Ausgabejahr 27 | 09- 2026 Kostenlos zum Mitnehmen BASST SCHO! VON DER KUNST, SICH SELBST GUT GENUG ZU SEIN
Anzeige espresso 2 WIR SCHREIBEN GESCHICHTEN. Mediaberater (m/w/d) für die Anzeigenakquise im espresso Magazin gesucht. Kurzbewerbung an: Stefanie Herker, herker.s@espresso-mediengruppe.de Du bringst das Geld.
Die Menschlichkeit muss lauter sein. Trau dich. Plakate gegen Rechts • Gestaltung: Melissa Harms, Nele Schacht • www.verlagegegenrechts.de
26 08 INHALT 26 44 20 Foto: Melina Kutelas/Brandstätter Verlag 14 34 Foto: Herker Foto: Herker Foto: Herker Foto: Karin Heidmeier
5 www.mode-maltry.de Öffnungszeiten: Mo - Fr 9.30 bis 18.00 Uhr Sa 9.30 bis 16.00 Uhr B IANCA IN DEN NEUEN HERBSTTÖNEN WIR ERWARTEN SIE MIT NEUEN KOLLEKTIONEN Am Brunnenforum 1 ∙ 93333 Bad Gögging ∙ www.limes-therme.de Römer-Saunalandschaft Saunaerlebnis der Extraklasse LANGE SAUNANACHT bis 22 Uhr mit Spezialaufgüssen & kulinarischen Highlights 03. Oktober 05. Dezember DEUTSCHER SAUNA-BUND Anzeige
6 WEDDING PHOTOGRAPHY Stefanie Herker Instagram @stefanieandthelovers Mobil / WhatsApp 0176-61339756 Anzeige
7 Liebe Leserinnen und Leser, unser Körper ist unser Haus. Das einzige Haus, das wir ein Leben lang bewohnen. Dieses Haus leistet Unglaubliches jeden Tag und trotzdem behandeln wir es oft wie ein Projekt, das fertig werden müsste, noch nicht perfekt ist. Unser Magazinthema ist "Selbstliebe". Sie lauert in schönen Verpackungen, als Morgenroutine oder Serum, aber eigentlich meint Selbstliebe doch ganz was anderes. Und wenn man so in sein rechteckiges Fenster zur Welt schaut, wirkt es so, als wäre es nicht gewollt, dass wir uns bedingungslos in unserem "Haus" wohlfühlen. Was ich in den Gesprächen für diese Ausgabe immer wieder gehört habe: Nicht selten beeinflussen andere Menschen, wie wir unseren Körper wahrnehmen. "Zu flache Brüste", ein "dicker Hintern" - Solche Kommentare braucht kein Mensch. Manche begleiten uns viel länger, als diejenigen ahnen, die sie irgendwann einmal ausgesprochen haben. Nicht jeder hat so ein dickes Fell wie ich (Kunstfell-Jacke von Retzlaff Moden). Und es geht nicht immer nur um Äußerlichkeiten. In den vergangenen Wochen wurde mir in der Region zweimal mit der Polizei und einmal mit einer "Lektion" in der Donau gedroht. Wenn mich Menschen ohne Vorwarnung anschreien oder gleich mit der Polizei drohen, weil ich mit Fotoapperat auf der Straße stehe oder mit meinem Kind kurz auf einem Parkplatz stoppe, der mir nicht gehört, frage ich mich nicht, ob ich nicht schön genug bin, um nett behandelt zu werden. Eher, wie weit wir als Gesellschaft gekommen sind. Klar, es gibt Regeln, an die man sich halten sollte. Aber, ist ein "Würden Sie bitte zeitnah weiterfahren?" zu viel verlangt? Andernorts wird man zum Tee eingeladen. Wenn Menschen extrem unfreundlich sind, denke ich mir, sie sind vielleicht mit sich selbst unzufrieden. Dann hilft auch die beste Creme nicht. Wir können nicht bestimmen, ob sich jemand selbst mag, aber wir können beeinflussen, wie sich jemand nach einer Begegnung mit uns fühlt. Manchmal hilft Humor, manchmal ein Kompliment (für das schöne Haus zum Beispiel). Wenn wir einfach ein bisschen netter zueinander wären, müssten wir nicht so viel Geld für teure Seren ausgeben. Viel Vergnügen mit unserer "Du-bist-gut-genug-Ausgabe" wünscht Ihnen Stefanie Herker, Chefredakteurin SABINE KACZYNSKI WIR SUCHEN MEDIENBERATER (M/W/D) EVELIN RAFFALT MEDIENBERATERIN MOBIL: 0172/8533599 raffalt@espresso-mediengruppe.in SEBASTIAN BIRKL SONJA MELZER marketing teamespresso Outfit von Retzlaff Moden, Ingolstädter Straße 27 & 29, Pfaffenhofen, Tel. 08441 84887 retzlaff.moden@online.de Instagram @retzlaff_moden Stefanie Herker Foto: www.thorstenbrieger.com editorial
espresso 16 Outfits: IVA RYCH SLow Fashion Store, Bogdana Nuss, www.ivarych.de Location: TC Rot-Blau Regensburg e.V. Tasche: gesehen bei Moschino, gekauft bei Edeka Fotos + Interview: Stefanie Herker KATHY RESCH GAME. SET. BASST SCHO!
9 espresso Für die einen ist Selbstliebe ein Cocktail mit zuckersüßem Lavendelblütensirup, für manch andere eine neue Handtasche von Moschino im Klopapier-Style - für schlappe 1.050 Euro. Aus vermeintlicher Selbstliebe machen wir die seltsamsten Dinge. Das weiß auch die Beauty- und Fashionindustrie. Model und Event-Managerin Kathy Resch aus Regensburg ist eine, die nicht jeden Trend mitmacht, sondern die Dinge kritisch hinterfragt. Sie sagt von sich selbst: "Eine Beauty- oder Fashionqueen werde ich nie sein!" Sie verzichtet auf Parfum - vielleicht auch, weil ihr Lächeln mit knapp 40 immer noch süß genug ist. Mit ihrer leicht verrückten Art kommt sie trotz gelegentlichen Selbstzweifeln und unvermeidbarem Weltschmerz ganz gut durchs Leben. Wir waren mit ihr auf dem Tenniscourt und haben über Selbstliebe, Stoffwindeln und "das große Unbekannte" gesprochen. Kathy, du verdienst seit vielen Jahren Geld als Model, Moderatorin, Event-Managerin. Was fasziniert dich in dieser Branche und welche Eigenschaften haben dir geholfen, darin erfolgreich zu sein? Dass ich keine zurückhaltende Person bin, ist sicher von Vorteil. Ich bringe mich überall ein und sprudle vor Ideen. Ich kann mich ziemlich schnell auf neue Situationen einstellen und bin sehr offen für neue Herausforderungen. Mich fasziniert es immer, neue Firmen, Menschen und Werbestrategien kennen zu lernen und mich selbst immer wieder in anderen Rollen zu sehen. So viele Mädchen träumen davon, Model zu sein. Was glaubst du, sagt das über unsere Gesellschaft aus? Viele wollen berühmt sein, auf der Bühne stehen. Ich denke, das ist das große Unbekannte, was alle so anzieht. Die meisten glauben wahrscheinlich, dass sie dann glücklicher sind. Aber man kann einen Traumberuf, Traumhaus, Traummann, Autos, Geld usw. haben und trotzdem unglücklich sein. Die wenigsten Menschen blicken hinter die Kulissen und überlegen, was derjenige dafür durchlebt hat. Für mich ist es ein Beruf, bei dem man eben auf den Körper und das Aussehen reduziert wird, aber trotzdem gut darin sein muss. Darüber sind sich viele Leute gar nicht bewusst. Inwiefern hat sich die Modelbranche für dich in den letzten 15, 20 Jahren verändert? Welche Rolle spielt KI und die Wirtschaftskrise dabei aktuell in der Region? Früher haben schon AdobeStock-Fotos die Branche etwas angekratzt. Dann kamen Mädchen aus den umliegenden Ländern, die sich „günstiger“ angeboten haben. Jetzt gibt es harte Konkurrenz von Influencerinnen, die mittlerweile auch wissen, wie man sich vor der Kamera bewegen muss und gleichzeitig eine riesen Reichweite für Kunden aufbauen. Bezüglich KI sehe ich sehr große Probleme allgemein, dass Menschen nicht mehr unterscheiden, was ist mit Filter bearbeitet und was ist überhaupt noch echt. Die Branche geht dadurch komplett den Bach runter. Die Firmen wollen immer mehr sparen und wieso sich nicht ein Model bauen, die durch einen Knopfdruck in 20 verschiedenen Posen die neuen 50 Teile der Kollektion anzieht? Man spart sich viele Menschen, die normalerweise am Set sind. Für mich persönlich ist es erschreckend, dass die Menschheit sich aktuell mehr zu Digitalem anstatt zu echten Menschen hingezogen fühlt. Ich hoffe, wir erwachen irgendwann, weil wir soziale Wesen sind. Wird Selbstliebe noch wichtiger, wenn wir uns künftig nicht mehr nur mit anderen Menschen vergleichen, sondern mit „perfekten Illusionen", die überhaupt nicht existieren? Social Media tut da schon einen großen Teil dazu, dass viele das „Reallife“ einfach nicht mehr am Schirm haben und es interessanter finden, im Leben anderer fremder Menschen zu scrollen, anstatt in ihrem eigenen Leben anwesend zu sein. Es beginnt dabei schon mit dem abendlichen Scrollen neben dem Partner auf der Couch. Anstatt sich miteinander zu unterhalten, sieht man sich lieber Reels an, die einem die perfekte Beziehung zeigen. Dabei geht es für mich nicht nur um Selbstliebe, sondern auch um Zufriedenheit und bewusst an der Realität teilzunehmen. » Ich kämme mir die Haare, wasche mein Gesicht und nehme seit 30 Jahren eine einzige Feuchtigkeitscreme her. «
espresso 10 Wenn KI perfekte Schönheit erschaffen kann – verliert Perfektion dadurch vielleicht ihren Wert und das damit verbundene Interesse? Ich habe gelesen, dass die schönsten Menschen der Welt „einfach nur der Durchschnitt“ aller Gesichter der Welt sind. Jetzt hört sich Durchschnitt nicht mehr so besonders an oder? In den letzten Jahren sind bereits immer mehr People-Agenturen auf den Markt gekommen, bei denen Charaktere und Menschen, die dein Nachbar sein könnten, in die Kartei aufgenommen werden. Menschen, mit denen man sich identifizieren kann und sich somit der Marke näher fühlt. Wie abhängig war dein Selbstwert früher davon, gebucht zu werden? Vor allem als 15-Jährige hat man noch nicht das Selbstbewusstsein, sich so toll zu finden. Dabei gab es bei den ersten Shootings 1.000 Bilder von mir, bei denen ich mir aber nur auf zehn gefallen habe. Je erfahrener und besser ich wurde, desto mehr wusste ich mich ins beste Licht zu rücken und auf Sekunden vor dem Kunden abzuliefern. Man vergleicht sich trotzdem automatisch mit anderen, denn es gibt noch viele andere hübsche große, dünne Blondinen. Was mich damals, als ich noch hauptberuflich als Model unterwegs war, fertig gemacht hat war, dass ich es nicht in der Hand habe, ob mich jemand buchen will. Ich kann noch so tolle aktuelle Fotos haben, ich kann noch so gut arbeiten, aber letzten Endes sitzt der Kunde vor der Kartei mit 100 Blondinen und entscheidet, welche er davon gerade für sein Produkt sieht. Er kennt mich ja gar nicht. Er weiß nicht wie ich arbeite, wie sehr ich mich einbringe und der Charakter war am Schluss immer egal. Auch wenn ich mich blendend mit den Teams verstanden habe, zählte das kaum. Das war auch nach zwei Jahren als hauptberufliches Model für mich der Grund, wieder in einen normalen Beruf zurückzukehren. Ich wollte, dass Menschen sich mit mir unterhalten möchten und mich fragen „Wie war das Grillen am Wochenende?“ Ich wollte keine Eintagsfliege mehr sein. Ich wollte angesehen sein für etwas, das mit mehr Hirnschmalz zu tun hat, weil man leider auch (um es aus der andere Perspektive zu betrachten) nur als auswechselbare Hülle gesehen wird und recht schnell in eine Schublade gesteckt wird. Ich habe mich in den letzten Jahren viel mit Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt und erzähle jetzt erst offen, dass ich „Model“ bin. In den letzten 20 Jahren hab ich das immer verheimlicht in Freundeskreisen oder wenn ich neue Menschen kennengelernt habe. Anstatt stolz zu sein, hatte ich Angst, als dumm oder arrogant abgestempelt zu werden. Wenn du dich mit deiner 20-jährigen Version vergleichst. Wie hat sich dein Selbstbild in den letzten Jahren verändert? Die Erwachsenenwelt ist leider von viel mehr Verantwortung, Entscheidungen und ernsteren Themen geprägt. Mittlerweile mache ich mir sehr viele Gedanken ums Leben, die Liebe, Freundschaften, Medien und Politik, Pharma und Gesundheit, Kinder- und Tierleid, wie ich die Welt besser machen kann. Einerseits weiß ich jetzt, was ich will und wer ich bin, andererseits bin ich mittlerweile stark in den Kopf- anstatt den Herzmensch gerückt, was oft stundenlanges Gedankenkreisen verursacht. Die Weltprobleme einfach ihrem Schicksal zu überlassen und zu schauen, was ich in kleinen Wellen in meinem Umfeld bewegen kann, gelingt mir nur bedingt. Aber ich denke, wir können mit unserem eigenen Handeln und unserer Ausstrahlung etwas bewegen und schauen, wer sich davon inspiriert fühlt. Du wirst bald 40. Wie gehst du mit dem Älterwerden um? Könntest du dir vorstellen, irgendwann Botox spritzen zu lassen oder willst du natürlich altern? Da ich mich nicht fühle wie 40, und ich auch nicht aussehe, wie ich mir früher eine » Ich wollte keine Eintagsfliege mehr sein.«
19 Anzeige espresso Foto: Stefanie Herker » Ich habe mich in den letzten Jahren #viel mit Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt und erzähle jetzt erst offen, dass ich „Model“ bin. Anstatt stolz zu sein, hatte ich Angst als dumm oder arrogant abgestempelt zu werden. «
12 espresso 40-jährige Mama vorgestellt habe, ist es für mich in Ordnung. Ich habe sehr viel erlebt in den letzten 30 Jahren und bin froh über all meine Erfahrungen. Dennoch muss ich sagen, dass mir meine Falten schon oft auf den Keks gehen. Allgemein finde ich Falten nicht schlimm, sie gehören zum Leben dazu. Da ich mich aber bereits in meinem Leben wahrscheinlich auf über hunderttausend Bildern in allen Positionen und Winkeln gesehen habe, bin ich wahrscheinlich noch selbstkritischer, weil man jeden Zentimeter von sich kennt und dann auf Bildern sieht „Mist, das war mal anders!“ Allerings hätte ich viel zu viel Angst vor Botox. Ich bin allgemein eher der natürliche Mensch und schminke mich auch kaum mehr. Hast du jemals etwas an deinem Körper nicht gemocht? Tatsächlich mochte ich meine Oberweite nicht, als sie in der Pubertät bei allen zu wachsen begann. Das lag aber auch daran, dass mein Bruder und meine Kumpels mich immer als "Flachbrett" beleidigt haben und das in mir tiefe Wunden ausgelöst hat. Ich hab mich dann 2011, ganz allein, heimlich ohne dem Wissen von irgendjemandem dazu entschieden, mir die Brust „natürlich“ vergrößern zu lassen, habe meinen Eltern vorgespielt, ich wäre mit Gliederschmerzen und Grippe krank, um ein paar Tage nach der Operation meine Ruhe zu haben. Nicht für einen Job, nicht für einen Mann, sondern nur für mich. Ich hatte damals das Gefühl, dass ich dann mehr Frau wäre. Mir war es aber bereits auch damals wichtig, nicht wie eine operierte Barbie auszusehen, bei der zwei runde Teller wegstehen. Ich habe mich lange mit der Ärztin unterhalten, so wenig wie möglich, in natürlichster Form auszuwählen, weil ich nicht wollte, dass man es sofort sieht. Denn es war ja nur „für mich“. Ich hatte mich sogar entgegen der Meinung der Ärztin für noch weniger entschieden, als mir empfohlen wurde. Ich bin jedoch bis heute extrem glücklich damit. Auch, dass ich Stillen konnte, war mir damals bei der Entscheidung wichtig. Ich wollte keinerlei Einschränkungen für mein Leben. Was natürlich nach dem Stillen ein Vorteil war, weil „sie noch da sind“. Ich hatte jahrelang aber auch hier ein Problem, diese Operation zuzugeben. Auch hier wollte ich nicht bewertet werden, obwohl es einzig und allein meine Entscheidung war. Crazy oder? Selbstliebe bedeutet auch seine Schattenseiten anzunehmen. Social Media zeigt uns aber immer wieder, wie wir uns weiter perfektionieren können. Wie gehst du damit um und wann würdest du sagen, wird Selbstoptimierung zum Gegenteil von Selbstliebe? Ich liebte es von Anfang an auf meinen Social-Media-Kanälen für gute Laune zu sorgen und das echte Leben zu zeigen. Der Trend „Instagram vs Real-Life“ wurde dankbarerweise auch immer beliebter. Denn jeder sieht morgens nach dem Aufwachen nicht grad wie für den Red Carpet aus, jeder hat keinen perfekt dekorierten Teller zum Frühstück vor sich, bei jedem liegt was daheim rum, jeder hat mal nen Durchhänger – ist grantig oder weint, jeder hat mit denselben Herausforderungen in der Beziehung zu kämpfen, jeder hat Probleme - was aber alles nicht schlimm ist, sondern das normale Leben. Für mich ist es tatsächlich schwierig, den Grad zwischen sich gehen lassen und zufrieden zu sein zu finden. Genauso wie zielstrebig und mit Leidenschaft an sich und seinem Leben zu arbeiten oder auch hier sich zu denken, jetzt muss es auch mal wieder gut sein. Das muss wohl jeder mit sich selbst vereinbaren, da die eigene Entwicklung ja nur positiv ist, aber es im „übertriebenen Maße“ auch zum Unglücklichsein verdonnern kann. Outfits: IVA RYCH SLow Fashion Store, www.ivarych.de / Fotos: Stefanie Herker Mehr über Kathy auf Instagram: @kathy_resch
13 espresso Hast du Beauty-Routinen, die dir gut tun? Achtest du auf deine Ernährung? Also eine Beauty- oder Fashionqueen werde ich niemals sein. Ich kämme mir die Haare, wasche mein Gesicht und nehme seit 30 Jahren eine einzige Feuchtigkeitscreme her. Ich lege sehr viel Wert auf natürliche Kosmetik ohne Chemikalien, das ist mein Fokus. Ohne Tierleid, ohne krebserregende Stoffe, nachhaltig produziert. Ich liebe meine Duschseife und mein natürliches Shampoo, mineralbasierte Sonnencreme. Ich nutze kein Parfüm oder pflastere mein Gesicht mit Makeup zu. Ich denke schon sehr lange, der Körper ist das Einzige, was wir haben, wir müssen also entscheiden, wie wir mit ihm umgehen. Aus ethischen Gründen bin ich Vegetarierin, achte darauf, woher mein Essen kommt, was ich für Kleidungsmaterialien anziehe, welche Schuhe, welche Medikamente nehme ich überhaupt zu mir, welches Wasser trinke ich, welche Strahlungen ich mich umgebe, wie bewege ich mich, bin ich genug an der frischen Luft? Genau das ist es, worin ich mich in den letzten 15 Jahren immer mehr spezialisiert habe. Ich versuche mein Leben von äußeren schlechten Einflüssen abzuschirmen. Dazu habe ich recherchiert, um für mich und meine Familie die besten Lösungen zu finden. Mein Sohn hat bis heute kein einziges Mal ein Shampoo oder eine Bodylotion benutzt, kein Medikament, keinen Schnuller, nur Stoffwindeln. Er trägt nur Barfußschuhe, kennt keine Schokolade oder Gummibärchen. Er schaut auch kein Fernsehen. Ich weiß, wofür es gut ist. Jeder muss mit seinem Schicksal und seinen Entscheidungen leben. Lustig ist aber, dass Gesundleben heutzutage immer noch etwas Negatives ist und die Gesellschaft es eher akzeptiert, wenn man mit der Menge schwimmt. Wie bringst du deinem Kind Selbstliebe bei, wenn die Welt gleichzeitig ständig sagt: Du könntest noch besser sein? Ich arbeite seit dem 2. Lebensjahr meines Sohnes beim Einschlafen mit Affirmationen. „Ich bin klug, ich bin mutig, ich bin stark, ich bin lustig, ich bin lieb zu Menschen, Tieren und Pflanzen. Ich bin gut, so wie ich bin, ich bin stolz auf mich“, „Du kannst mir immer alles sagen, ich bin immer für dich da, ich liebe dich!“ Worte können viel verändern und es ist wichtig, das wir unseren Kindern in unseren Taten ein Vorbild sind. Wir lieben es im Alltag zu blödeln, wir schreien nicht und haben gegenseitig Verständnis für alle Launen. Ich sage meinem Kind auch, dass es okay ist, anders zu sein. Jeder Mensch ist gleich wertig, egal ob dick oder dünn, mit Behinderung oder mit anderer Hautfarbe. Wenn du Zeit für dich allein hast, was machst du dann am liebsten? Ich liebe es unter Menschen zu sein, zu lachen und zu ratschen, Momente gemeinsam zu sammeln, eine gute Zeit zu haben. Egal ob beim Essen, am Lagerfeuer, in der Achterbahn, beim Wandern oder beim Salsa tanzen. Meditationen, Mandala malen, Yoga, lesen, Barfuß spazieren, Hobbygärtnern - auch das gibt Zufriedenheit, ohne immer etwas tun zu müssen. Aber ich gebe zu, "nichts tun" fällt mir wirklich noch sehr schwer. Aber das ist völlig okay. Du nennst dich selbst „Crazy Model“. Was ist das Verrückteste, das du je gemacht hast? Wo soll ich da anfangen? Ich habe schon die verrücktesten Shootings gemacht. Ein Fantasy- Shooting als Kriegerin und Adler bei Minusgraden im Schnee oder aber ein Shooting vor einem fliegenden Hubschrauber. Mit 40 Grad Fieber habe ich ein Fashion-Shooting auf Mallorca durchgezogen und auf dem längsten Laufsteg der Welt - durch den Europapark bei 40 Grad im Schatten - bin ich in ungetragenen Highheels gelaufen. Ich wollte schon fast einmal ein Buch mit den Modeljobs und „Behind the scenes“-Fotos sowie Geschichten herausbringen, weil hinter jedem Bild eine Geschichte steckt. Von verwahrlosten Orten und Treffen in der Pampa. Von spontanen Situationen, wie einer Moderation mit Jorge Gonzales auf dem Laufsteg, bis hin zur Überwindung meiner Angst vor Pferden durch ein Shooting auf dem Rücken von Pferden. Was findest du an dir selbst ziemlich geil – ganz ohne falsche Bescheidenheit? Meine extrovertierte, lustige, quirlige, leidenschaftliche Art bringt mich dazu, über den Tellerrand zu blicken, viele Menschen kennenzulernen und somit auch viel Wunderbares in der Welt zu entdecken. Die Beauty-Industrie verdient an unseren Selbstzweifeln. Wie stellst du dir eine Gesellschaft voller Menschen vor, die sich wirklich selbst mögen, ohne den ständigen Drang nach Selbstoptimierung, Masken und Filtern? Ich denke, es wäre schon ein großer Schritt, wenn die Beauty-, Bekleidungs-, Pharma- und Lebensmittelindustrie aufhören würde, uns Ungesundes zu verkaufen. Allein dadurch würden wir uns alle wohler und gesünder fühlen. Es wäre dann natürlich umso schöner, wenn wir alle endlich aufhören würden, uns gegenseitig zu bewerten und verurteilen. Wenn jeder ein halbwegs guter Mensch ist und sich mit seinem Leben wohl fühlt, dann muss man den Fokus auch gar nicht mehr so in die Außenwelt legen. Für mich macht es auch viel aus, was andere vorleben, wenn der Trend wieder Richtung ungeschminkt und natürlich geht, wird die Schafsherde dem auch wieder nachlaufen.Deswegen wäre es so schön, wenn Menschen, die etwas beeinflussen können, wie Eltern, Umfeld und auch Prominente/ Influencer es anders vorleben würden. Die Medien müssten Tatsachen zeigen und groß markieren, wenn etwas verändert wurde. Die Natur und Tierwelt macht es uns vor, die brauchen uns, die digitale Welt und äußere Einflüsse nicht, sie funktionieren und harmonieren. Nur der Mensch muss sich leider überall einmischen. Haben Selbstzweifel überhaupt etwas mit äußerer Schönheit zu tun? Was möchtest du Menschen sagen, die große Selbstzweifel haben? Jeder sollte sich bewusst werden, was er wert ist. Ich mache dafür einfache Übungen: Schreibe dir auf einen großen Zettel, was du an dir magst. Was hast du schon erreicht? Was hast du alles? - Ein Dach über den Kopf, etwas zu essen, Menschen um dich. Das sind ganz einfache, leider viel zu selbstverständliche Dinge. Was auch schön ist, frage fünf Freunde unabhängig voneinander, was sie an dir mögen. Klingt komisch und fühlt sich irgendwie doof an, aber es ist so schön, was man da liest. Auch tägliche positive Affirmationen im Spiegel morgens und abends bewirken sehr viel! Die Frage, die man sich dabei stellen sollte: Wie kann ich von jemandem als "gut" empfunden werden, wenn ich es selbst nicht tue? Wie soll mich jemand bei einem Job einstellen, wenn ich selbst nicht von mir überzeugt bin? Welche Ausstrahlung habe ich auf das andere Geschlecht, wenn ich mich selbst nicht schön finde? Jeder von uns ist anders. Jeder hat seinen Körper, sein Leben, seinen Charakter, sein Umfeld – jeder ist einzigartig, das ist das Wunderbare an uns Menschen, wir ergänzen uns. Individuell zu sein und zu seinem besten Selbst zu werden, ist die wahre Schönheit. Nicht einer von tausend sein zu wollen. Du bist du – und so bist du genau richtig!
Nathalie Argus » Selbstliebe ist für mich auch ein politisches Statement. Frauen lernen in unserer Gesellschaft oft, sich für andere aufzuopfern und gefallen zu wollen. Gleichberechtigung zeigt sich auch darin, ob Frauen ihre Bedürfnisse ernst nehmen, Grenzen setzen und Raum für sich beanspruchen. Meine eigenen Schwächen zu akzeptieren, Nein sagen zu können und gut für mich selbst zu sorgen, gehört für mich dazu. « SELBSTLIEBE. DIE KUNST DER WIE GUT SIND WIR ZU UNS SELBST? IM GESPRÄCH MIT MENSCHEN AUS DER REGION. Fotos und Interviews: Stefanie Herker
15 espresso Nathalie Argus ist verheiratet, hat einen tollen Job als Nachhaltigkeitsmanagerin bei Audi und sitzt seit kurzer Zeit im Ingolstädter Stadtrat. Aber ist sie auch selbst zufrieden mit ihrem Leben? Mit der Aufgabe "Wer bist du?" sollte uns die 34-Jährige anhand von Gegenständen zeigen, was ihr wichtig ist, was sie für ihr Wohlbefinden braucht und was sie charakterisiert. Im Gespräch verrät sie uns mehr über ihre Selbstwahrnehmung, ihre Erwartungen an sich selbst und was sie früher gerne an sich ändern wollte. Was bedeutet Selbstliebe für dich? Mich selbst erst mal so gut es geht zu kennen und damit auch die Upsides und Downsides meiner Charaktereigenschaften zu kennen. Und darauf aufbauend dann die Seiten an mir zu schätzen, die ich für Stärken halte und aber auch meine Schwächen ehrlich zu akzeptieren. Gleichzeitig manches an mir bewusst weiterzuentwickeln und auf diese Entwicklungen auch stolz sein zu können. Ein Beispiel: Ich bin jahrelang aus Angst um meine Frisur ohne Helm in der Stadt gefahren. Natürlich ist das nicht gerade clever. Mittlerweile habe ich es geschafft, mehr auf meine Sicherheit zu achten und mich weniger darum zu scheren, ob meine Haare danach noch perfekt sitzen - auch eine Weiterentwicklung! Zur Selbstliebe gehört für mich auch, meine Werte und meine Bedürfnisse zu kennen und danach auch zu handeln und wenn nötig, auch Grenzen zu setzen. Das kann auch heißen, Pausen zu machen und mir selbst was zu gönnen: zum Beispiel einen Blumenstrauß zu kaufen. Hat zwar keinen Nutzen, finde ich aber schön. Oder Musik von der Schallplatte zu hören, ist zwar umständlich, aber entspannt. Selbstliebe ist für mich auch ein politisches Statement. Frauen lernen in unserer Gesellschaft oft, sich für andere aufzuopfern und gefallen zu wollen. Gleichberechtigung zeigt sich auch darin, ob Frauen ihre Bedürfnisse ernst nehmen, Grenzen setzen und Raum für sich beanspruchen. Meine eigenen Schwächen zu akzeptieren, Nein sagen zu können und gut für mich selbst zu sorgen, gehört für mich dazu. Wenn du dir selbst ein Kompliment machen müsstest, welches wäre das? Für den Mut, den ich aufbringe, mich immer wieder in neue Herausforderungen zu stürzen und mich auf (für mich) unbekanntes Terrain zu wagen. Welche Erwartungen an dich selbst würdest du gerne loslassen? Ich setze mir eigentlich Ziele, die gut zu mir passen, meine persönliche Weiterentwicklung fördern und die ich grundsätzlich gerne verfolge. Was ich aber gerne loslassen würde, ist der häufige Zweifel, wie ich und wie meine Entscheidungen, mein Auftreten, mein Handeln auf andere wirken. Das würde mir einiges an mentaler Kapazität sparen. Yoga hilft mir mehr im "Innen" als im "Außen" zu sein. Welchen Einfluss hat Social Media auf deine Selbstwahrnehmung? Zum Glück sehr wenig, weil ich die Inhalte eher mit Distanz anschaue. Ich nutze Instagram für News, Veranstaltungen und Einblicke, die ich ansonsten nicht mitbekommen würde. Aber die starke Inszenierung vieler Inhalte erzeugen ein verzerrtes Bild von Alltag, von Körpern oder von Erfolg, auch von Politik. Ich folge deshalb vor allem Menschen, die mehr Realität abbilden, auch Unsicherheiten und Widersprüche zeigen, einfach, weil ich das echte Leben interessanter finde. Gibt es etwas, das du früher an dir ändern wolltest, jetzt aber anders siehst? Ich dachte, gerade am Anfang meines Berufslebens, dass ich mich an Organisationen, Rollen und bestimmte Situationen besonders gut anpassen muss, um erfolgreich zu sein. Dahinter steckte die Annahme, dass ich dann „weiter“ komme, wenn ich bestimmte, erwartete Verhaltensweisen im Job - oder auch in der Politik - erfülle. Es ist ein andauernder Prozess, aber mittlerweile sehe ich das anders. Ich kann am meisten beitragen und meine beste Leistung bringen, wenn ich authentisch bin. Wenn ich Regeln und Gewohnheiten hinterfragen kann, weil sie mir dysfunktional oder unlogisch erscheinen. Eigentlich klar: wenn man immer nach den alten Spielregeln spielt, können sich Systeme ja nicht ändern. Das irritiert Menschen in manchen Kontexten und ich mache mich angreifbar. Trotzdem: dort, wo es funktioniert, kann ich dafür umso wirksamer sein. Welche Seite von dir kennen die Wenigsten? Die Wenigsten wissen, dass meine Muttersprache pfälzisch ist und ich - dank meiner früheren Dauerkarte in der Westkurve - sämtliche Fan-Lieder des 1. FC Kaiserslautern auswendig kann. Worauf bist du stolz? Was mich immer sehr stolz macht sind Momente, in denen ich körperlich und mental an meine Grenzen gekommen und trotzdem weiter gegangen bin. Also nach anstrengenden Rad- oder Wandertouren: Die Alpen mit dem Fahrrad zu überqueren zum Beispiel, oder nach einer 4-tägigen Wanderung in Nepal auf 5000m Höhe zu stehen. Natürlich auch auf Meilensteine wie meinen berufsbegleitenden Master-Abschluss. Daran erinnert mich zum Beispiel meine Uhr, die ich mir danach selbst geschenkt habe. Aber vor allem bin ich darauf stolz, dass ich mein Leben bisher so gestaltet habe, dass sich eigentlich immer noch mehr Möglichkeiten und Perspektiven eröffnen. Ich bin froh darüber, dass ich gesellschaftliche Erwartungen und Normen zumindest ein Stück zur Seite schieben kann und Entscheidungen meist so treffe, wie ich persönlich sie für richtig halte. Was ist für dein Wohlbefinden unverzichtbar? Genug Schlaf, mein Mann, meine Familie und Freunde, Besuche in der Heimat, gute Gespräche. Eine gut sortierte To-Do-Liste und einen gepflegten Kalender, Pausen, Humor, Bewegung in der Natur, z.B. Fahrrad, Laufen, Wandern, am liebsten im Wald und zum Ausgleich Wellness. Was verzeihst du anderen leichter als dir selbst? Ich bin total entspannt, wenn andere Menschen unpünktlich sind oder Termine mit mir verschieben müssen, weil etwas dazwischen kam. Wenn mir so etwas passiert und ich andere warten lasse oder Verabredungen schiebe, habe ich ein total schlechtes Gewissen. Welchen Rat würdest du Menschen geben, die mit sich hadern? Sei authentisch und verbieg dich nicht für andere. Das ist das beste Geschenk, das du dir machen kannst. » Ich kann am meisten beitragen und meine beste Leistung bringen, wenn ich authentisch bin. «
espresso Anzeige 1
espresso LeMwiaknedowski "Im nächsten Leben werde ich Interieur Designer oder Florist", stellt der Friseur Mike Lewandowski aus Ingolstadt klar und begründet das mit seiner Deko-Leidenschaft. Bis dahin genießt er aber erst einmal das aktuelle Leben mit seiner Frau und seinen Kindern und sorgt für Kreativität auf dem Kopf seiner Kundinnen und Kunden. Wir haben ihn getroffen und sprechen mit ihm über sein Selbstbild, was Selbstliebe für ihn konkret bedeutet und was er anderen leichter verzeiht, als sich selbst. Für alle, die dich nicht kennen: Wer bist du? Ich bin selbstständiger Friseur aus absoluter Leidenschaft, interessiere mich für Mode und habe ein gutes Händchen für Einrichtung und Deko. Ich bin sehr humorvoll, aber nicht immer der geselligste Typ. Wenn ich etwas mache, dann mit Herz und voller Überzeugung. Und das wichtigste: Ich bin mit meiner Frau jetzt zehn Jahre verheiratet und bin Vater von den für mich großartigsten Kindern. Was bedeutet Selbstliebe für dich? Selbstliebe bedeutet für mich, mich selbst auch mal zu priorisieren und bewusst etwas nur für mich zu tun. Dafür müssen es gar keine großen Dinge sein – ein warmes Bad, schönes Essen, eine Massage oder einfach nur ein Spaziergang am Abend. Einfach kleine Auszeiten, in denen es bewusst nur um mich geht; was natürlich in meiner aktuellen Lebenslage mit zwei kleinen Kindern und eigenem Salon - wie für viele andere berufstätige Eltern auch - viel zu kurz kommt. Wenn du dir selbst ein Kompliment machen müsstest, welches wäre das? Eigenlob ist eigentlich nichts für mich. Aber ich bin froh über meine kreative Ader. Sie hat mir letztendlich sehr geholfen, dass ich jetzt da bin, wo ich bin. » Die Erwartung an mich selbst, immer funktionieren zu müssen und alles unter Kontrolle haben zu müssen (das würde ich gerne loslassen). « Welche Erwartung an dich selbst würdest du gerne loslassen? Die Erwartung an mich selbst, immer funktionieren und alles unter Kontrolle haben zu müssen. Und wo würdest du dich gerne öfter überwinden? Den richtigen Moment zu erkennen, wann es besser wäre, einfach mal den Mund zu halten. Oder wenn es richtig ist, ihn aufzumachen, um „laut“ zu werden. Welchen Einfluss hat Social Media auf deine Selbstwahrnehmung? Ich versuche auf meinen eigenen Accounts möglichst authentisch und real zu sein und merke trotzdem, wie Social Media mich beeinflusst. Perfekte Körper, Trends – man vergleicht sich automatisch mit einem Bild, das nichts mit der Realität zu tun hat. Gibt es etwas, das du früher an dir ändern wolltest, jetzt aber anders siehst? Früher wollte ich eigentlich nicht großartig auffallen – was mir als Kind schon nicht gelungen ist, weder positiv noch negativ. Heute finde ich es gut, nicht ganz normal oder gewöhnlich zu sein. Je älter ich werde, desto mehr schätze ich es einfach ICH zu sein. Ich hoffe, ich kann meinen Kindern mitgeben, dass sie nicht sein müssen wie alle anderen. Und, dass sie irgendwann verstehen, dass genau die Dinge, die sie heute vielleicht an sich selbst nicht mögen, später einmal das sein können, was sie besonders macht. Welche Seite von dir kennen die Wenigsten? Ich bin ein ziemlich offenes Buch, was mich persönlich angeht! Ich verstelle mich nicht, ich habe nichts zu verheimlichen und wer mich kennt, kennt alle Seiten von mir – die guten genauso wie die weniger guten. Worauf bist du stolz? Ganz klar – auf meine Kinder. Tag für Tag zu sehen was das für tolle Menschen sind. Was ist für dein Wohlbefinden unverzichtbar? Für mein Wohlbefinden brauche ich eigentlich nicht viel: Gesundheit, Sonne. Meine Kinder und gutes Essen genießen. Eine Million auf dem Konto würde mein Wohlbefinden natürlich nochmal deutlich steigern, aber man darf ja noch träumen. Was verzeihst du anderen leichter als dir selbst? Bei anderen kann ich akzeptieren, wenn nicht alles perfekt läuft. Bei mir selbst ärgert es mich, wenn ich weiß, ich hätte es besser machen können.
espresso Anzeige Manuela Müller » Meine verstorbene Ersatzmama hat mal gesagt „Wenn man sich schlecht fühlt, sollte man wenigstens gut aussehen.“ Das funktioniert erstaunlich gut. Dazu Musik und darauf tanzen!« Auch für Manuela lautete die Aufgabe "Zeig uns, wer du bist - anhand von Gegenständen aus deiner Wohnung".
19 espresso Manuela Müller ist in der Region keine Unbekannte. Als Moderatorin für tv.ingolstadt setzt sie gern auf eine Prise Humor. Sie liebt Feste wie den Barthelmarkt und das Griesmüller Bier. Diese Leichtigkeit ist allerdings nur ein Teil ihres Lebens. Als Vollwaise mit Heimvergangenheit kämpft sie auch heute noch in manchen Stunden gegen die Einsamkeit. Wir haben sie Zuhause besucht. Für alle, die dich nicht kennen: Wer bist du? Mein Name ist Manuela Müller, 36 Jahre. Ich bin Reporterin beim Ingolstädter Fernsehen, Ingolstädterin mit Leib und Seele, Hundemama von Lou, einem 6-jährigen Labrador-Rüden. Ich liebe meinen Job und verbinde diesen gern mit meinen persönlichen Interessen. Das heißt neben den ernsten Themen im Stadtrat berichte ich mit besonderer Begeisterung über die tollen Feste in Ingolstadt und der Region. Ich arbeite nebenbei in der Gastro und bin gern unter Menschen. Ich habe angefangen freiberuflich Events aller Art zu moderieren - man kann mich also buchen. Ich singe gern an Karaoke-Abenden im Shamrock oder im Diagonal, habe die Quiz-Nights im Kiesch für mich entdeckt und sonst tanze ich gern. Zum Einschlafen schaue ich gerne Krimis aller Art und Superhelden-Filme. Was mich stark geprägt hat ist meine Vorgeschichte als ehemaliges Heimkind. Ich habe elf Jahre im Peter-Steuart-Haus in Ingolstadt gelebt. In meiner Kindheit habe ich Gewalt und Alkoholmissbrauch in der Familie erfahren. Im Kinderheim durfte ich zur Ruhe kommen, meine Wurzeln schlagen und mich selber finden. Wenn ich mich heute beschreiben müsste, dann als bunt, laut, selbstbewusst, spontan, offen für Neues. Ich schätze mich als sehr reflektiert und lösungsorientiert ein, als kreativ, chaotisch, quirlig, lebensfroh, mit einem Hang zur Selbstzerstörung, sehr empathisch, gerechtigkeitsliebend und manchmal auch zu temperamentvoll. Was bedeutet Selbstliebe für dich? Selbstliebe heißt für mich, sich selbst so zu akzeptieren, wie man ist. Die eigenen Stärken wahrzunehmen und selbst zu pushen. Rückschläge zu meistern und nicht daran kaputt zu gehen. Sich vor möglichen Gefahren der Außenwelt oder dem inneren Schweinehund so gut es geht zu schützen. Für sich selbst einzustehen, wenn jemand mir Steine in den Weg legt. Ich bin und war viel auf mich allein gestellt und deswegen ist es für mich auch eine Art Kampf, den ich jeden Tag kämpfe. Ich kann nicht an jedem Tag einen Sieg verbuchen. Aber auch das ist ok. Die Welt dreht sich weiter. Wenn du dir ein Kompliment machen müsstest, welches wäre das? „Ich bin stolz auf mich“ – leider fühle ich das nicht immer, wenn nicht sogar zu sagen, dass ich das eher selten fühle. Warum? Weil das, was ich erreicht habe, für mich wie selbstverständlich wirkt. „Ich hatte ja keine andere Wahl“, denke ich mir oft, wenn Freunde meinen Lebensweg bewundern. Welche Erwartungen an dich selbst würdest du gerne loslassen? Den falschen Menschen gefallen zu wollen. Das ist über die Jahre schon viel besser geworden, aber in gewissen Bereichen immer noch ein Thema. Und ich wünschte, es würde mir weniger ausmachen, dass ich immer noch nicht in einer festen Beziehung angekommen bin und auch noch keine eigene Familie habe. Dass ich mich dahingehend weniger mit meinem Freundeskreis vergleiche. Wo das herkommt, weiß ich natürlich. Welchen Einfluss hat Social Media auf deine Selbstwahrnehmung? Ich habe allein jobbedingt viel damit zu tun und freue mich natürlich, wenn etwas gut ankommt. Natürlich schaue ich auch nach, wie viele Likes ein Selfie von mir bekommen hat. Aber ich definiere meinen Wert nicht über andere. Auf der anderen Seite hatte ich bisher auch das Glück, dass ich selbst keinem Hass ausgesetzt bin. Ich möchte nicht ausschließen, dass mich sowas im ersten Moment schon ziemlich treffen würde. Gibt es etwas, dass du früher an dir ändern wolltest, jetzt aber anders siehst? Als Jugendliche wurde ich beispielsweise gehänselt, weil ich einen großen Hintern hätte. Den fand ich dann dementsprechend nicht gut. Heute bin ich sehr stolz auf meine Kurven. Welche Seite von dir kennen die Wenigsten? Ich habe nach wie vor depressive Phasen, in denen einfach alles zu viel ist und ich vor lauter Überforderung nicht weiß, welches Problem ich zuerst angehen soll. Das passiert nicht oft und wenn, dann schleichend. Nach Außen hin merken die Menschen das nicht, höchstens die, die mir sehr nah stehen, aber selbst da schaffe ich es ganz gut, das zu verbergen. Weil ich nach Außen hin alles unter Kontrolle haben muss und möchte, eskaliert das dann an anderer Stelle, je nachdem, wie schlecht es mir tatsächlich geht. Beispielsweise schaffe ich es in der Zeit nicht meinen Haushalt zu regeln. Meine Wohnung ist insgesamt ein sehr intimer Bereich, mein seelischer Spiegel, meine Ruhe-Oase. Ich habe deswegen kaum Besuch - nur besondere Menschen oder Anlässe. Auf der anderen Seite schaffe ich es meistens aus so einem Tief wieder alleine heraus. Und wenn nicht, weiß ich, wen ich fragen darf! Ich liebe meine Freunde und bin sehr dankbar für alle. Worauf bist du stolz? Im Prinzip darf ich stolz darauf sein, dass ich trotz meiner schwierigen Kindheit so einen Werdegang hingelegt habe. Dass ich diese Dinge nahezu ohne Hilfe allein geschafft habe. Mich in schwierigen Phasen immer wieder allein aufrappeln kann, Schicksalsschläge weggesteckt habe und immer wieder einen Weg gefunden habe, meine Träume zu verwirklichen. Ich bin auch stolz auf Lou, meinen Hund. Er ist alles für mich. Gerade zur Pandemie war er lebensnotwendig und auch heute ist er das empathischste Wesen, das ich kenne. Er ist in jeder Situation für mich da. Ich bin stolz auf mein Team in der Arbeit. Auf das, was sie tagtäglich leisten, wie sie mich unterstützen. Ich bin stolz auf meine Stadt. Auf den Zusammenhalt der Schanz und ich bin stolz auf meine Freunde. Was ist für dein Wohlbefinden unverzichtbar? Lou, mein Hund. Meine Freunde. Finanzielle Stabilität. Ein gutes Klima in der Arbeit. Regelmäßig draußen unter Menschen sein. Hin und wieder mal sich was gönnen (Friseur, Tattoo, Urlaub, Shoppen etc). Meine verstorbene Ersatzmama hat mal gesagt „Wenn man sich schlecht fühlt, sollte man wenigstens gut aussehen.“ Das funktioniert erstaunlich gut. Dazu Musik und darauf tanzen! Was verzeihst du anderen leichter als dir selbst? Wenn etwas nicht klappt, obwohl es eigentlich so simpel wäre. » In meiner Kindheit habe ich Gewalt und Alkoholmissbrauch in der Familie erfahren. Im Kinderheim durfte ich zur Ruhe kommen, meine Wurzeln schlagen und mich selber finden. «
1 ALLES GUT? Selfcare liegt seit einigen Jahren im Trend. Statt um Gesichtsmasken und Wellness geht es heute oft um Schlaf, mentale Gesundheit, Bewegung und bewusste Pausen. Aber der Social-Media-Hype hat auch Schattenseiten. Sophia D. Sommar über die Fallen im Selfcare-Trend. Interview: Sebastian Birkl
21 espresso Frau Sommar, Sie können dem Selfcare-Trend nicht nur positive Seiten abgewinnen, sondern sehen dabei auch Fallen. Welche meinen Sie? Das stimmt. Es ist zwar wirklich toll, dass sich immer mehr Menschen damit beschäftigen, wie sie sich selbst etwas Gutes tun und ihr Wohlbefinden fördern können, nur sollte man sich dabei eben auch ein paar Fallen bewusst sein. Oft geht Selfcare ja mit dem Wunsch einher, sich besser zu fühlen und auch etwas zu verändern. Das kann dann schnell zu Druck der Selbstoptimierung ausufern. Sicher kann oder sollte man sich sein Leben lang weiterentwickeln, aber aus einem natürlichen Fluss, nicht aus einem Perfektionsstreben. Auch etwas durchaus Positives wie Sport oder gesunde Ernährung kann zwanghaft werden. Auch besteht die Gefahr, immer den nächsten Schritt erreichen zu wollen und dann nie mit seinem jetzigen Zustand zufrieden zu sein, aber genau darum geht es ja eigentlich. Den Moment mit sich zu genießen, sich etwas Gutes zu tun, wovon unser inneres Sein genährt wird. Und das muss man sich auch nicht erst verdienen, denn es herrscht oft das Motto, wenn ich dies und jenes geschafft habe, dann gönn ich mir die Pause, die ich eigentlich jetzt dringend notwendig hätte. Selfcare bedeutet, auf die innere Stimme zu hören, wann etwas gut für einen ist, und dem zu folgen. Nicht wissentlich in destruktiven Umständen auszuharren und nach langem Warten sich eine Wohltat zu genehmigen, die dann quasi alles wieder ausbügeln soll. Ein anderer Punkt ist auch noch die Identifikationsfalle. Wenn man ein Ritual gefunden hat, das einem gut tut und man dies auch regelmäßig praktiziert, kann es mit dem eigenen Wohlbefinden gleichgesetzt werden oder sogar Teil der persönlichen Identität werden. Dann wird das Wohlbefinden oder sogar die Persönlichkeit also abhängig vom Ritual, was beim Ausbleiben dessen natürlich negative Auswirkungen hat. Wenn wir uns nicht gut fühlen, liegt das daran, dass wir aus der Balance geraten sind und dass unser äußeres Leben nicht mit unserem inneren Sein harmoniert. In der heutigen Gesellschaft leben wir überwiegend im Außen, weshalb viel Leid entsteht, weil das Innere vernachlässigt wird. Das geschieht jedoch unbewusst. Menschen suchen dann also nach etwas, wodurch sie sich besser fühlen, und oft ist auch die Intention, das Innere zu nähren, da, aber dann kommen Werbeversprechen um die Ecke und verkaufen dir den Superboosterzaubertrank für deine Morgenroutine, der dich superenergetisch und schlank macht und dann geht es doch wieder ums Außen und um Konsum. Was hat Sie dazu gebracht, sich mit diesem Thema zu beschäftigen? Ich habe viele Jahre mit Depressionen gekämpft und war immer auf der Suche nach Antworten, warum es mir so schlecht ging und natürlich auch, wie ich endlich aus dieser dunklen Schlucht wieder herausfinden kann. Dafür hat es dann doch etwas mehr als nur ein bisschen Selfcare im Sinne von einer guten Tasse Tee, Yoga und Achtsamkeit gebraucht, aber trotzdem waren das durchaus hilfreiche Werkzeuge auf meinem Weg. Zusätzlich entscheidend war für mich das umfassende Verständnis der psychischen Muster, in denen ich gefangen war, damit ich mein Leben in verschiedenen Bereichen so verändern konnte, dass ich es heute in Harmonie mit meinen wichtigsten Bedürfnissen führen kann. Aber letztendlich ist all das, auch das Wissen, das ich erworben und angewandt habe, dann trotzdem nichts anderes als Selbstfürsorge. Gibt es einen Moment, in dem Ihnen aufgefallen ist, dass Selfcare auch problematische Seiten haben kann? Ja, definitiv. Zum einen habe ich erlebt, wie Menschen Selbstfürsorge mit Egoismus verwechselt haben und dadurch im Endeffekt wieder mehr Leid durch Konflikte als Wohlbefinden geerntet haben. Zum anderen ist natürlich auch der Verkaufswelt der Selfcare-Trend nicht entgangen, und neben tollen Angeboten gibt es leider auch viel leere Luft, die teuer vermarktet wird mit dem Versprechen, sich damit besser zu fühlen, aber letztlich wird damit wieder nur das Konsumverhalten gefördert, was einen kurzen Kick gibt, aber nicht zu langfristigem innerem Wohlbefinden führt. Seit ich durch die Veröffentlichung meines Buches zur Überwindung psychischen Leids auch irgendwie Teil der Selfcare-Social-Media-Bubble geworden bin, ist meine Aufmerksamkeit auch auf einige Beiträge oder Influencer gefallen, die zwar vielleicht wirklich anderen helfen wollen, zu mehr Wohlbefinden zu gelangen, aber leider auf eine toxische Art und Weise. Dabei wird die genutzte Strategie dann auf einmal zum Nonplusultra, zum einzig wirklich hilfreichen Tool, während andere Herangehensweisen abgewertet werden. Also Vorsicht vor vorschnellen Meinungen: Jedem kann etwas anderes helfen und wir sind viel zu komplexe Wesen, als dass eine Herangehensweise uns auf allen Ebenen erreicht. Welche typischen Botschaften begegnen Ihnen auf Social Media zum Thema Selfcare? Thematisch lassen sich die häufigsten Kernaussagen, denke ich, Sicher kann oder sollte man sich sein Leben lang weiterentwickeln, aber aus einem natürlichen Fluss, nicht aus einem Perfektionsstreben.
22 espresso damit zusammenfassen, dass man selbst wertvoll ist und sich lieben und priorisieren soll, lernt, Grenzen zu setzen, und dass Ruhe und Rückzug legitim sind und nichts, wofür man sich rechtfertigen muss. Aber auch über Routinen, Rituale und Manifestation wird viel gesprochen. Ab wann wird Selfcare aus Ihrer Sicht eher Leistungsdruck als Erholung? Ich denke, das beginnt an dem Punkt, wenn es zu etwas wird, das erledigt werden muss und nicht mehr präsent wahrgenommen bzw. genossen werden kann oder mit Vergleichen einhergeht. Und natürlich, wie ich anfangs erwähnt habe, wenn hauptsächlich das Erreichen des nächsten Schrittes oder eines Ziels im Vordergrund steht. Das sind Punkte, die man selbst mal reflektieren kann, wenn man sich nicht sicher ist, ob das, was man da gerade tut, noch seinem Zweck dient. Gibt es Selfcare-Rituale, die zwar gut aussehen, sich aber gar nicht gut anfühlen? Ich denke, das lässt sich nicht allgemeingültig beantworten, weil das zu individuell ist. Bei Praktiken wie dem neurogenen Zittern oder auch Breathwork, was für viele Menschen einen Weg der mentalen und körperlichen Verbesserung des Wohlbefindens darstellt, können teils tiefe Erinnerungen und Emotionen gelöst werden. Das kann für manche Menschen, gerade mit unverarbeiteten oder verdrängten Traumata, auch mal zu viel sein und sich dann eben nicht mehr gut anfühlen. Da sollte jeder einfach auf sich selbst hören und sich nicht unter Druck setzen, etwas bis zum Schluss durchzuführen, wenn man merkt, dass es einem zu viel wird. Leider kommen auch immer wieder Trends auf, die gesundheitsgefährdend sein können, wie z. B. sich den Mund beim Schlafen zuzukleben: Das soll die Nasenatmung fördern, kann aber besonders bei oft unerkannter Schlafapnoe, sowie bei vielseitigen anderen Ursachen erschwerter Nasenatmung zu Sauerstoffmangel und als Stressreaktion darauf zu Herz-Kreislauf-Risiken führen. Deshalb sollte man sich grundsätzlich einfach vorher informieren, ob das, was man tun möchte, für einen geeignet ist und immer auf das hören, was einem der eigene Körper mitteilt, anstatt krampfhaft etwas durchzuziehen. Wo endet Selfcare und wo braucht es Unterstützung von außen? Eine klare Trennlinie sehe ich da eigentlich nicht. Zum einen braucht es immer Selfcare, auch wenn man professionelle Unterstützung erfährt, sonst kommt man nur schwer voran, und zum anderen sollte man, denke ich, nicht bis zu einem Punkt warten, an dem man wirklich auf Unterstützung von außen angewiesen ist. Oft kann ein Buch, ein Workshop, ein Yogakurs oder was auch immer ja eine Unterstützung von außen sein, die sowohl präventiv als auch akut greift und gleichzeitig Selbstfürsorge darstellt. Wenn man das Gefühl hat, gerade mit etwas nicht weiterzukommen, dann ist es immer hilfreich, sich im Außen umzusehen, wo Inspiration, neue Perspektiven und Möglichkeiten zu finden sind, denn wir lernen nun mal am meisten voneinander, anstatt ganz alleine Lösungswege zu entwickeln – so funktioniert der Mensch nun mal. Was würden Sie Leserinnen und Lesern raten, kritisch zu hinterfragen, wenn sie Selfcare-Tipps im Internet sehen? Grundsätzlich würde ich dazu raten, immer sicherheitshalber einen Gegencheck zu machen, ob es irgendwelche negativen Folgen haben kann oder für bestimmte Personen ungeeignet ist und ob die Angaben auch vollständig sind, denn gerade in sozialen Medien werden Themen oft stark komprimiert, persönlich interpretiert und der Wissenschaftsgehalt wird verwässert. Auch wenn etwas als die einzige Wunderlösung angepriesen wird, werde ich schnell skeptisch. Welche drei Dinge kosten nichts und können Menschen beim Thema Selfcare ausprobieren, ohne sich unter Druck zu setzen? Die Natur ist ein Wunderwerk dafür, und ob Wald oder Stadtpark, normalerweise findet man immer irgendwo einen Fleck Grün, der frei zugänglich ist. Der Aufenthalt, der Kontakt und sogar das bloße Betrachten wirkt wissenschaftlich nachgewiesen entspannend und regulierend auf uns. Beim Spaziergang wird das gleich noch mit den Benefits von Bewegung ergänzt, aber auch einfach auf der Wiese zu sitzen, hat schon positive Effekte. Auch Sport kann jeder mittlerweile mit kostenlosen YouTube-Videos zu Hause machen, und dabei werden nicht nur Stresshormone abgebaut, sondern auch Wohlfühlhormone wie Dopamin, Serotonin Wenn man das Gefühl hat, gerade mit etwas nicht weiterzukommen, dann ist es immer hilfreich, sich im Außen umzusehen, wo Inspiration, neue Perspektiven und Möglichkeiten zu finden sind.
23 espresso und Endorphine ausgeschüttet. Auch für ein Dankbarkeitsritual braucht man nichts (außer vielleicht Papier und Stift) und stärkt damit den Fokus auf das Positive, denn evolutionär nimmt unser Verstand Negatives als potenzielle Gefahr stärker wahr, was uns dann letztlich mental aber schadet. Es geht einfach darum, all das Gute bewusst wahrzunehmen und auch die kleinen Dinge wie ein Sonnenstrahl auf der Haut, ein Lächeln, ein freier Parkplatz usw. nicht zu vergessen. Sie sprechen recht offen über Ihre Phasen mit Depressionen. Aufgewachsen sind Sie in Lippertshofen und haben in Eichstätt studiert. Jetzt leben Sie in Sri Lanka. In Ihrer ersten Email an uns sprechen Sie davon, dass „pathologische Strukturen in der Heimat die Depressionen begünstigen“. Was meinen Sie damit? Das ist tatsächlich ein sehr umfangreiches Thema und bezieht sich nicht nur auf die Region, in der ich gelebt habe, sondern eher auf Deutschland insgesamt, und man kann auch viele Strukturen in noch größerem Rahmen sehen – überwiegend in der westlichen Welt. Damit sage ich nicht, dass es hier in östlichen Kulturen „besser“ ist, das wird dann oft gemutmaßt. Ich habe nur erkannt, dass im klassischen westlichen Weltbild einige Überzeugungen stecken, die sich negativ auf die menschliche Psyche auswirken. Um nur eines anzuschneiden, hat sich beispielsweise im 17. Jh. die These (weiter)entwickelt, dass der Mensch im Grunde ein gieriges, egoistisches, triebgesteuertes Wesen ist, das nur durch zivilisatorische Moral zu einem friedlichen Zusammenleben gebracht wird, so die Fassadentheorie. Unser Staatssystem ist darauf aufgebaut, und auch die Gründerväter in Amerika schlossen sich der Überzeugung an. Wie auch Sigmund Freud und viele weitere berühmte Personen. In den 60ern wurden dann viele sozialpsychologische Experimente durchgeführt, wie z. B. das bekannte Stanford-Prison-Experiment, bei dem Studenten zu folternden Wärtern wurden. Mittlerweile ist allerdings bekannt, dass dieses Experiment, und auch viele weitere, manipuliert, geplant und keinesfalls wissenschaftlich waren. Trotzdem werden sie weiterhin an Schulen und Universitäten gelehrt und prägen das Denken einer neuen Generation, die in Misstrauen vor ihren Mitmenschen aufwächst. Die Forschung zeigt jedoch immer mehr den altruistischen Charakter des Menschen, der gerade in Krisen zunimmt. Was ein pessimistisches Menschenbild schon ausmacht? Die Verwirklichung dessen durch den Noceboeffekt, weil Menschen es als Wahrheit glauben, und die ständige Stimulierung des Gehirnbereichs, der für Pessimismus zuständig ist, und neurologisch betrachtet ist eine Depression nichts anderes als pathologischer Pessimismus, da genau diese Gehirnregionen hyperaktiv sind. Was hoffen Sie, dass Leser nach dem Interview anders sehen? Ich hoffe einfach, dass das Bewusstsein entsteht, dass nicht jedem das Gleiche hilft und man deshalb ruhig ein paar mehr Sachen ausprobieren sollte, um etwas Passendes für sich zu finden. Und natürlich auch, dass jede Medaille auch eine Kehrseite hat und man vor der nicht die Augen verschließt. Das heißt ja nicht, die Vorteile und Möglichkeiten von etwas kleiner zu machen, wenn man auch über Risiken spricht, im Gegenteil, ich denke, dadurch vergrößert sich das Wirkungspotenzial. Sophia D. Sommar (*1998) ist in Lippertshofen aufgewachsen und studierte Soziale Arbeit an der KU Eichstätt. In ihrem Buch „Erkenntnis und Verständnis“ teilt sie ihre Erfahrungen mit Depressionen und Angststörungen. Mit einem holistischen Ansatz versucht sie, anderen Betroffenen zu helfen. Heute lebt Sommar mit ihrem Mann in Sri Lanka. Anzeige
www.espresso-magazin.deRkJQdWJsaXNoZXIy MTYzMjU=