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Ausgabejahr 26 | 08- 2026 Kostenlos zum Mitnehmen Survival WIE WIR ÜBERLEBEN

Gokart-Feeling by MINI. Design by PAUL SMITH. Die MINI PAUL SMITH EDITION. Anschaffungspreis**: Leasingsonderzahlung: Laufleistung p. a.: Laufzeit: 36 mtl. Leasingraten à: Gesamtpreis: 34.090,00 EUR 2.355,44 EUR 5.000 km 36 Monate 299,00 EUR 13.119,44 EUR Entdecken Sie Paul Smiths Interpretation der MINI Cooper Familie. Die neue MINI Paul Smith Edition lässt seine unverkennbare Kreativität in einzigartigen Farben, typischen Streifen und cleveren Designelementen aufleben. Dabei zelebriert sie Individualität und Optimismus, sodass jede Fahrt zum Neuanfang wird. * Ein unverbindliches Leasingbeispiel der BMW Bank GmbH, Lilienthalallee 26, 80939 München. Stand 07/2026. Alle Preise inkl. der gegebenenfalls gesetzlich anfallenden Umsatzsteuer, sofern nicht anders gekennzeichnet. Für Verbraucher gelten ausschließlich die Preise inkl. der gegebenenfalls gesetzlich anfallenden Umsatzsteuer. Nach den Leasingbedingungen besteht die Verpflichtung, für das Fahrzeug eine Vollkaskoversicherung abzuschließen. Angebot gültig bis 30.09.2026. ** Zzgl. Überführungs- und Übergabekosten in Höhe von 950,00 EUR sowie Zulassung. MINI Cooper E: WLTP Energieverbrauch kombiniert: 14,3 kWh/100km; WLTP CO2-Emissionenkombiniert: 0 g/km; CO2Klasse: A; WLTP Elektrische Reichweite: 300 km; Spitzenleistung: 135 kW (184 PS). Abbildung zeigt Sonderausstattungen. Hofmann Automobile Ingolstadt Manchinger Straße 110 | 85053 Ingolstadt Tel. 0841 966 05-0 www.hofmann.auto LEASINGBEISPIEL DER BMW BANK GMBH*: DIE MINI COOPER ELECTRIC PAUL SMITH EDITION. MINI Navigationssystem, Bluetooth Freisprecheinrichtung, MINI Connected, Driving Assistant, Frontkollisionswarnung mit Bremseingriff, Parking Assistant mit Active Park Distance Control und Rückfahrkamera, Rückfahrassistent, MINI Interaction Unit – rundes Zentral-Display mit 24 cm Durchmesser und OLED-Technologie u.v.m. Gokart-Feeling by MINI. 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MINI Cooper E: WLTP Energieverbrauch kombiniert: 14,3 kWh/100km; WLTP CO2-Emissionenkombiniert: 0 g/km; CO2Klasse: A; WLTP Elektrische Reichweite: 300 km; Spitzenleistung: 135 kW (184 PS). Abbildung zeigt Sonderausstattungen. Hofmann Automobile Ingolstadt Manchinger Straße 110 | 85053 Ingolstadt Tel. 0841 966 05-0 www.hofmann.auto LEASINGBEISPIEL DER BMW BANK GMBH*: DIE MINI COOPER ELECTRIC PAUL SMITH EDITION. MINI Navigationssystem, Bluetooth Freisprecheinrichtung, MINI Connected, Driving Assistant, Frontkollisionswarnung mit Bremseingriff, Parking Assistant mit Active Park Distance Control und Rückfahrkamera, Rückfahrassistent, MINI Interaction Unit – rundes Zentral-Display mit 24 cm Durchmesser und OLED-Technologie u.v.m.

2 FÜR ALLE Plakate gegen Rechts • Gestaltung: Lisa Thomas • www.verlagegegenrechts.de

4 26 08 INHALT 16 34 10 Foto: Herker/ midjourney Foto:Birkl Foto: Eurorelief

28 42 Der neue Audi Q4 e-tron. Ab sofort bei uns im Audi Terminal in Pfaffenhofen. Autohaus Michael Stiglmayr GmbH Krankenhausstraße 1, 85276 Pfaffenhofen Tel: 08441 80900, info@audi-stiglmayr.de www.stiglmayr-pfaffenhofen.audi Ein attraktives Leasingangebot für Privatkunden¹: z. B. Audi Q4 SUV e-tron 150kW (204PS) in Kieselgrau*. *Stromverbrauch (kombiniert): 15,7kWh/100km; CO₂-Emissionen (kombiniert): 0g/km; CO₂-Klasse: A. Ausstattung: Telefonablage mit induktiver Ladefunktion, Sitzheizung vorn, Smartphone-Interface, Vorbereitung für Anhängervorrichtung, 2-Zonen-Komfortklimaautomatik, MMI Navigation plus mit MMI touch Audi sound system, Assistenzpaket Schutz – und Warnsysteme plus, Sportsitze vorn, LED-Scheinwerfer, mit Ausstiegswarnung und Querverkehrsassistent hinten u.v.m. Fahrzeugpreis ab Werk: € 47.500,– Jährliche Fahrleistung: 10.000 km Laufzeit: 48 Monate Leasing-Sonderzahlung: € 0,– monatliche Leasingrate: € 395,–¹ Überführungskosten i. H. v. 1.150,00 € oder Werksabholungskosten i.H.v. 1.035,00€ berechnet der ausliefernde Betrieb separat. Alle Werte inklusive 19% Mehrwertsteuer. (FD-Stand: 04.06.2026) Abgebildete Sonderausstattungen sind im Angebot nicht unbedingt berücksichtigt. Alle Angaben basieren auf den Merkmalen des deutschen Marktes. Etwaige Rabatte bzw. Prämien sind im Angebot bereits berücksichtigt. ¹Ein Angebot der Audi Leasing, Zweigniederlassung der Volkswagen Leasing GmbH, Gifhorner Straße 57, 38112 Braunschweig. Zzgl. Zulassungskosten. Bonität vorausgesetzt. Der neue Audi Q4 e-tron. Ab sofort bei uns im Audi Terminal in Pfaffenhofen. Autohaus Michael Stiglmayr GmbH Krankenhausstraße 1, 85276 Pfaffenhofen Tel: 08441 80900, info@audi-stiglmayr.de www.stiglmayr-pfaffenhofen.audi Ein attraktives Leasingangebot für Privatkunden¹: z. B. Audi Q4 SUV e-tron 150kW (204PS) in Kieselgrau*. *Stromverbrauch (kombiniert): 15,7kWh/100km; CO₂-Emissionen (kombiniert): 0g/km; CO₂-Klasse: A. Ausstattung: Telefonablage mit induktiver Ladefunktion, Sitzheizung vorn, Smartphone-Interface, Vorbereitung für Anhängervorrichtung, 2-Zonen-Komfortklimaautomatik, MMI Navigation plus mit MMI touch Audi sound system, Assistenzpaket Schutz – und Warnsysteme plus, Sportsitze vorn, LED-Scheinwerfer, mit Ausstiegswarnung und Querverkehrsassistent hinten u.v.m. Fahrzeugpreis ab Werk: € 47.500,– Jährliche Fahrleistung: 10.000 km Laufzeit: 48 Monate Leasing-Sonderzahlung: € 0,– monatliche Leasingrate: € 395,–¹ Überführungskosten i. H. v. 1.150,00 € oder Werksabholungskosten i.H.v. 1.035,00€ berechnet der ausliefernde Betrieb separat. Alle Werte inklusive 19% Mehrwertsteuer. (FD-Stand: 04.06.2026) Abgebildete Sonderausstattungen sind im Angebot nicht unbedingt berücksichtigt. Alle Angaben basieren auf den Merkmalen des deutschen Marktes. Etwaige Rabatte bzw. Prämien sind im Angebot bereits berücksichtigt. ¹Ein Angebot der Audi Leasing, Zweigniederlassung der Volkswagen Leasing GmbH, Gifhorner Straße 57, 38112 Braunschweig. Zzgl. Zulassungskosten. Bonität vorausgesetzt. Foto: Bella Thewes/ Südwest Verlag Foto: Herker

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6 Liebe Leserinnen und Leser, was bedeutet Überleben im Jahr 2026 für uns? Ist es ein Krisenvorrat im Keller? Sind es Strategien für die Zukunft? Für die einen ist es möglicherweise das Überwinden einer Krankheit, für andere der Kampf zurück ins Leben nach einem Schicksalsschlag. Für manche mag es allein ihr Alltag sein, der sich weniger nach leben, mehr nach überleben anfühlt. Vielleicht ist es momentan auch der Kampf um das Überleben demokratischer Gesellschaften. Das Überleben der Arten. Das Thema unserer Ausgabe ist "Survival" - Überleben. Selbst wenn es uns an Komfort nicht mangelt, angesichts der globalen Krisen und des zunehmenden Einsatzes von Künstlicher Intelligenz kann es nicht schaden, unsere natürliche Intelligenz und unsere ursprünglichen Fähigkeiten im Umgang mit der Natur wieder etwas zu schärfen. Der Wildniscoach Christian Rachl aus Pfaffenhofen macht genau das. Sein Wohnzimmer ist der Wald. Er beschäftigt sich mit der Natur und dem Wissen, das uns mehr und mehr abhanden kommt. Abenteurer Gery aus Lenting teilt ebenfalls seine Survival-Expertise aus Wüste und Jungle mit uns. Er liebt den Geschmack von Freiheit und tauscht im Zweifel Rolex gegen Abenteuer. Einer, für den das Leben nie selbstverständlich war, ist der Eichstätter Künstler Hubert Klotzeck. Er verlor seine Eltern früh. Dass er seinen 60. Geburtstag einmal feiern würde, war für ihn nie selbstverständlich. Wie Überleben zu Leben wird, wenn man den Mut dazu hat, zeigt uns der Wolnzacher Maximilian Schwarzhuber. Von ihm kann man lernen, dass Gesundheit unser wichtigstes Gut sein sollte. Wir blicken auch über unseren regionalen Tellerrand: in ein Flüchtlingscamp, in dem Überleben Alltag ist. Dort ist es unbedeutend, ob der Spritpreis noch einmal steigt. Dort geht es darum, ob es heute sauberes Wasser gibt und Nahrung. Ob Kinder in dieser Nacht sicher schlafen können. Ob der Morgen überhaupt kommt. Manchmal hilft ein Perspektivwechsel, damit sichtbar wird, wie privilegiert wir größtenteils leben und welche Verantwortung daraus entsteht. Viel Vergnügen mit unserer espresso Survival-Edition wünscht Ihre Stefanie Herker, Chefredakteurin SABINE KACZYNSKI WIR SUCHEN MEDIENBERATER (M/W/D) EVELIN RAFFALT MEDIENBERATERIN MOBIL: 0172/853 35 99 raffalt@espresso-mediengruppe.in SEBASTIAN BIRKL SONJA MELZER marketing teamespresso Stefanie Herker editorial

26 espresso Foto: Paula Hornickel Illustration: Herker / midjourney

9 espresso Viva la Von Stefanie Herker Unterschlupf. Wasser finden. Nahrung sichern. Feuer machen. Für unsere Vorfahren bedeutete das Leben schlicht und ergreifend Überleben - Survival. Sie wanderten dorthin, wo Leben möglich war. Wenn Flüsse austrockneten, brachen sie auf. Wenn Pflanzen verblühten, zogen sie weiter. Stillstand bedeutete oft den Tod. Mammuts wurden nicht von einzelnen Helden erlegt, sondern ausschließlich gemeinschaftlich. Einer beobachtete die Herde, andere fertigten Speere, einer bewachte das Feuer, wieder andere kümmerten sich um Kinder, Alte und Verletzte. Am Ende teilten alle die Beute. Der Mensch hat nicht überlebt, weil er der Stärkste war. Er hat überlebt, weil er gelernt hat, zusammenzuarbeiten. Gemeinschaftliches Handeln war unsere wichtigste Überlebensstrategie. Schon erstaunlich, dass ausgerechnet wir – eine Spezies, die hunderttausende Jahre unterwegs war, ständig auf der Jagd, auf der Flucht vor Hunger, Kälte und Raubtieren – so bequem geworden sind. Aus Überleben wurde – zumindest in der westlichen Welt – Komfort. Den genießen wir in der Hoffnung, dass schon noch eine Weile alles gut gehen wird. Unsere Vorfahren konnten es sich nicht leisten, die Augen vor einem Säbelzahntiger oder vertrockneten Wäldern zu verschließen und schlicht zu hoffen. Wer Warnzeichen ignorierte, wurde gefressen oder starb. So einfach war das. Heute trägt die Gefahr kein Fell mehr, sondern Anzug. Sie heißt nicht Klimakrise, Artensterben oder soziale Ungleichheit, sondern Untätigkeit und Ignoranz. Sie sonnt sich in Macht und zeigt sich in Krieg und in Desinformation. Es sind Bedrohungen, die sich fast unaufhaltsam ausbreiten. Wir gewöhnen uns an Dinge, die noch vor wenigen Jahrzehnten unvorstellbar waren. Es sind Dinge, an die wir uns niemals hätten gewöhnen dürfen. An Hitzerekorde. An Waldbrände. An Überschwemmungen. Aber noch viel schlimmer: An Machtmissbrauch, Hass, Lügen und Gewalt. An Unmenschlichkeiten, die sich täglich übertreffen. Der Mensch ist unglaublich anpassungsfähig. Vielleicht manchmal zu anpassungsfähig. Wir wissen, irgendwie geht es jeden Tag weiter. Und schließlich müssen wir in unserem System funktionieren, damit das Kartenhaus nicht zusammenbricht. Dabei half es im Überlebenskampf noch nie, die Augen vor der Wahrheit zu verschließen. Viel wichtiger war es schon immer, die Realität zu erkennen, zu handeln, bevor es zu spät war. Während Wissenschaftler seit Jahrzehnten vor den ökologischen Grenzen unseres Planeten warnen, diskutiert die Politik darüber, wie Umweltauflagen gelockert werden können. Wir nehmen verpestete Lebensmittel und Ackerböden in Kauf. Wir tricksen uns selbst aus und nennen es Technologieoffenheit. Um wirtschaftliches Wachstum zu beschleunigen, kommen Kriege gerade recht. Wir stecken unser Geld in Zerstörung und Überwachung und sagen es wäre Verantwortung. Wir erleben gerade eine Welt, in der bevorzugt Misstrauen gesät wird, was demokratische Gesellschaften gegeneinander aufbringen soll. Klimaschützer, Journalisten und NGOs werden sinngemäß zu "Staatsfeinden" erklärt, weil sie Misstände anprangern. Unsere Regierung solidarisiert sich mit Trumps Faschistentruppe und hat ausgerechnet Linksextremismus den Kampf angesagt. Als linksextrem gelten in Amerika bereits jene, die sich gegen Unrecht stellen, gegen Gewalt demonstrieren, gegen Machtmissbrauch. Es ist aber nicht radikal, sich menschlichen Anstand zu wünschen. Es ist nicht radikal, Empathie zu haben und gegen Genozide zu sein. Es ist nicht radikal, gleiche Rechte für Frauen und Minderheiten zu fordern. Es ist nicht radikal, wissenschaftliche Fakten zu verbreiten. Es ist nicht radikal zu verlangen, dass die Reichsten ihren Beitrag leisten. Es ist nicht radikal, friedlich zu demonstrieren. Während wir darüber streiten, wer gegen wen steht, geraten die eigentlichen Herausforderungen aus dem Blick. Wir wissen, die Atmosphäre kennt keine Nationalität und die nächste Überschwemmung fragt nicht, ob sie die Grenze passieren darf. Ein Regenbogen tut niemandem weh, aber Dürren und Ernteausfälle werden ein Problem werden, egal für welche Partei. Die Reichsten bauen sich Luxusbunker. Warum wohl? Eine Gesellschaft funktioniert nur, weil Millionen Menschen jeden Morgen aufstehen und sie am Laufen halten. Weil sie arbeiten, pflegen, unterrichten, Feuer löschen, Lebensmittel produzieren und ausliefern, Kranke versorgen, Kinder großziehen und füreinander Verantwortung übernehmen. Darin liegt unsere Macht. Ein bisschen mehr gemeinsamer Überlebenswille wäre schön! Ein bisschen mehr gemeinsamer Überlebenswille wäre schön! Survival

mehr als eine Zahl

espresso 11 Von Sebastian Birkl Ein Blick in das Flüchtlingscamp Mavrovouni auf der griechischen Insel Lesbos. Wollen Sie wissen, was ich bei der Bildauswahl gedacht habe? »Soll ich hier überhaupt Kinder zeigen?« Flüchtende, das hat sich ein großer Teil der deutschen Gesellschaft irgendwann einmal eingeredet, sind Männer, die den Sozialstaat ausnutzen wollen. Dieses Bild will man erhalten. Es schützt. Einfacher ist es dann, Hilfe zu verweigern, Menschenrechtsverletzungen mit einem Schulterzucken zu quittieren und Dobrindts Rechtsbruch an deutschen Grenzen zu ignorieren. Bilder von Kindern stören da nur. Lieber reduzieren wir Schicksale auf nackte Zahlen. „Die Zahl der Asylanträge sinkt deutlich“, steht dann zum Beispiel in den Überschriften. Und wir sind froh darum. Mit dem Leid müssen wir uns so nicht auseinandersetzen. Journalisten haben im Camp Mavrovouni keinen Zugang. Dank dreier Studierender der KU Eichstätt, die für die NGO Eurorelief im Hilfseinsatz waren, können wir in dieser Ausgabe dennoch ein paar Einblicke liefern. Ein Gespräch mit Finja, Fynn und Mimi über eine Welt zwischen Hoffnung und Leid, in der deutlich wird, was übrigbleibt, wenn der Mensch nur noch sich selbst hat: Solidarität Fotos: Eurorelief

espresso 12 sagt Finja. Trotz aller schrecklichen Erlebnisse, der Strapazen beim Durchqueren von Kontinenten und dem Tod als ständigen Begleiter: „Man kriegt Kinder einfach nicht unter. Sie erzählen, was sie später einmal werden wollen. Die neuen Präsidenten in ihren Heimatländern, um dort alles schön zu machen. Ärzte, damit sie endlich mal helfen können. Polizisten, weil sie wollen, dass es auch gute davon gibt.“ Die Flucht selbst ist ein einziger Albtraum. Aggressive Polizisten, die schlagen, spucken und in Schlauchboote stechen. Kinder, die zuschauen müssen, wie ihre Eltern erschossen werden. Menschen, die lebendig begraben werden, wenn sie auf den Gewaltmärschen nicht mehr mithalten können. Vergewaltigungen. Während Kinder hierzulande Räuber und Gendarm spielen, stellen sie im Flüchtlingscamp Exekutionen nach. All das für uns kaum vorstellbar, im Camp sind es Erzählungen, mit denen Finja konfrontiert wird. Dreimal war sie bereits im Camp Mavrovouni ehrenamtlich tätig, beim ersten Mal für ein ganzes Jahr. „Die Kinder bekamen Panik und warfen Steine auf uns, als sie uns mit unseren roten Westen gesehen haben. Als wir näherkamen, rannten sie kreischend davon“, erinnert sich Finja. Rote Westen kennen die Kinder von türkischen Polizisten. „Es ist wichtig, darüber zu sprechen, dass diese Menschen nicht nur unser Geld wollen. Es hat schon Gründe, warum sie fliehen. Das klang für mich nie nach: Ich hätte gern mehr Geld“, sagt Finja. Mimi war sechs Wochen im Camp, den Großteil in der Woman’s Community, einer Art Safe Space für Frauen. Sie berichtet von einer afghanischen Frau, die froh ist, ihrem Kind nun wieder Kleider anziehen zu können. In ihrem Heimatland tarnte sie ihre Tochter als Jungen, um ihr mehr Freiheiten zu ermöglichen. Auch Mimi hört im Camp Erzählungen von „Polizisten“, die auf Kinder eingetreten haben sollen. Sie vermutet Frontex dahinter. Die EU-Behörde steht häufig in der Kritik. Immer wieder wird ihr vorgeworfen, an Menschenrechtsverletzungen beteiligt zu sein, v. a. an sogenannten Pushbacks. „Kinderträume sind die stärkste Waffe der Welt“,

13 espresso Hinweis Finja, Fynn und Mimi heißen eigentlich anders. Aus Sorge vor Anfeindungen wollen sie in der Öffentlichkeit weder mit richtigem Namen auftreten, noch ihre Gesichter zeigen. Zudem gehe es hier auch nicht um sie als Privatpersonen, sondern um das große Ganze, sind sich die drei einig. espresso sind die Namen bekannt. Alle sind Studierende der KU Eichstätt; Fynn (Soziale Arbeit), Finja (Flucht, Migration und Gesellschaft), Mimi (Bildung für nachhaltige Entwicklung). schwangeren Mutter mit drei Kindern, die die Gelegenheit nutzen wollte, warm zu duschen und ihre Kinder zu waschen. Doch eines der Kinder hörte einfach nicht auf zu weinen. Eine andere Mutter, ebenfalls schwanger, nahm das Kind zu sich und gab ihm ihre ganze Packung Cracker – obwohl Essen eigentlich Mangelware ist. Das Kind wurde ruhig, vermutlich hatte es einfach Hunger. Sie kümmerte sich liebevoll um das Kind, spielte mit ihm und versorgte es, sodass die andere Mutter in Ruhe duschen und ihre Kinder waschen konnte. Oder die Geschichte eines Literaturwissenschaftlers aus Kabul, der auf seinem Zelt in allen möglichen Sprachen seinen Dienst als Übersetzer anbot. „Egal, wo wir waren, er war immer mit irgendjemandem unterwegs und hat für das ganze Camp übersetzt. Auch er hatte Kinder, um die er sich kümmern musste. Das hat mich am meisten überrascht, weil ich so eine Solidarität wie dort nie erlebt habe“, sagt Finja. „Es ist faszinierend, wie stark und resilient die Leute im Camp sind. Obwohl sie unvorstellbare Dinge erlebt haben. Sie sind trotzdem fähig, Freude zu empfinden, zu lachen – ein wirklich ehrliches Lachen“, ergänzt Mimi. Und Fynn: „Ich hatte im Camp einmal selbst nicht den besten Tag. Ein Resident kam und fragte, ob er mich unterstützen könne. Das war crazy.“ Fynns Blick auf die Welt hat sich nach dem Aufenthalt im Camp verändert: „Die Resilienz ist inspirierend. Es wäre so verständlich, wenn bei den Menschen krass viel Welthass aufkommen würde. Aber diese bedingungslose Solidarität im Camp war sehr bewegend. Das hat mir überraschenderweise wieder ein relativ starkes Grundvertrauen geschenkt. Politisch war es natürlich extrem ernüchternd.“ Aber „ein grundlegender Glaube an die Menschlichkeit“ sei zurückgekehrt. Die drei Studierenden der KU Eichstätt waren für die christliche NGO Eurorelief im Einsatz. „Alles läuft auf Freiwilligenbasis ab“, erklärt Mimi. „Die Freiwilligen übernehmen ihre eigenen Kosten. Es ist schön zu sehen, was möglich ist, wenn motivierte, engagierte Menschen zusammenkommen und Verantwortung übernehmen wollen.“ NGOs sehen sich in Deutschland immer häufiger verbalen Angriffen ausgesetzt, oft von der AfD und ihrem Umfeld. Viele der Bewohner:innen des Camps kommen aus Ländern wie Afghanistan, Sudan, Somalia, Jemen, Palästina oder Kurdistan. Wie funktioniert da die Verständigung? „Manche Residents können Englisch und übersetzen. Auch Übersetzerapps werden genutzt“, erklärt Mimi. Ansonsten gehe viel über Mimik und Gestik. Tiefere Gespräche entstünden v. a. in der Woman’s Community. Das Camp Mavrovouni wurde nach dem Brand im Camp Moria (September 2020) zunächst provisorisch errichtet. Es ist ein Ort des Übergangs und der Unsicherheit. Ein Ort zwischen Hoffnung und Ernüchterung. Bewohner sind manchmal wenige Wochen dort, manchmal Jahre. Das Leben hält hier an. Auf unbestimmte Zeit. Finja erinnert sich an einen Mann, der Frau und Tochter bei der Überfahrt verloren hatte. Er und sein Baby überlebten. Finja erlebt in ihren drei Aufenthalten, wie das Baby zum Kleinkind wurde. Wie es anfängt zu laufen und zu sprechen. Und gleichzeitig, wie beim Vater jede Hoffnung auf ein neues, besseres Leben schwindet. „Wenn man sieht, was man selbst in der Zeit alles gemacht und geschafft hat und dann die Leute sieht, die nur in diesem Camp gewartet haben ...“ Mal sind es einige tausend, mal nur wenige hundert Bewohner:innen im Camp Mavrovouni. Aktuell ist es eher ruhig. Im Juli veröffentlichte arte einen kurzen Bericht über das Camp. Den Journalisten verwehrte man den Zugang. Betreiber des Camps ist das griechische Ministerium für Migration und Asyl. Dennoch liefert der arte-Bericht einen Einblick. Ratten, Kakerlaken, nicht genug Wasser. So die Erzählungen einer Bewohnerin des Camps. Finja kann das bestätigen. „Wenn wir im Frühjahr die Heizungen eingesammelt haben, war es jedes Mal gruselig, wie viele Insekten da rausgekrabelt sind.“ Die Zustände seien grausam, aber dennoch: „Das Schöne ist, was für eine Solidarität und Miteinander zwischen den Leuten entsteht. Man hat oft nur dieses sehr düstere Bild von Flüchtlingslagern. Es ist auch düster, aber die Menschen bringen wirklich eine krasse Wärme rein.“ Solidarität. Es ist wohl das, was den Menschen noch zum Menschen macht, wenn die eigene Welt plötzlich ganz klein wird. Geschichten haben Finja, Fynn und Mimi viele. Etwa die einer erschöpften Fotos: Eurorelief

14 Unter einem großen grauen Himmel, in einer großen staubigen Ebene ohne Wege, ohne Rasen, ohne eine Distel, ohne eine Brennessel, traf ich eine Schar Menschen, die gebückt dahinschritten. Ein jeder von ihnen trug eine riesige Chimäre auf dem Rücken, so schwer wie ein Sack Mehl oder Kohle, oder wie die Rüstung eines römischen Fußsoldaten. Aber das entsetzliche Ungeheuer war nicht eine träge Last; im Gegenteil, es umklammerte und preßte den Menschen mit seinen elastischen und mächtigen Muskeln; es hängte sich mit den langen Krallen an seine Brust, und sein fabelhaftes Haupt überragte die Stirn des Menschen wie einer jener furchtbaren Helme, mit denen die alten Krieger den Schrecken des Feindes zu vermehren hofften. Ich fragte einen dieser Menschen, wohin sie also gingen. Er antwortete mir, daß er dies nicht wisse, weder er noch die andern; daß sie aber offenbar irgendwohin gingen, da sie von einem unwiderstehlichen Drange getrieben würden. Etwas Seltsames ist zu bemerken: keiner dieser Wanderer schien dem wilden Scheusal, das sich ihm an den Nacken hängte und ihm am Rücken klebte, zu zürnen; es schien, daß er es als einen Teil seiner selbst ansah. Alle die müden und ernsten Gesichter zeugten von keinerlei Verzweiflung; unter der blendenden Himmelskuppel, die Füße in dem Staub der Erde begrabend, die ebenso trostlos wie der Himmel war, wanderten sie mit dem ergebenen Ausdruck jener dahin, die immer zu hoffen verurteilt sind. Und der Zug schritt an mir vorüber und tauchte in die Atmosphäre des Horizontes, dort wo die gewölbte Oberfläche des Planeten sich der Neugierde des menschlichen Blickes entzieht. Und einige Augenblicke lang wollte ich entschieden dies Geheimnis verstehen; aber bald überfiel mich die unwiderstehliche Gleichgültigkeit, die mich noch tiefer beugte, als selbst jene es waren, die von ihrer Chimäre erdrückt wurden. Von Charles Baudelaire († 1867) | Übersetzer: Camill Hoffmann (1944 in Auschwitz ermordet) | Erschienen im Insel-Verlag Leipzig Im Hintergrund brennt das Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos (2020). Als Folge wurde das Camp Mavrovouni errichtet. Jeder seine Chimäre Fotos: Eurorelief

15 espresso Es gibt etwas, das nennt sich Compassion Fatigue. Eine Art Schutzmechanismus des Körpers. Das Leid wird zu viel, man schaltet emotional ab. „Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich gar keine Gefühle mehr hatte“, erinnert sich Finja an die Zeit, als sie ein ganzes Jahr im Camp war. Das war zur Zeit des Angriffs der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023. Die Zahl der Palästinenser im Camp nahm zu. „Die Erzählungen und Eindrücke waren so überwältigend. Irgendwann kam ein Punkt, wo ich das Gefühl hatte, nur noch eine Maschine zu sein. Es ist gefährlich, wenn wir an so einen Punkt kommen, denn ich denke, Mitgefühl ist das, was wir in unserer Welt brauchen. Vor allem, wenn das Camp so voll ist.“ Über 6.000 Menschen waren es damals. „Es klingt hart, aber es ist wie eine Massenabfertigung, man hat nicht die Zeit für Gespräche.“ Irgendwann kommt für jeden Freiwilligen der letzte Tag im Camp. Der Flieger wartet. Kein Abschiebeflug. Es geht zurück in ein reiches und sicheres Land. Was macht das mit einem? „Ich habe bei jedem Abschied eigentlich den kompletten Rückflug geweint“, sagt Finja. „Es ist unvorstellbar, es hat mir jedes Mal das Herz zerrissen. Man entwickelt natürlich auch Beziehungen zu den Leuten vor Ort, kennt die Lebensgeschichten.“ Man sei sich bewusst, dass man die Leute zurücklasse. „Es fühlt sich ein bisschen nach Versagen an, wenn man ihre Wünsche nicht erfüllen kann. Man wollte ja helfen.“ In Deutschland dann der harte Kontrast zu gewöhnlichen Alltagsproblemen, die nichts mit der Schwere der Probleme im Camp gemein haben. „Schuldgefühle“, sagt Fynn knapp. Um die Überfahrt von der Türkei nach Griechenland bezahlen zu können, verkaufen manche Flüchtende ihre Organe, so hört es Fynn im Camp. „Ich darf jetzt komfortabel in den Flieger steigen. Das Zurückkehren ist so absurd.“ Hinzu käme das mangelnde Verständnis in Deutschland. „Viele können nicht begreifen, was Flucht bedeutet. Warum man dafür aktiv ist und aktiv sein sollte.“ Auch für Mimi war die Rückkehr nicht einfach, sie hat danach aber noch mehr Empathie und Verständnis entwickelt. Mimi berichtet von einer recht abweisenden Frau im Camp. Irgendwann erfährt sie, warum. „Sie wollte mit Volunteers keine Beziehung aufbauen, weil es ihr jedes Mal das Herz bricht, wenn diese wieder gehen – und sie bleibt jedes Mal zurück.“ Fynn wünscht sich, „dass Menschen mit eigenen Augen sehen würden, was es bedeutet, Europa abzuschotten. Dass da menschliches Leben dranhängt. Dass es auch unsere Steuergelder sind. Ich glaube, diese Erfahrung würde viel verändern, auch politisch.“ „Manchmal wird vergessen, dass das Menschen sind. Väter, Mütter, Söhne, Töchter. Menschen wie wir. Menschen, die schlimme Erfahrungen gemacht haben“, ergänzt Finja. „Sie haben halbe Kontinente überquert und wir stecken sie in Lager mit Stacheldraht. Nicht nur hier, überall grenzen wir Menschen aus.“ Mimi fordert, den Bogen zu spannen, das ganze Bild im Blick zu haben: „Nicht nur, dass Menschen flüchten, sondern auch unsere Verantwortung und Involviertheit zu beleuchten. Wie spielen wir in aktuelle Konflikte mit rein? Wie sind die globalen Machtstrukturen? Das hängt alles miteinander zusammen.“ Can Dündar (ehemaliger Chefredakteur der türkischen Zeitung Cumhuriyet, lebt im Exil in Deutschland) zeigt in seinem Buch „Tut was!“ die europäische Doppelmoral in Sachen Demokratie und Menschenrechte auf. „Als die Verfechter der Demokratie in der Türkei sahen, wie leicht Europa seine Prinzipien über Bord warf, als es um seine tagespolitischen Interessen ging, waren sie zutiefst enttäuscht. Ihnen hat sich ins Gedächtnis eingegraben, wie Erdogans Unterdrückungsregime hofiert wurde, damit nicht noch mehr Flüchtlinge nach Europa kämen, wie bei Besuchen in Ankara kaum Menschenrechtsverletzungen angesprochen wurden, damit der Handel keinen Schaden nähme, aber Waffengeschäfte abgeschlossen wurden, wie man zum größten Journalistengefängnis der Welt schwieg, um einen profitablen Markt nicht zu verlieren“, schreibt Dündar. Oder kürzer: Profit over people. „Die meisten Flüchtlinge kommen nur hierher, um das Sozialsystem auszunutzen“. Laut Mitte-Studie 2025 stimmen dieser Aussage 17,6 Prozent der Befragten „voll und ganz“ sowie 12,6 Prozent „eher“ zu. Insgesamt also über 30 Prozent. Das Bild vom Flüchtling als Gewalttäter ist ebenfalls weit verbreitet. Die Vorbehalte sind auch im Camp Mavrovouni angekommen. Ein junger Palästinenser, Basketballfan, nahm Finja kurz vor ihrer Rückkehr ein Versprechen ab. Das solle sie zuhause ausrichten: „Die Menschen brauchen keine Angst vor uns haben.“ Was unterscheidet Ihr Kind von diesem? » Wie spielen wir mit rein? «

1 espresso Ein ganzes Leben. Zu Besuch bei der Tierhilfe Jonathan in Neuburg

17 espresso Von Sebastian Birkl In jedem Tier steckt ein ganzes Leben. Unabhängig davon, wie groß oder klein es ist. Jedes Lebewesen nimmt seine Umwelt auf seine eigene Weise wahr - und erfüllt eine einzigartige Rolle in der Natur. Eigentlich kommen Tiere ganz gut ohne uns zurecht. Eigentlich müsste man sagen: Wahrscheinlich würden sie deutlich besser ohne uns zurechtkommen. Manchmal aber geraten Tiere nun mal in ausweglose Situationen. Dann treten Menschen wie Andreas Kopernik und Margit Schuhmann auf den Plan. Zum Glück. „Je hilfloser ein Lebewesen ist, desto größer ist sein Anspruch auf menschlichen Schutz“, soll Mahatma Gandhi einmal gesagt haben. Das Paar aus Neuburg hat diesen Spruch voll und ganz verinnerlicht, ihn sich zum Lebensinhalt gemacht - und prominent auf der Webseite platziert. Besuch bei der Tierhilfe Jonathan. „Einfach anders“ steht im Logo des Vereins. Das stimmt. Aber was das in der Realität bedeutet, versteht man erst so wirklich, wenn man ein paar Stunden dort verbracht hat. Der Wintergarten ihres Hauses ist die Einsatzzentrale der beiden Tierschützer. Hier geht es im wahrsten Sinne des Wortes zu wie im Taubenschlag. Das liegt nicht nur daran, dass sich gerade mitten auf dem Tisch des Wintergartens tatsächlich eine junge Taube erholt. Ständig klingelt das Telefon, Menschen kündigen verletzte Vögel an, das Gartentor geht auf, Menschen bringen verletzte Vögel vorbei. Margit Schuhmann füttert im Akkord mit der Pipette oder der Pinzette. Hat sie in den letzten aufgerissenen kleinen Schnabel etwas hineingeschoben, kann sie quasi beim ersten wieder anfangen. Nebenbei watschelt ein Entenküken heran und zupft an den Schnürsenkeln unseres Redakteurs. Manchmal hüpft ein bereits wieder in die Freiheit entlassener Vogel heran und schaut neugierig in den Wintergarten. Futter wird vorbereitet, gehäkelte Nester aus einer prallgefüllten Kiste für die Neuankömmlinge herausgezogen. Um uns herum zwitschert es, als wären wir selbst in einer großen Voliere. Der ganze Wintergarten und der Garten selbst sind voll mit Käfigen. Fliegen schwirren. Und mittendrin sitzen wir und stellen Fragen. Turmfalken, Wachteln, Grauschnäpper, Rauchschwalben… Wie viele Tiere Andreas Kopernik und Margit Schuhmann hier gerade gleichzeitig pflegen, wissen sie nicht. Aber um die 100 dürften es schon Andreas Kopernik und Margit Schuhmann von der Tierhilfe Jonathan e.V. in ihrem Wintergarten in der Egerlandstr. 10 in Neuburg Fotos Sebastian Birkl Tierhilfe Jonathan e.V. SPENDENKONTO: IBAN: DE09 7205 1210 0005 5816 73 BIC: BYLADEM1AIC

18 espresso sein, vermutet Schuhmann. Der Großteil sind Vögel, aber auch ein Feldhase, eine Fledermaus und ein Mauswiesel sind dabei. Die beiden dokumentieren sehr genau. Jeder, der ein Tier vorbeibringt, bekommt einen kleinen Block gereicht, auf dem er seinen Namen eintragen muss. Die Vögel werden auf Verletzungen untersucht und eine obligatorische Frage wird gestellt: Hat die Katze ihn gehabt? Falls ja, muss Antibiotika verabreicht werden, der Speichel sei „hochinfektiös“, sagt Schuhmann. Am Ende landet alles in einer Excel-Tabelle. 907 „Patienten“, so nennt sie ihre Schützlinge, waren es 2025. Tatsächlich geht es hier zu wie in einem kleinen Krankenhaus. Mitte Juli, zum Zeitpunkt des espresso-Besuchs, waren es heuer schon 1.120. Vielleicht muss man hier direkt noch einmal daran erinnern, dass diese Mammutaufgabe von zwei Menschen im Rentenalter bewerkstelligt wird. 56 Vogel- und sieben weitere Tierarten versorgten sie im vergangenen Jahr. Zwar ist im Sommer besonders viel los, aber um Tiere kümmern sie sich über das ganze Jahr hinweg. In Deutschland sterben jedes Jahr schätzungsweise über 100 Millionen Vögel durch Kollisionen mit Glasscheiben und Fenstern. Bis zu 200 Millionen sollen Katzen zum Opfer fallen. Einige der Vögel, die in der Tierhilfe Jonathan landen, haben ähnliche Erfahrungen gemacht, nur mit etwas glimpflicherem Ende. Ihre Lebensbedingungen werden immer schlechter, die Umweltbelastung steigt, der Lebensraum schrumpft. Manche Vögel verfangen sich in Angelschnüren oder verletzen sich an Angelhaken. Um im Sommer dem Hitzetod zu entgehen, springen Babyvögel aus dem überhitzen Nest, obwohl sie noch nicht bereit dazu sind. Das betrifft oft jene, die unter Dächern oder an Mauern brüten. Die Auswirkungen davon sieht man in der Tierhilfe. Einem guten Dutzend Mauersegler stopft Schuhmann einem nach dem anderen ein Heimchen in den weit aufgerissenen Schnabel. Per Telefon wird ein Kernbeißer angekündigt. Kopernik schnauft kurz. Dann erzählt er, wie es der 77-Jährige gerne tut: „Ein Kernbeißer hat eine Beißkraft von 50 Kilogramm.“ Mit so einem kräftigen Biss hat sein Daumen selbst schon Bekanntschaft machen müssen. Zum Glück erst ein Jungvogel, ergänzt er lachend. Schmerzhaft war es trotzdem. Als die Dame den nur rund 50 Gramm schweren Racker mit dem dicken Schnabel wenig später vorbeibringt, zieht er sich zur Vorsicht dicke Handschuhe an (s. Titelfoto). Der Regen setzt ein. Kopernik steht vom Tisch auf und geht hinaus in den Garten, um die Käfige abzudecken. Ein Gutes hat der Regen: Es dauert nicht lange, dann flirren weit weniger Fliegen um uns herum. „Die Schmeißfliege ist unser größter Feind“, sagt er. An der Wand sitzt ein wunderschöner Waldkauz in einem Käfig. Er verhedderte sich in einer Angelschnur und verfing sich damit in einem Baum. „45 Minuten lang haben wir ihm Fliegeneier abgezupft“, erklärt Kopernik. Macht man das nicht, dauert es nicht lange und es wimmelt vor Maden. Ein Mann und eine Frau betreten den Wintergarten mit einem großen Karton. Mit einem geübten Griff hält Kopernik kurz darauf eine Rabenkrähe in der Hand und untersucht sie. Der Mann erzählt viel, wie er die Krähe gefunden hat, wie er sie in der Lagerhalle seiner Arbeitsstelle aufgepäppelt hat. Schließlich zückt er sein Smartphone und zeigt ein Video, wie sie auf Kommando auf seinem Arm landet. Man muss kein besonders großer Menschenkenner sein, um herauszuhören, dass er eine ganz feste Beziehung zu diesem Tier aufgebaut hat. „Ich habe die letzten Tage schon schlecht geschlafen“, sagt er schließlich. Die Trennung fällt ihm sichtlich schwer. Geld für Futter habe er auch noch gespart, sagt er, und legt bedrückt 50 Euro auf 1 Mauersegler 2 Turmfalke mit Maus 3 Waldkauz 4 Andreas Kopernik untersucht die Rabenkrähe 1 2 3 4

2 den Tisch. Kein Rabenvater also. Margit Schuhmann setzt sich währenddessen zurück an den Tisch und beginnt, tote Futtermäuse mit einer Schere zu zerschneiden. Ganz zum Leidwesen der mitgereisten Frau, die kurz erschaudert. Zimperlich darf man in der Tierpflege nicht sein. Aus dem 60 Kilometer entfernten Dillingen haben die beiden die Krähe hergefahren. Die Tierhilfe Jonathan hatte schlicht die besten Google-Rezensionen, sagt der Mann. Auch selbstkritisch ist er mit seinem Umgang mit der Krähe. „Man darf die Fehler nicht immer bei sich suchen“, bekommt er als Antwort zu hören. Bei der Tierhilfe servieren sie eben nicht nur Mäuse und Insekten, sondern auch Lebenstipps. Und überhaupt habe er ihnen schon viel Arbeit abgenommen. Es ist ihm ein kleiner Trost. Mindestens dreimal dreht er sich auf dem Weg nach draußen noch um. Ein herzerwärmender Moment, der einem vor Augen führt, dass eben doch nicht die ganze Welt von Hass regiert wird. Ihr Einzugsgebiet liege bei rund 100 km, sagen die beiden Tierschützer aus Neuburg. Es sei aber auch schon einmal jemand aus Freyung an der tschechischen Grenze dagewesen. Ein halbes Dutzend Siebenschläfer habe er gebracht. Über den Winter hindurch haben sie diese damals aufgepäppelt. Für Menschen wie es die beiden sind, gibt es viele Begriffe und Zuschreibungen. Unikate sind es sicherlich. Sie mit ihrer herzlichen Art, er mit dem Schalk im Nacken. Direkt sind sie beide. Das Herz am rechten Fleck haben sie sowieso. Sie kümmern sich nicht nur um ihre Schützlinge, manchmal werden sie auch zum Seelsorger für die Menschen, die ihnen Tiere vorbeibringen und deren Lebensgeschichten sie bereitwillig lauschen. Die beiden sind aber auch – im besten Sinne – verrückt. Anders kann man nicht erklären, was sich die beiden aufhalsen. 18 Stunden am Tag, von 5 Uhr bis 23 Uhr, kümmern sie sich um ihre gefiederten Freunde. Einmal stand eine Beerdigung an. Die Vögel kamen kurzerhand in den Kofferraum, wurden auf dem Hinweg am Rastplatz gefüttert und direkt nach der Kirche wieder. „Wenn du sowas anfängst, musst du durchziehen“, sagt Kopernik. Ganz zu Beginn des espresso-Besuchs zieht er einen dicken Ordner heraus. Früher haben sie viele Fälle mit Fotos dokumentiert. Das hat nachgelassen, irgendwann wiederhole sich eben alles. Seit 2009 gibt es den Verein. „Wie entsteht eine Feder?“, fragt Kopernik eher rhetorisch und setzt zum Vortrag samt Schaubild an. Den Vortrag hat er schon oft gehalten, man merkt es. Auch der oben erwähnte „Rabenvater“ hat ihn zu hören bekommen. Kopernik will eben auch Wissen vermitteln und wenn er merkt, dass man selbst den ein oder anderen Vogel abseits von der Amsel bestimmen kann, huscht ein breites Grinsen über sein Gesicht. In einem Schrank im Wintergarten reihen sich Ordner und kleine Fotobücher über alte Fälle aneinander. Es ist ein Lebenswerk. Anders kann man es nicht beschreiben. Wenn Kopernik mit dem Blättern beginnt und über die vielen Verletzungen erzählt, wie über Wochen hinweg verkrampfte Greifvögelfänge versorgt werden, Muskeln in einer Art Bewegungstherapie wieder aufgebaut werden, sprich, wenn er vom Weg zurück ins Leben berichtet, ist es unmöglich, auf der letzten Seite nicht sehr viel Respekt vor ihm und seiner Lebensgefährtin entwickelt zu haben. Manchmal muss man auch lachen, etwa, wenn plötzlich ein Bild der beiden im OP-Kittel und einem Schwan im Schoß auftaucht. „Schwäne haben keinen Schließmuskel“, sagt Kopernik verschmitzt. Was das bedeutet, kann sich jeder selbst ausmalen. Und überhaupt: dass auf dem Tisch ein paar Rollen Klopapier liegen, ist ebenfalls kein Zufall. Immer gibt es irgendwo etwas zu wischen. Was oben reinkommt, kommt unten wieder raus. Und oben kommt sehr viel rein. „Man kann nicht jeden retten“, sagen die beiden Tierschützer, aber 75 Prozent ihrer Patienten hätten sie im vergangenen Jahr zurück in die Natur entlassen können. Namen geben sie ihnen nicht. Immer noch kullert beim Abschied ab und zu eine Träne, sagt Schuhmann, vor allem bei den intensiven Fällen. Zwei Wochen Jahresurlaub gönnen sich die beiden Neuburger. Für diese Zeit übernimmt eine Bekannte die Tierhilfe. Etwas zögernd stimmten die beiden dem espresso-Besuch zu. Es ist verständlich. Die Arbeit ist jetzt schon kaum zu bewältigen. Eine Nachfolge sei nicht in Sicht – und besonders optimistisch sind sie, was das angeht, ebenfalls nicht. In jedem Tier steckt ein ganzes Leben. Für Andreas Kopernik und Margit Schuhmann bedeutet das: jeden Tag aufs Neue zu versuchen, möglichst viele davon zu retten. So lange sie können. Praxis Dr. Voit von Thun Kieferorthopädie für Kinder, Jugendliche und Erwachsene Max-Joseph-Str. 7 85051 Ingolstadt Tel.: 0841-88 55 030 www.IN-Smile.de info@in-smile.de Kostenlose Parkplätze direkt vor der Tür. Wir suchen ab sofort eine/n ZFA (m/w/d) in Voll- oder Teilzeit Hast du Interesse? Wir würden Dich gerne kennenlernen!

Über Leben EIN GESPRÄCH MIT HUBERT KLOTZECK Foto + Interview: Stefanie Herker

espresso 21 Mit 60 fängt das Leben an, heißt es oft. Wer Hubert Klotzeck genauer kennt, weiß: Diesen Satz würde er wohl nicht unterschreiben. Nicht, weil er dem Älterwerden nichts abgewinnen könnte, sondern, weil das Leben für ihn nie selbstverständlich war. Der Eichstätter Künstler und Fotograf feierte kürzlich seinen 60. Geburtstag. Wir sprechen mit ihm über seine Kindheit, in der der Überlebensmodus manchmal realer war als große Träume. Über die Spuren, die Verlust hinterlässt, und wie er es trotzdem geschafft hat, das Schöne am Leben zu finden. Du warst sehr jung, als sich deine Eltern trennten. Deine Mutter musste die Familie mit wenig Geld durchbringen, Essen auf Rädern gehörte zum Alltag. Was hat diese Zeit in dir geprägt und welche nostalgischen Kindheitserinnerungen hast du dir trotz alledem bewahrt? Als ich fünf Jahre alt war, trennten sich meine Eltern. Kurz darauf lernte meine Mutter meinen Stiefvater kennen – einen Menschen, der unser Leben über Jahre hinweg geprägt hat. Er war unglaublich brutal und hat meine Mutter und mich regelmäßig geschlagen und misshandelt. Das war meine Kindheit. 1975, ich war gerade neun Jahre alt, erhielt meine Mutter mit nur 31 Jahren die Diagnose Darmkrebs im Endstadium. Nach ihrem ersten Krankenhausaufenthalt verließ uns mein Stiefvater. Offenbar war er nicht bereit, sie in dieser schweren Zeit zu begleiten oder Verantwortung für mich zu übernehmen. Trotz all dieser Erfahrungen gibt es sie – die kleinen, warmen Erinnerungen, die geblieben sind. Ich bin in der Eckiusstraße am Taschenturm in Ingolstadt aufgewachsen. Ich erinnere mich an den alten Volksfestplatz, daran, wie ich am Scherbelberg Skifahren gelernt habe, und an die Bäckerei Kneidl. Von unserer Altane konnte ich direkt in die Backstube gelangen – für ein Kind war das fast ein magischer Ort. Schon damals habe ich ununterbrochen Menschengesichter gemalt oder die Stoffreste der Näharbeiten meiner Mama weiterverarbeitet. Ich erinnere mich an den Kindergarten im Marienheim, an „Tante Gabi“, an die Nachmittage in der Schütt, an meinen Kindheitsfreund Martin, daran, wie ich auf dem Spielplatz im Künettegraben das Schaukeln lernte, an die alte verfallene Liebl-Klinik neben dem Kreuztor und an meinen Schulweg zur Schanz. Diese Erinnerungen sind allerdings nur Bruchstücke. Sie tauchen wie kleine Inseln auf, werden aber immer wieder von den dunklen Erfahrungen überlagert: eingesperrt zu sein, Schläge, Hausarrest und das Gefühl, ständig Angst haben zu müssen. Vielleicht wirken gerade deshalb die wenigen unbeschwerten Momente bis heute so kostbar. Sie zeigen mir, dass » Sie [die warmen Erinnerungen] tauchen wie kleine Inseln auf, werden aber immer wieder von den dunklen Erfahrungen überlagert: eingesperrt zu sein, Schläge, Hausarrest und das Gefühl, ständig Angst haben zu müssen. « Der junge Hubert um 1978, Fotos: privat Um 1967: Hubert mit seinem Papa Hubert mit seiner Mama und Oma

espresso 22 » Manchmal frage ich mich rückblickend, wie ein Dreizehnjähriger das überhaupt aushalten konnte. « selbst in einer schwierigen Kindheit Lichtblicke existierten – und dass diese kleinen Erinnerungen oft die größte Kraft entwickeln. Wenn ich heute auf meine Familiengeschichte zurückblicke, erkenne ich, dass sich Schicksalsschläge über Generationen hinweg fortgesetzt haben. Mein Vater war bereits ein Waisenkind. Auch meine Großmutter mütterlicherseits war als Kleinkind schon Waise, und meine Mutter wuchs ohne ihren Vater auf. Mein Stiefvater starb ebenfalls sehr früh – mit nur 41 Jahren. Meine Großmutter wurde nur 54 Jahre alt, mein Großvater starb Anfang sechzig. Es wirkt fast wie ein Familienmuster, das sich über Jahrzehnte hinweg fortgesetzt hat. Umso dankbarer bin ich, dass meine Tante und ich die Ersten in unserer Familiengeschichte sind, die diesen Bann durchbrechen konnten. Vielleicht hat gerade diese Erfahrung meinen Blick auf das Leben geprägt – mit einer großen Dankbarkeit für jeden Tag, den ich mit den Menschen verbringen darf, die ich liebe. Als deine Mutter an Krebs starb, warst du gerade einmal 13. Deine Bezugsperson war dann dein Großvater, der dir in dieser schweren Zeit aber keine Liebe entgegenbrachte. Gab es damals jemanden, dem du dich anvertrauen konntest oder hattest du eher das Gefühl: Jetzt muss ich selbst sehen, wie ich durchs Leben komme? Aus heutiger Sicht ist es fast erstaunlich, wie das Leben nach dem Tod meiner Eltern einfach irgendwie weiterging. Mein Vater starb im Dezember 1979 mit nur 39 Jahren, meine Mutter wenige Monate später, im März 1980, mit gerade 36 viel zu jung. Rückblickend frage ich mich manchmal, wie ein Dreizehnjähriger das überhaupt aushalten konnte. Eine wichtige Bezugsperson war die Schwester meiner Mutter – meine Tante. Sie war gerade einmal zwölf Jahre älter als ich und wurde für mich zu einem sicheren Hafen. Gleichzeitig glaube ich, dass der frühe Verlust meiner Mutter in mir sehr früh den Wunsch nach Nähe und Geborgenheit geweckt hat. Mit 14 hatte ich meine erste große Liebe. Diese Beziehung dauerte zwei Jahre, und bis heute bin ich dankbar dafür. Sie hat mir in einer Zeit, in der vieles zerbrochen war, Wärme und Halt gegeben. Anvertrauen konnte ich mich damals auch einem Lehrer, der sich sehr für mich eingesetzt hat. Er erkannte wohl, dass sich etwas ändern musste, und sorgte mit dafür, dass meinem Großvater die Vormundschaft entzogen wurde und ich einen Platz im Canisius-Konvikt in Ingolstadt bekam. Mein Vormund war dann Herr Werner, damals Leiter des Jugendamtes. Dafür bin ich bis heute dankbar. Meinen Großvater lernte ich tatsächlich erst bei der Beerdigung meiner Mutter kennen. Meine Großmutter hatte sich bereits 1945 von ihm scheiden lassen, Um 1985 im Ingolstädter Schloss Cafe, heute Tagtraum Fotos: privat Hubert um 1985 mit seiner damaligen Freundin und seinen zwei weißen Mäusen

espresso 23 da er während des Krieges in Frankreich eine Affäre hatte. Über das Jugendamt wurde er dennoch zu meinem Vormund bestimmt. Ich hatte ihn vorher nie gesehen. Leider war auch er ein sehr brutaler Mensch und starker Trinker. Zum Glück musste ich nur etwa neun Monate bei ihm leben, bevor ich im Januar 1981 ins Internat nach Ingolstadt wechseln konnte. Diese Zeit war voller Gegensätze. Unter der Woche herrschte im Internat ein streng geregelter Alltag mit klaren Regeln und Disziplin. An den Wochenenden und in den Ferien lebte ich bei meiner Tante – und dort erlebte ich das genaue Gegenteil. Ich hatte alle Freiheiten der Welt. Oft gingen wir sogar gemeinsam aus, z.B. in die Disco WhyNot, Koboldkeller, Cadillac. Rückblickend war diese Mischung aus Struktur und Freiheit wahrscheinlich genau das, was ich damals gebraucht habe. Sie hat mir geholfen, nach all den Verlusten wieder Vertrauen ins Leben zu entwickeln. »Ich habe immer noch mit Verlustängsten zu kämpfen. « Du hast erzählt, dass du durch den frühen Verlust deiner Eltern bis heute mit Verlustängsten lebst. Wie beeinflusst das deine Beziehungen und deinen Blick aufs Leben? Ich glaube, diese Verlustängste werden mich mein Leben lang begleiten. Sie sind nie ganz verschwunden. Bis heute merke ich, wie stark sie noch in mir wirken. Wenn ich ein Martinshorn höre oder von einem schweren Unfall erfahre, ist mein erster Gedanke nicht: Hoffentlich ist niemandem etwas passiert. Mein erster Gedanke ist: Bitte lass es niemanden aus meiner Familie getroffen haben. Diese Angst kommt sofort und völlig automatisch. Auch in meinen Beziehungen hat mich das lange begleitet. Ich war unglaublich eifersüchtig – und wenn ich ehrlich bin, steckt ein Teil davon bis heute noch in mir. Meine erste Ehe, ich war damals erst 23 Jahre alt, ist letztlich auch an dieser Eifersucht gescheitert. Heute weiß ich, dass dahinter weniger Misstrauen als vielmehr die tiefe Angst stand, einen geliebten Menschen zu verlieren. Wer als Kind so viel Verlust erlebt hat, entwickelt oft Strategien, die eigentlich schützen sollen – auch wenn sie Beziehungen dadurch belasten. Diese Ängste zeigen sich nicht nur in Partnerschaften. Auch wenn ich selbst krank werde, gerate ich schnell in Gedanken, die nur zwei Möglichkeiten kennen: alles oder nichts. Ein kleiner gesundheitlicher Rückschlag wird dann sofort zur Angst vor dem Sterben. Ich merke, wie mein Kopf die schlimmsten Szenarien entwirft. Mit den Jahren habe ich allerdings gelernt, diesen Gedanken nicht mehr völlig ausgeliefert zu sein. Ich habe mir eigene Strategien entwickelt, kleine Mantras, die mir helfen, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Ich sage mir bewusst, dass es zwischen Schwarz und Weiß auch ganz viel Dazwischen gibt. Dass es Hoffnung gibt. Heilung. Dass die Dinge oft nicht so schlimm werden, wie meine Angst sie mir ausmalt. Das gelingt nicht immer sofort, aber immer öfter. Und vielleicht ist genau das der wichtigste Unterschied zu früher: Die Angst ist noch da – aber sie bestimmt nicht mehr allein mein Leben. Viele Menschen hätten an so einer Kindheit zerbrechen können. Was hat dir geholfen, weiterzumachen und zu dem Menschen zu werden, der du heute bist? Diese Frage habe ich mir selbst schon oft gestellt. Warum bin ich daran nicht zerbrochen? Eine eindeutige Antwort darauf habe ich bis heute nicht. Ein Psychotherapeut hat mir einmal etwas gesagt, das mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Er meinte, mein „Akku“ sei in den ersten Lebensjahren offenbar sehr positiv aufgeladen worden. Trotz allem, was später passiert ist, muss ich in meiner frühen Kindheit genug Liebe und Geborgenheit erfahren haben, damit tief in mir ein Grundvertrauen erhalten blieb. Dieser Gedanke hat mir geholfen, meine eigene Geschichte besser zu verstehen. Vielleicht gab es noch einen weiteren, eher ungewöhnlichen Grund. Durch den Verlust meiner Eltern und mein Leben im Internat bin ich um viele typische Konflikte der Pubertät mit dem Elternhaus herumgekommen. Das klingt zunächst seltsam, aber ich musste mich nicht täglich mit Regeln, Verboten oder familiären Auseinandersetzungen beschäftigen. Stattdessen war ich sehr früh gezwungen, Verantwortung für mich selbst zu übernehmen und konnte mir die Freiheit zu Träumen beibehalten. Und dann war da noch diese unglaubliche Freiheit. Während im Internat ein streng geregelter Alltag herrschschte, konnte ich an den Wochenenden und in den Ferien bei meiner Tante frei entscheiden, wie ich leben wollte. Diese Balance zwischen Struktur und Freiheit hat mir vermutlich sehr gutgetan. Ein weiterer wichtiger Baustein war die Kunst und Kultur. Schon als junger Mensch war ich immer von Menschen umgeben, für die Kreativität, Musik, Mode, Literatur oder Kunst selbstverständlich zum Leben gehörten. Das hat meinen Blick auf die Welt geprägt. Kunst war nie etwas Elitäres oder Abgehobenes, sondern immer eine Möglichkeit, Gefühle auszudrücken, Menschen zu begegnen und dem Leben einen Sinn zu geben. Rückblickend glaube ich, dass genau diese Mischung aus Freiheit, Eigenverantwortung und kultureller Inspiration dazu beigetragen hat, dass ich meinen Weg gefunden habe. Du bist in Ingolstadt geboren, warst dort auf dem Internat, jetzt lebst du mit deiner Familie in Eichstätt. Ist Heimat für dich ein Ort oder ein Gefühl? Diese Frage kann ich bis heute nicht eindeutig beantworten. Wahrscheinlich, weil Heimat für mich beides ist – ein Ort und ein Gefühl. Wenn ich durch Ingolstadt gehe, ist dort fast jede Straße, jedes Gebäude und jeder Platz mit Erinnerungen verbunden. Dort habe ich meine Kindheit erlebt, dort liegen die schönen, aber auch die schmerzhaften Kapitel meines Lebens. Ingolstadt ist deshalb ein Teil von mir geblieben. Es ist der Ort, an dem meine Geschichte begonnen hat. Gleichzeitig empfinde ich mein heutiges Leben ganz anders. Mein Zuhause in Preith und die Bildfläche in Eichstätt sind zu meinem Hafen geworden. Dort bin ich angekommen. Dort kann ich gestalten, Menschen begegnen und das tun, was mich erfüllt. Die Bildfläche ist für mich längst viel mehr als ein Arbeitsplatz. Sie ist ein Ort der Begegnung, der Kreativität und der Offenheit – ein Stück Heimat, das ich mir selbst geschaffen habe. Und dann gibt es noch eine dritte Ebene von Heimat: die Menschen. Meine eigentliche Heimat ist dort, wo meine Frau Eva, meine Tochter Mia und lange Jahre mein Stiefsohn Felix sind. Eva ist für mich der Fels in der Brandung, der Mensch, der mir Halt gibt und mit dem ich mein Leben teilen darf. Und Mia ist ein Geschenk. Durch das Scheitern meiner ersten Ehe – zu dem auch meine damalige Eifersucht beigetragen hat – hatte ich lange das Gefühl, das Glück, Vater zu sein, verloren zu haben. Umso dankbarer bin ich heute, dieses Vaterglück mit Mia erleben zu dürfen. Das ist etwas, das ich niemals als selbstverständlich empfinde. Vielleicht liegt genau darin die Antwort. Heimat ist für mich die

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