wissen und Logik zu belassen. Da gehört sie hin. Sie ist Werkzeug. Und Gott ist größer. Das ist für mich die Unterscheidung.“ Bleibt noch eine letzte Frage zu klären: Darf man eine Predigt mit ChatGPT schreiben? „Es geht eigentlich nicht“, sagt Schäfer. „Eine gute Predikt hat mit Glaubenserfahrung zu tun. Hat mit Beziehung zu tun. Hat mit meiner eigenen Erfahrung als Liturg, als Liturgin, als Mensch zu tun. Und hat auch letztlich ganz viel damit zu tun, was ich an Glauben in mir trage.“ Tippfehler korrigieren oder einzelne Sätze glätten: Kein Problem. Aber „die eigentliche Kreativleistung, die eigentliche Idee, wirst du über die KI nicht finden. Du kannst recherchieren, ja. Du kannst schauen, was andere gemacht haben. Aber was Neues kannst du nicht erfinden.“ ChatGPT - nett, aber auch empathisch? Wir haben den Text von ChatGPT analysieren lassen. Das ist immer dann gut, wenn man das eigene Ego pushen möchte. Die KI ist nämlich sehr nett - sowohl zum Autor (dem gibt er 8,5 bis 9 von 10 Punkten) als auch zum Interviewpartner („wirkt differenziert und glaubwürdig“). Einen Kritikpunkt findet ChatGPT ausgerechnet bei einem Satz über sich selbst. Bei „KI hat keine Empathie. Roboter werden keine haben können.“ reklamiert mein Lektor aus Bits und Bytes: „Da es ein Zitat ist, ist das völlig in Ordnung. Im Fließtext würde ich solche Aussagen nicht als Tatsachen formulieren, sondern immer als Sichtweise des Interviewpartners kenntlich machen.“ ChatGPT gibt mir also zu verstehen, ich selbst solle solche Aussagen (künftig) nicht tätigen. Dabei stimmt es natürlich: Empathie kann nur vom Menschen selbst kommen, nicht von einer Maschine. Das ist eine Tatsache. Zufall? Oder will die KI, dass es für uns keinen Unterschied mehr macht, ob wir mit Mensch oderMaschine reden?
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26 espresso Who Frau von Maur, welche gesellschaftlichen Risiken sehen Sie, wenn „Pflegeroboter“ – also Roboter, die soziale Beziehungen simulieren – in Pflegeeinrichtungen oder Privathaushalten alltäglich werden? Menschen sind soziale Wesen. Wir alle sind fundamental angewiesen auf Liebe, Sorge, Sinn, Solidarität und Gemeinschaft – das sind keine optionalen Zusatzfunktionen, sie sind konstitutiv für unser Menschsein. Ein Mensch, dem Beziehungen dauerhaft fehlen, verliert also nicht bloß etwas Angenehmes, sondern den existenziellen Boden seines Selbst- und Weltverhältnisses. Konkret wird das in der Fürsorge. Diese setzt voraus, dass Menschen sich die Anliegen, Bedürfnisse, Ziele und Pläne eines anderen partiell zu eigen machen: der andere hat ein Gewicht, es ist nicht egal, was mit ihm passiert. Sorge bedeutet, wenn eine Person aus sich selbst heraus den Willen entfaltet, ihr Gegenüber als Person in Existenz zu bringen. Dafür braucht sie Bewusstsein, Willen, Autonomie und Liebesfähigkeit. Wir wollen nicht einfach versorgt werden – wir haben das tiefe Bedürfnis, als Person wirklich wahrgenommen zu werden. Das lässt sich nicht outsourcen, schon gar nicht an eine Maschine. Maschinen, Informationssysteme (Software, „Apps“) oder Roboter können im Pflegebereich einiges leisten: beim Heben von Patient:innen aus dem Bett, beim Erinnern an Medikamente, bei körperlich belastenden Routineaufgaben, präzisem Operieren etc. Das entlastet Pflegepersonal, gibt Ressourcen frei und hilft Patient:innen Aufgaben effektiv und effizient erledigt zu bekommen. Das sind äußerst sinnvolle Einsatzgebiete von Technik. Abwegige Einsatzgebiete sind hingegen all jene Bereiche der sozialen Beziehungen, wie eben die Sorge im Kontext von Pflege. Nicht deswegen, weil Maschinen technisch noch nicht ausgereift oder komplex genug für Verstehen, Einfühlen und Beziehungsfähigkeit wären – wie das oft behauptet wird –, sondern weil Fürsorge strukturell voraussetzt, dass eine Person die andere als Person in Existenz bringt. Das können Maschinen prinzipiell nicht. Die Philosophin Imke von Maur erklärt, warum sie soziale Pflegeroboter für eine gefährliche Scheinlösung hält Roboter simulieren Sorge, aber sie sorgen sich nicht. Das klingt für manche nach „Gedöns“ oder Sonntagsredner-Stoff, statt nach ernsthafter Wissenschaft. Das ist aber ein eklatanter Fehler reduktionistischen Denkens, das alles auf ein „nichts als …“ verkürzt: nichts als Neuronenfeuern, nichts als Hormone, nichts als ökonomische Nutzenmaximierung. Wenn Sorge reduktionistisch gedacht wird – und das ist die Voraussetzung für die Idee, sie an Maschinen outsourcen zu können –, wird der Mensch zum Fall: zur Diagnose, zum Pflegegrad, zur Aufgabe, die in einem bestimmten Zeitfenster erledigt werden muss. Fünfzehn Minuten für Körperpflege, zehn für Mahlzeit, dokumentiert, abgehakt. Das ist die konsequente Anwendung eines reduktionistischen Modells, das Sorge als Dienstleistung begreift, die sich in Einheiten messen und optimieren lässt. Wenn wir das fundamentale menschliche Bedürfnis nach Sorge und echten sozialen Beziehungen durch eine Simulation ersetzen, verpassen wir das, was Menschsein ausmacht und werden krank. Die Simulation von Beziehung hinterlässt eine Leere, die alles durchdringt – eine Art Sinnleere, die sich wie eine Depression über unser gesamtes Erleben legt. Wir sind physisch anwesend, aber nicht lebendig. „Man“ funktioniert, aber empfindet nicht mehr, wozu man überhaupt da ist. Man entfremdet sich von sich selbst und beginnt, das eigene Leben zu simulieren, als wären wir selber der Roboter. Das kann, in seinen extremen Formen, bis zur Psychose gehen, also dem Verlust von Kausalität, Zeit, Struktur – dem reinen Irr-Sinn. Ich sage das nicht, um zu dramatisieren, sondern weil wir über ein schwerwiegendes Problem sprechen, das reale Konsequenzen hat. Die Opioidkrise in den USA, in der mindestens 800.000 Menschen gestorben sind, war in ihrem Kern ein Versuch, unerträglicher Einsamkeit und Sinnleere durch Medikamente (oder besser Drogen) zu entkommen. Das ist die Wucht dessen, worüber wir hier sprechen. Es gibt keine einfachen Lösungen, aber eine Richtung, in die es gehen sollte, nämlich das fundamentale menschliche Bedürfnis nach Beziecares?
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